Aktuelles
 
 Oasentag im Kloster Germerode am 30.8.2008


Oase! Lang entbehrtes frisches Wasser fällt mir ein, Ausruhen unter schattigen Bäumen, Schutz vor der glühenden Sonne, feste Mauern, die der allgegenwärtige, alles durchdringende Sand nicht erreicht.
Haben das die fünfzig haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter des Hospizvereins im Sinn, als sie an einem strahlenden Morgen Ende August in den Bus steigen? Ihr Ziel ist das Kloster Germerode am Rande des Hohen Meissners, ein Kloster von dessen Existenz ich bis dahin noch nichts gehört hatte.

Kloster - vielleicht noch geheimnisvoller als eine "Oase". Ich denke an meinen Geschichtsunterricht in der Schule, an viele hundert Jahre alte Mauern, an Mönche und Nonnen, die mitten in der Nacht aufstehen, um zu ihrem Gott zu beten, zu singen, zu schweigen. Ora et labora, beten und arbeiten.

Auf unserer Busfahrt ist von Oase und Kloster noch nichts zu spüren. Helles Lachen und fröhliches Stimmengewirr prägt die Fahrt. Daran sollte sich auch im Kloster Germerode nichts ändern. Das macht Dr. Manfred Gerland , der Leiter des Klosters, in seiner kurzen Begrüßung deutlich. Dann empfängt uns die romanische Klosterkirche ein erste Mal. Was und wen die schon alles gesehen hat? Achthundert Jahre sind mehr als eine lange Zeit. Ich komme mir klein vor, ein Sandkorn im Vergleich zur der langen, wechselhaften Geschichte der Klosterkirche. Wir singen und der Schall unserer Stimmen steigt durch die sonnendurchfluteten Fenster nach oben. Ob er uns hört, denke ich?

Wir beginnen einen langen Spaziergang - schweigend. Wie schwer es doch ist, gerade jetzt nichts zu sagen, gerade jetzt, wo mir so viel Berichtenswertes auffällt. An einzelnen Stationen - ein Kreuzweg geht mir durch den Sinn - werden die einzelnen Sinne bewusst angesprochen: Wie lange habe ich keine Kartoffelerde mehr gerochen, die Krumen langsam durch meine Hand rieseln lassen? - Anstrengend ist es dreißig Kilometer vom lärmenden Kassel entfernt, einzelne Geräusche bewusst zu hören. Wie laut die Menschen auf dem Sportplatz sind und wie meine Ohren arbeiten müssen, um den Wind zu fassen, der durch die Gräser zieht!. - Im Schwimmbad barfuss zu gehen, ist so ganz anderes als hier. Ich spüre jeden Stein, Gras kitzelt meine Fußsohle und ich stöhne, weil auch kleine Äste ganz schön pieksen können. Lange zurückliegende Erfahrungen steigen auf… - Es fällt mir nicht leicht, die Wiese oberhalb von Germerode zu verlassen: Den Blick in die weite Landschaft mit ihren geschwungenen Hügelketten aufzugeben, die verlassene Landstraße, die irgendwo im Mittagsdunst verschwindet, die Sonnenblumen direkt vor uns - manche noch in voller gelber Pracht, andere schon welk oder verdorrt. Lebende und sterbende Sonnenblumen, eine am Horizont verblassende Landschaft - welch ein großartiges Symbol für das, was wir im Hospizverein tun.
Als Mitbringsel legen wir große und kleine Steine auf den Altar der Klosterkirche, vertrauen die Lösung unserer Probleme und Problemchen einer Höheren Macht an, schicken sie mit einem Kyrie eleison hoch in den Himmel.

Nach dem Essen recken und strecken wir unsere Glieder, angeleitet von einer sanften ruhigen Stimme. Einigen wird dabei wohlig schläfrig. Sie fliehen in den Klostergarten. Wir sehen uns später in der Kirche wieder, ziehen gemeinsam wie vor langer Zeit die Mönche mit einem "Kyrie eleison" auf den Lippen in die Kirche ein. Ich bin tief bewegt, ahne, warum man ein Leben als Mönch- oder Nonne aushalten konnte: Das Kloster als spirituelle Oase, als täglich mehrmalige Besinnung auf sich selbst. Spüren, was wichtig und unwichtig ist, gelassener auf Morgen schauen, das Gestern unverkrampft loslassen.

Helles Lachen und fröhliches Stimmengewirr prägt auch unsere Rückfahrt, konnten aber das Kyrie eleison tief in mir nicht übertönen. Noch heute, Wochen nach dem Oasentag, laufe ich hin und wieder Kyrie-eleison-summend durch’s Haus. Danke, für diesen schönen Tag. Es hätten auch zwei oder drei sein dürfen. Gerne hätte ich dafür bezahlt.


Friedhelm Marciniak
Ehrenamtlicher Mitarbeiter

Zurück...