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Sa 23.03.2013 10:28  (Pilgern)

Reisebericht von der Pilger- und Studienreise vom 11.-18.03.2013 in die Türkei

Liebe Birgit,
über den Wolken, einem stillen, weißen, weichen Meer gleich, darüber Himmelblau bis zum Horizont und - grauen spitzigen Fliegen mit grauen Schwänzen ähnelnd - einzelnen Flugzeugen in Sichtweite
bin ich auf der Rückreise von Istanbul nach Frankfurt. Von Antalya nach Istanbul war jetzt im Frühling der kühlen Luft wegen die Sicht so klar, dass wir, die am Fenster saßen, fast jedes Detail auf den Häusern, Seen, Flüssen, Bergen, Straßen erkennen konnten während des niedrigen Inlandflugs über das sonnige Westanatolien. Ein Geschenk des Himmels im wahrsten Sinn des Wortes.
Poah, Du, d a s ist ein Urlaub! Alles stimmt. Das erste Hotel in Kusadasi - vom Feinsten! ... Ebenso die tägliche Begleitung von Erol, unserem perfekten Guide, seine umfassende Informiertheit, Souveränität, differenzierte, lebendige Sprachfähigkeit. Höflich, authentisch, wertschätzend, disziplinvoll, gelassen, interessiert, persönlich, engagiert hat er auch Extrawünsche ermöglicht. Voller Wertschätzung und wacher Nachdenklichkeit bezüglich Menschen in unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten und gegenüber dem, was ihn bei uns Christen berührte, war er wach mit uns unterwegs. Wir ReiseteilnehmerInnen und die Teamer - jedeR auf eigene Weise in den Tagen unterwegs - wurden behutsam zu einer lebendig-vielfältigen geistlichen Gemeinschaft im Lauf dieser gemeinsamen Pilger- und Studienfahrt.
Immer entlang der Texte aus Offenbarung (Sendschreiben), Apostelgeschichte, Epheser- und 1.Korintherbrief, je nachdem, welche Paulusorte wir betraten, waren wir miteinander unterwegs, etwa 25 Menschen. Es gab sehr dichte Momente, bestimmt von lichter Freude und Glaubenshoffnung. Ein Geschenk, die Gebete und Lieder im Bus, die Begegnungen mit Mitchristen und verschiedenen Menschen aus Deutschland, der Türkei, ein Blick auf lokale und globale Veränderungen und Entwicklungen.
Und die Orte, an denen wir waren! Viiiiiiel Antikes, Bauten, Kunstwerke, Relikte, die Christengeschichte lebendig werden lassen ,Dank unseres evangelischen Geistliches-Zentrum-Pfarrers, des Franziskanerpaters, unseres Guides und der unermüdlichen Arbeit von Veli, dem Fahrer des otobüs. Unsere Spirituale haben uns bestens begleitet. Ihre liebevoll-wache Präsenz und Demut tun einfach gut. (Tja, solche Früchte soll’s geben bei kontemplativen Menschen in der Nachfolge Jesu ;-) Die gute, denkerisch durchdrungene und offensichtlich durchlebte theologisch-geistliche Vollwerkost und ihre unaufdringlichen, klaren christlichen Positionen waren mir sehr wertvoll.
Frühling, Regen, Wind, Sonne, Grün, zartes Blühen, Vogelgesang (Störche!), Berge mit Schnee, Meer. In einer Bucht ankerten wir unser Boot, das uns vorbei an lykischen Gräbern und Resten von Ortschaften, einer Kirche u.a. an wunderbare Plätze gebracht hatte. Flugs nutzte ich die Chance, im klaren kalten Wasser unter strahlendem Sommerhimmel eine Runde zu schwimmen. Abendmahl, , Picknick, Singen. Wow! Das war auch am frühen Morgen nach dem Ruf des Muezim am Strand beim Warten auf die aufgehende Sonne ein Geschenk: Nach einem Spaziergang im Morgengrauen Stille halten auf einer Liege, direkt am Meeressaum platziert, und dann Gottes Lob singen und türkische Lieder. Später dann ein Frühstück mit allem, was das Herz begehrt und auf in den Tag mit neuen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen und Orten. Was wir gesehen haben: vom Feinsten! All die antiken Stätten, mir schwirrt der Kopf von den Namen, die mir als geschichtlich bisher ziemlich uninteressierter Frau, alle ins Ohr gefallen sind. Umso mehr Bilder habe ich mit dem Herzen fotografiert (musste ich auch, denn vor Ephesus - ausgerechnet! - hatte mein Fotohandy schlapp gemacht.) Und ein ganzes DIN A 5 - Buch voll habe ich fast jedes Wort  mitgeschrieben von dem, was uns Erol und unsere geistlichen Begleiter erzählt haben. Manchmal waren es sogar nur die beiläufigen Bemerkungen, türkischen Bonmots, sprachlich interessanten Wendungen, Zusatzinfos zu den Ausführungen unseres Führers, die ich ganz wach aufgenommen habe. Und außer all den Infos über historische Größen, Gebäude, Landstriche haben mich auch viele aktuelle Infos über die Türkei und das mehr und mehr globalisierte Leben - mit all seinen Vor- und Nachteilen erreicht.
Mittelmeerländer fand ich bisher immer uninteressant. Das hat sich gründlich geändert. Ich bin neugierig geworden. Wenn ich etwas kapiert habe, dann das: ohne das Aufeinandertreffen verschiedener Hochkulturen aus Ost und West in diesem Kleinasien-Anatolien (anadolu - fruchtbares Mutterland) und die Handelstransfers in und um die bedeutenden geistigen und wirtschaftlichen Zentren wären wir heute nicht da, wo wir sind. Ohne die Christen, die in den frühen Konzilien gerungen haben um Einheit und klare Positionen, wären wir wahrscheinlich nicht mal Christen, der damals neue Glaube einfach weg vom Fenster. Poah! Danke.
Aber immer, wenn ich all die Prunkbautenruinen aus den verschiedenen Epochen von über 2000 Jahren in und um Izmir-Smyrna, Bergama-Pergamon, Milet, Didyma, Efes-Ephesus, Nysa, Phaselis, Demre-Myra, Kekova sehe und das frühlingswunderbare Blühen und Grünen, drängen sich mir die Bilder der Menschen auf, die nicht auf der Sonnenseite der Großen und Reichen lebten, die Menschen, auf deren Rücken all das entstanden ist, was heute noch besteht. Die Hütten und Namen und Leiber der Sklaven sieht man nicht. Das war auch ein heftiges Thema, was - besonders in dem zweiten Hotel - hinter allem Hochglanz stumm schreit: die Lebens- und Arbeitsbedingungen all derer, die dafür schaffen, dass wir für nur 700€ - und manche der internationalen Gäste noch billiger - fliegen, fahren, essen, wellnessen, pissen und hervorragend bedienstleistet all das genießen können, was wir erlebt haben.
Oh, Frankfurt ist in Sicht! Alles rundum mit Puderzucker überstäubt, Wiesen, Äcker: wunderbar -
grau!

Poah, Birgit, vor 30 Jahren hatte Gülfüroz mich immer wieder eingeladen, mit ihr ihr Land zu besuchen. Immer waren die Kinder und Arbeit dringlicher. J e t z t war ich eine Woche in der Türkei!
Teschekür ederim,

D Anke