Pilgern - Erfahrungsberichte

19.07.2004 Von Frienstedt nach Gotha - Gerda Bauer

Montag, 19. Juli 2004

Vorwort
Von Frienstedt nach Gotha


Ich habe JA gesagt! Ja zu meinem 5. Pilgerweg. Ja zu diesem Pilgerbericht. Nun sitze ich an meinem PC, die Aufzeichnungen liegen vor mir. Das Schreiben fällt mir nicht leicht. Es ist inzwischen so viel passiert:

Mit Jochen habe ich einen Traumurlaub in der Türkei verbracht. Eine Woche unter einfachen Bedingungen auf einer Gurlet gelebt, die Nächte unter freiem Himmel auf Deck, sozusagen Pilgern auf dem Wasser entlang der lykischen Küste!

Kaum Zuhause ange-kommen, erwartete mich eine traurige Nachricht. Auf dem Hülfensberg haben wir uns inzwischen von Pater Eusebius, dem Mitbegründer dieses Ökumenischen Pilger-weges, für immer verabschieden
müssen. Er hat seinen letzten Pilgerweg ange-treten. Ich bin mir sicher, er wird uns auch weiterhin be-gleiten!
Eine Deutschlandtour über die Rhön, Heidelberg und München und zurück über Hanau, stand ebenfalls auf unserem Ferienplan. Dabei haben wir meinen Bruder, unsere Söhne und südhessische Verwandtschaft besucht: Zeit haben für die wichtigsten Menschen in unserem Leben.
Jetzt bin ich bereit, wieder einzutauchen in die erste Ferienwoche und begebe mich erneut auf Pilgerschaft.
Tagesbericht

Die Nacht war kurz. Christel und ich hatten den gemeinsamen Schlafplatz kurzfristig von draußen in die Miniküche verlegt, denn keine Nacht war bisher trocken geblieben. Doch unsere Wahl stellte sich dann als nicht besonders tauglich heraus. Die einzige Toilette war nur über diese Küche erreichbar. Gegen 5.30 Uhr stelle ich mich zermürbt, aber dennoch hoffnungsfroh dem anbrechenden Tag. Ich fange mit der wichtigsten morgendlichen Übung an, begrüße meine Füße mit einer ausgiebigen Massage. Jeder einzelne Zeh wird mit kreisenden Bewegungen einbalsamiert. Ich gehe inzwischen sehr liebevoll mit ihnen um, denn sie müssen mich auch heute wieder eine lange Wegstrecke tragen. Ich bin bislang blasenfrei alle Pilgerwege gelaufen, dank dieser frühmorgendlichen Prozedur!
Um 6 Uhr läuten die Glocken. Janina spielt leise eine Gitarrenmelodie. Langsam werden die Pilgerinnen im Nebenraum wach, räkeln sich und stehen schweigend zum Waschen in der kleinen Küche an.
Um 6.45 Uhr sitzt die Pilgerschaft geschlossen an dem reich gedeckten Frühstückstisch. Janina stimmt zur Morgenandacht Lied 31 "Durch das Dunkel hindurch" an. Willi ist schon wieder gut gelaunt. "Für unterwegs ist gesorgt, nur euere Sünden müsst ihr selbst tragen!" Diese vertrauten humorigen Bemerkungen machen manches leichter! Schmunzelnd nehmen wir das Frühstück ein und das tägliche Miteinander kann beginnen. Pater Rolf hält um 8 Uhr die Heilige Messe. Der Text knüpft an das tiefste Geheimnis unseres Glaubens an, das Jesus für uns gelitten hat, was wir Christen als österliches Geheimnis bezeichnen: In Ehrfurcht den Weg gehen mit Gott, in Ehrfurcht leben mit Gott.
Die Worte hallen in mir nach. Jetzt heißt es wieder aufbrechen. Wir verabschieden uns bei der Pfarramtshelferin Frau Dimpel und Willi gibt die "Schlüsselgewalt" zurück. Unser heutiges Tagesziel ist die Versöhnungskirche in Gotha. Mit viel Zuversicht machen wir uns wieder auf den Weg, verlassen Frienstedt und gehen auf dem Jakobsweg am Landgasthof Fürstenhof vorbei. Der Fürstenhof ist auch Pilgerherberge und bietet Pilgern 10 % Rabatt auf Unterkunft und Speisen.
Ich versuche meinen Laufrhythmus zu finden. Am liebsten wäre ich erst einmal mit mir allein. Doch schon bald nehmen mich Gespräche in den Bann, und ich merke weder Zeit noch Raum. Für die erste Rast zur morgendlichen Puncta sucht Manfred ein passendes Plätzchen. Wir lassen uns nieder und nehmen erst einmal einen Schluck aus der Flasche. Trinken ist wichtig auf so einem langen Weg.
Der geistliche Impuls ist auf das Heiligsein gerichtet. Heilig im normalen Leben ist nicht immer positiv besetzt. Wir denken dabei auch an Scheinheiligkeit. Die Verknüpfung von Heiligkeit mit Moral ist zwangsläufig. Warum ist das so? Eine Frage, die ich mir bis dahin so nie gestellt habe. Im 3. Buch Moses sagt Gott zu den Menschen, ihr sollt heilig sein. Gottes große Liebe ergießt sich über die Menschen, die göttliche Liebe erfasst das gesamte Universum. Die Liebe als Energiequelle, die sich überall in der Natur erschließt.
Mutter Theresa, Franz von Assisi sind beispielhafte Personen, die die Liebe in sich hatten und ihre unermessliche Liebe auch in die Welt hinaus getragen haben.
Manfred fordert uns zu einer spirituellen Übung auf:
Wir stellen uns in einen großen Kreis, um die Liebe und Güte Gottes aufnehmen zu können. Um sicher und fest zu stehen, richten wir uns schulterbreit aus. So erden wir uns, recken die Arme in die Höhe und atmen die Liebe Gottes tief ein. Beim Ausatmen lassen wir die Arme fallen und streifen symbolisch alles Belastende ab, leiten es in den Boden. Wir richten erneut unsere Aufmerksamkeit auf das Einatmen, auf die Liebe Gottes.
Manfred gibt uns für die anschließende Stillezeit Fragen mit auf den Weg:
Warum haben wir Angst davor, heilig zu sein?
Wie können wir uns der angetragenen Liebe öffnen und sie weiter in die Welt tragen? Denn Heilige tragen die Liebe unverkrampft in die Welt!
Wo sehe ich Gottes unermessliche Liebe?
Wo kann ich Liebe weitergeben?
Diese Fragen nehme ich während der einstündigen Schweigezeit fasziniert in mich auf.
Heiligsein ist jetzt bei mir mit Ehrfurcht besetzt!
Gottes Liebe spüre ich ganz intensiv in der Vielfalt und Schönheit der Natur zu beiden Seiten des Pilgerweges: riesige Getreidefelder mit rotem Mohn übersät -nicht nur ich denke an van Gogh- die beginnende Kartoffelblüte, wilde Kirschen, blühende Lindenbäume, vollbehangene Mira-bellenbäume, Brombeerhaine, aber auch Schnecken und Käfer zwischen Kieselsteinen in den unterschiedlichsten Form- und Farbspiege-lungen.
Garbsleben lassen wir hinter uns. Um 12 Uhr ist kurze Mittagsandacht, die weltweit gehalten wird. Lied 121 "Wir haben Gottes Spuren festgestellt" singen wir im Anschluss.
"Wie wahr", denke ich!
Kurz vor dem Ziel zur Mittagspause in Tütleben beginnt es zu regnen. Erwartungsfroh sehen wir den gelben Bus vor der evangelischen Kirche stehen. Willi und Hubert sind total aufgelöst, da sie seit einer Stunde vergeblich den Pfarrhaus- bzw. Kirchenschlüssel suchen. Hungrig und durstig warten wir brav auf irgendeine Entscheidung. Einige Helfer zerkleinern im Bus die Vitaminration: Möhren, Paprika, Kohlrabi, Gurken. Doch schon kurze Zeit später hat Willi auch dieses Schlüsselproblem gelöst. Die kleine Kirche öffnet sich für uns und wir singen dankbar "Pilger sind wir Menschen". In kürzester Zeit ist ein herrliches Büfett mit all den Köstlichkeiten aufgebaut.
"Essen und Trinken halten Leib und Seele zusammen!" Mit diesem Spruch bin ich aufgewachsen, und er hat auch heute noch seine Gültigkeit. Ich nehme mir eine Fischkonserve, etwas Grünzeug, eine Scheibe Brot und suche mir auf den vorderen Kirchenbänken einen Sitzplatz. Mein Blick schweift umher. An der Kanzel hängt ein bedrucktes Tuch "Frieden sei mit euch!" Diesen Frieden spüre ich in diesem Moment auch. Mein Bauch füllt sich. Die nassen Kleider sind abgelegt. Der wärmende Tee tut so gut. Mir fehlt nichts. Ich fühle mich gesättigt in allen Bereichen. Mein zufriedener Blick wandert zum Kirchenhimmel, der über und über mit Sternen auf hellblauem Grund bemalt ist. Sonnenstrahlen fallen in den Innenraum der Wehrkirche und lassen den abbröckelnden Putz an den Wänden milder betrachten.
Um 14 Uhr halten wir im Pfarrgarten Schrift-kreis: Lukas 19,1-10. Zwanglos finden sich immer Gruppen von 8-10 Pilgern. Jeder liest den Text erst einmal für sich, bevor er laut von einem Pilger der Kleingruppe vorgelesen wird. Nach einer Zeit des Nachdenkens gibt jeder das Wort oder den Satz, der für ihn bedeutsam ist, in die Runde.
Diesen Text habe ich oft im Religionsunterricht in der Grundschule behandelt. Heute habe ich eine andere Brille auf, durch die ich Zachäus betrachte. Er ist klein von Gestalt. Das bin ich auch. Sich sichtbar machen. Zachäus schafft es mit seinen Mitteln. Jesus sieht ihn und lässt Heil über sein Haus widerfahren. Für mich bedeutet es Anknüpfung an die vormittägliche Puncta. Es ist nie zu spät.
Im Schriftkreis wird nicht diskutiert. Meinungen, Gefühle, Sichtweisen bleiben unwidersprochen stehen oder werden ergänzt. Ein Lied oder Gebet beendet den Schriftkreis.

Wir setzen unseren Weg Richtung Gotha fort. Wir bilden später 3 Gruppen. Jeder hat die Möglichkeit zu meditieren und kann seine Form wählen: Rosenkranz, Herzensgebet oder Schweigen. Ich entscheide mich heute für das letztere.
Meine Füße sind bleischwer. Die Waden fühlen sich hart an. Der Weg war von Anfang an geteert. Die gesamte Strecke auf hartem Asphalt. Teilweise ist es sicherlich DDR-Geschichte, der wir da begegnen. Die großen Felder konnten und können nur mit den entsprechenden Fahrzeugen bewirtschaftet werden. Andererseits ist dieser Weg erst im Frühjahr angelegt bzw. übergeben worden und als Jakobsweg ausgewiesen. Die Jakobs-muschel an Weggabelungen machen darauf aufmerksam. Hat man vergessen, dass sich Menschen auf den Weg machen? Diese Gedanken begleiten mich und werden erst weggewischt , als wir das letzte Stück singend durch Gotha laufen:
"Ich will einziehen in das Tor…."
Kurz vor dem Erreichen des Tageszieles schleicht sich ein Glücksgefühl bei mir ein. Ich nehme die teilweise verwaisten Plattenbauten nur am Rande wahr. Bald sind wir da. Ein gutes Gefühl. Wir erreichen eine grüne Oase und schon weiß ich wieder, dass es sich gelohnt hat. Der Anblick versöhnt mich mit all den überstandenen Strapazen. Es blüht und grünt. Als Augenmensch werde ich verwöhnt, sehr verwöhnt. Aber zuerst heißt es in die Kirche einziehen. Janina stimmt das Dankeslied "Ich singe dir mit Herz und Mund" an. Frau Pfarrerin Liebe und ihr Mann begrüßen uns herzlich in dem 19Jahre jungen Gemeinde-zentrum.
Christel und ich haben schon eine wichtige Entscheidung durch Blickkontakt getroffen. Unser Nachtlager werden wir auf der groß-zügig überdachten Veranda aufschlagen. Ein nächtlicher Regenguss kann uns hier nichts anhaben. Schnell ist die Matte und der Schlafsack ausgebreitet. Die schmerzenden Füße werden von den Wanderschuhen befreit. Auch heute bin ich blasenfrei geblieben. Danke, lieber Gott!

Willi und Hubert haben zwei Sorten Bohnen-suppe für uns zur Auswahl. Der Ausschank ist unter einer herrlichen alten Eiche plaziert. Eine Rundbank bietet Sitzmöglichkeit. Es schmeckt wie immer köstlich.
Dona, nobis pacem singen wir im Kanon. Cornelia hat ein Stück Stoff ausgelegt. Einige Pilger schwingen den Pinsel. Bis zum Abend-gespräch mit dem Pastorenpaar will ich mich ausruhen. Ich bin todmüde. Ich lege mich auf meinen Schlafsack. Die violetten Hänge-petunien halten meinem Blick eine Weile stand. Dann nehme ich den Pfarrgarten in voller Schönheit wahr. Er ist auf zwei Ebenen angelegt und wird im unteren Teil von einer Eiche dominiert. Am Ende des Geländes ist der Kirchturm gesetzt. Der Rasen ist frisch gemäht. Die Rabatten sehr gepflegt. Zu dem Gemeindezentrum gehört außerdem eine kleine Kapelle.
Mitten in der Nacht wache ich auf. Oh, Gott, ich habe die Besprechung verschlafen. Ich schreibe doch das Protokoll, wie peinlich! Am nächsten Tag erklärt mir Christel ihre Absicht, mich zu wecken, sei fehlgeschlagen. Sie hat es nicht über das Herz gebracht, mich aus dem Tiefschlaf herauszureißen.
Nach dem Frühstück erfahre ich den Nachtrag zum Pastorenehepaar und seinen Aufgaben. Eine Geschichte, die so nur das Leben schreiben kann. Herr Liebe hat aus Liebe zu dieser Frau seine Pastorenstelle aufgegeben. Er konvertierte und ist heute ehrenamtlicher Pfarrer ohne Bezüge. Er engagiert sich in der Hospizarbeit. Seit 7 Jahren sind Frau und Herr Liebe verheiratet und arbeiten gemeinsam in der Ver-söhnungskirche von Gotha. Wenn das nicht ein wunderschöner Bild für praktizierende und gelebte Ökumene ist…
Junge Familien gehören zu diesem Kirchenbezirk. Viele von ihnen fühlen sich getragen in den vielschichtigen Aktivitäten und nehmen die Angebote gerne an. Zwischen 40-70 Gottesdienst-besuchern werden an normalen Sonntagen erwartet. Das Be-mühen dieses Paares trägt Früchte.
Ich nehme das Ehepaar Liebe als Beispiel einer gelebten Liebe in der gemeinsamen Hinwen-dung zu Gott mit nach Hause!

Gerda Bauer