Pilgern - Erfahrungsberichte

18.07.2004 Von Erfurt nach Frienstedt

von Karin Backhaus

Sonntag, 18. Juli 2004

Tagesbericht
Von Erfurt nach Frienstedt


Sonntag in Erfurt: 1. Pilgertag. Nun bin ich das erste Mal aufgewacht auf meiner Isomatte, nachdem ich bis kurz vor 6 Uhr tief und fest auf steinhartem Fußboden geschlafen habe. Ach so, nur zwei Waschbecken für uns, wird schon gehen, in mir breitet sich Gelassenheit aus. Hauptsache, ich bin angekommen und es geht los. Wieder hier! Wie habe ich mich in den letzten Wochen danach gesehnt, wieder auf dem Weg zu sein mit Euch zum Gehülfen. Schön Euch wiederzusehen, die wie ich die letzten zwei Male auch mitgelaufen sind. Und gespannt bin ich auf Euch, die Ihr das erste Mal mitlauft. Ich freue mich riesig auf das Laufen den lieben langen Tag lang durch die Natur, auf das Kennenlernen eines kleinen Ausschnitts von Deutschland mit den Füßen, auf die geistlichen Impulse, auf die täglichen Gottesdienste, auf die Gespräche und... auf die Zeiten der Stille! - Gestern habe ich das Küsteramt übernommen: Ich werde Kerzen auf die Altäre der Gemeinden stellen, die uns aufnehmen und Licht anzünden in den Kirchen, in die wir einkehren werden. Eine schöne Aufgabe.

Nach dem Frühstück beginnen wir einen von Heide geführten Gang durch Erfurt. An der Zitadelle vorbei kommen wir zunächst zum Gutenberg- Gymnasium, in dem vor 2 Jahren Schüler und Lehrer ums Leben kamen durch einen Mitschüler, der wohl selbst in großer Not war. Wir halten inne mit einer Schweigeminute und beten. Dann singen wir "we shall overcome"... und ziehen weiter ... und kommen am ehemaligen Gefängnis der Stasi vorbei. Heide führt uns nun durch eine wunderschöne farbenprächtige verwinkelte Altstadt. Wir sehen über der Gera die alte Krämerbrücke, die mich an die Ponte Vecchio von Florenz erinnert. Im Mittelalter lag ja die Großstadt Erfurt an der wichtigen via regia, einer Handelsstraße von Kiew quer durch Europa bis ins Rheinland. Diese Straße diente gleichzeitig den Jakobspilgern, ihren Weg nach Santiago zu finden. Damals soll es in Erfurt 11 Klöster und 25 Kirchen gegeben haben. Wir sehen auch Häuser der alten Universität und kehren ein in die Predigerkirche der Dominikaner, in der Meister Eckhart gelehrt hat. Dann ziehen wir weiter zum Augustinerkloster, dem einst der Mönch Martin Luther angehörte. Uns erwartet ein sehr bewegender Taufgottesdienst der evangelischen Kommunität Casteller Ring, in dessen Verlauf vier Erwachsene und ein Kind getauft werden. Wir nehmen gerne teil und dürfen uns an unsere eigene Taufe erinnern.

Nach einer Mittagspause im Kloster haben wir noch eine Zeit der Ruhe und Stille im Kreuzgang, bevor wir uns auf den Klosterwiesen zum Bibelteilen treffen. Dann laufen wir weiter aus Erfurt heraus, an Schrebergärten vorbei, Richtung Frienstedt, unserem heutigem Nachtlager. Ich genieße die Wärme der Sonne, die Kühle des Wassers und die Weite des Landes; alles, was ich zur Zeit so dringend benötige. Zwischendurch halten wir an für den religiösen Impuls, die Puncta. Janina spricht über den heiligen Bonifatius und die Verbindung zu unserem Thema "Im Glauben unterwegs". Sie erzählt von dem Fällen der Donareiche durch Bonifatius und malt uns darin ein Bild für seine Radikalität, das Alte zurückzulassen und einen Neubeginn zu wagen. Schließlich fragt Janina: "Was lassen wir zurück auf unserem Weg? Was wollen wir zurücklassen, um gehen zu können? Und was werden wir mittragen?" Sie entlässt uns mit diesen Fragen in die Stille hinein. Für die nächste Zeit habe ich gut zu tun, abzuwägen was ist alter Ballast, den ich abwerfen könnte, was muss ich notwendigerweise mit-nehmen und durchtragen bis zum Gehülfen?

In Frienstedt angekommen befürchten wir ein Unwetter. Das Abendbrot ist draußen geplant. "Lieber Heiland, warte noch eine halbe Stunde mit dem Gewitter. Wir wollen erst essen", heißt es schmunzelnd. Es hat geklappt, die ersten Tropfen fallen, als wir satt sind. Nun sucht sich jede(r) einen Schlafplatz. Im Angebot sind Zimmer für Männer und für Frauen und die Kirche. Ich entscheide mich für die feuchtkalte Kirche, und erkunde ihre Empore. Hier auf dem Holzfußboden lässt es sich bestimmt gut schlafen. Um 20 Uhr treffen sich alle Pilger in der Kirche zur Komplet. Wir singen unsere Pilgerlieder und beten. Die zwei Tagespilger Bodo und eine Erfurter Freundin von Heide verlassen uns. Dietmar kommt hinzu. Manfred Gerland bietet ausdrücklich seelsorgerliche Gespräche aller mitlaufenden evangelischen und katholischen Theologen für die nächsten Tage an. Ein letztes Lied und wir gehen schweigend in die Nacht. Wohltuend umhüllt mich die Stille, mir ist kalt und ich bin müde. -

Karin Backhaus



Pressenotiz

Thüringische Landeszeitung vom 19.07.04

Ressort: Lokales Heiligenstadt

TAGEBUCH

Beten auch für Pater Eusebius


Erfurt/Hülfensberg. (tlz/ebe)

Die 62 Fußwallfahrer, die Sonntagmorgen von Erfurt, den Pilgersegen hatte Weihbischof Koch gespendet, zum ökumenischen Pilgerweg zum Hülfensberg aufbrachen, trafen gestern gegen 18 Uhr in Frienstedt, dem ersten Etappenziel, ein. Die ersten 17 der 130 Kilometer zum Berg des Gehülfen haben alle gut bewältigt, bestätigten Pfarrer Manfred Gerland von der Evangelischen Pilgerstätte

Kloster Germerode und Pater Rolf (Hülfensberg).
Von Gerland und Pater Eusebius, der schwer erkrankt im Kloster Werl lebt, war die Initiative zu dieser Wallfahrt ausgegangen.

Pater Eusebius fehlt uns sehr, wir laufen und beten für ihn mit, so Wallfahrtsführer Hans-Werner Krause, der zum sechsten Mal dabei ist.

Taufgottesdienst in der Augustinerkirche ErfurtTagesziel: Frienstedt