Pilgern - Erfahrungsberichte

21.07.2004 Von Mechterstädt nach Eisenach - Wolfgang Krahn

Mittwoch, 21. Juli 2004

Tagesbericht
Von Mechterstädt nach Eisenach
Aufgeweckt von Luftvibrationen, Schwingungen, die uns in Bewegung bringen, der Körpertambura.
Arne: Ich hab`grad`noch so tief geschlafen.
Luft raus, Waschen, Packen. Wie geschäftige Bienen huschen wir umher. Gemächlich, eilig. Das Summen fehlt. Wir sind im Schweigen. Ein Blinzeln da, ein Lächeln dort, ein Nicken. Wunderbar.Ich fühle mich aufgehoben. Müde und leer.
Behinderte Menschen grüßen vom Balkon. Von Gleich zu Gleich. Ja? Ja! Das weckt mich auf. Angekommen.
Morgenandacht(Janina),Einstimmen auf Gott. Durch das Dunkel hindurch scheint der Himmel hell... steht auf, steht auf. So hell soll auch die Erde sein. Lied 31.
Ich bin bereit, Gottes Honig zu saugen, los - gehen. In den offenen Tag. Der Tag birgt viel Neues. Er ist Geschenk. Wohltuende Begegnungen.
Schmerzende Erinnerungen.
Befreiungen.
Und.
Alles ist offen.
Zum Lied gibt es noch eine liebevolle Gutenmorgengeschichte. Die Venushöhle und Tannhäuser!
1 Jahr Lust und Liebe, von Venus nur entlassen, wenn er für immer zurückkehrt. Der Papst außer - sich, Vergebung und Frieden, wenn der verdörrte Stab grünt, der Stab grünt. Die Schuld (welche?)war ihm verziehen. Tannhäuser blieb für immer im Berg. In der Liebe.
Gebet zum Offenwerden für Gott.
Frühstück mit Kaffee, halböffentlich, Willkommen im Club.
Lied 135 "Wenn das Brot, das wir teilen als Rose blüht...dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut... in der Liebe, die alles umfängt".
Hinweis auf Gottes Brot- und Rosenwunder.
Loslassen - Aufbruch - Losgehen.
Unterwegs anhalten zur P... (?)
Brotgeschichte von Elia erlebt... (Fredy)
Engel: Steh auf und iß. Du hast einen weiten Weg vor dir.
Nein, laß mich in Ruhe! Genug! Es reicht!
Doch Elia stärkt sich und geht einen weiten Weg. 40 Tage und 40 Nächte. Bis auf den Berg Gottes, den heiligen Berg Horeb.
Elia geht es zunächst wie mir (und auch mir geht es in dem Fortgang der Geschichte ebenso).
Nur noch schlafen vor Angst, Schuld und Ausweglosigkeit. Am liebsten nicht mehr aufwachen. Versinken in das Dunkel.
Elia verschließt sich der Berührung durch den Engel (Gott). Er will nichts mehr hören und sehen. Einfach liegen bleiben. In dieser vertrauten, letzten vertrauten
Zuflucht (?) bleiben.
Dann doch Anrührung. Elia "geschieht" die Anrührung, die ihn öffnet, der Panzer zerspringt, er atmet wieder Luft. Gottes Liebe. Elia sieht sich um. Sieht und hört.
Elia sieht das frische Brot, das kühle Wasser. Gottes Gaben.
sind es Halluzinationen? In der Wüste verbrennt einem das Hirn. Nein. Gott ruft und wird gehört.
Elia ißt und trinkt und schläft einen satten, tiefen Schlaf. Wahrscheinlich schnarcht er laut, frei und laut. Gottes Trompete.
Alles andere ist dann leicht.
Zärtliche Anrührungen auf unserem Weg waren für mich Gottesgeschenke.Ich danke euch allen. Gemeinschaft vor allem. Zugehörigkeit. Ein Blick, ein Gespräch, eine Umarmung, ließen mich meine tiefen Verletzungen, die ich mit mir herumtrage, loslassen, sodaß ich über sie weinen oder lachen konnte... und Neues wuchs. Meine Stärke aus dem Schwachen wuchs wieder. Ich begann wieder, es zu lieben, unter Menschen zu sein. Was gibt es Schöneres?
Was stärkt mich auf meinem Weg?
Fredy gibt uns Fragen für das Schweigen mit auf den Weg:
Höre ich auf den Engel neben mir?
Der mich erst stärkt, dann aufstehen läßt.
Kann ich für einen Engel sein?
Anderen so ein... Wann? Womit?
Franziskus wollte Jesus sein.
La Verna ist... die Einladung, den leidenden Christus in uns zu umarmen und Gott die Dunkelheit unserer Seele zu offenbaren, unsere Wunden. "Franziskus und Klara... konnten voneinander sagen: Weil ich dich sehe und liebe, wirst du mir zur imago amore, zum Fenster für die Liebe Gottes."
... Franzikus:... saß ermüdet am Brunnen und sah ins Wasser... "ich sah einen besonderen Gnadenerweis Gottes, das klare Angesicht unserer Schwester Klara, voll heiliger Freude, so daß mir alle Zweifel genommen wurden."
Aus: Richard Rohr, Franziskaner,"Die Reise nach Assisi" 1993

Die Gruppe ist ein Engel für mich - immer wieder einzelne Gespräche - aber vor allem die Gruppe "stärkt" mich, so kann ich im Schutz der Gruppe "kämpfend dranbleiben".
Kann Einsamkeit, Schmerz (auch in räumlicher Distanz zur Gruppe) aushalten und meinen Konflikten ins Auge schauen.
Und ebenso anderen zuhören, sie ihrerseits begleiten. Ich akzeptiere die Unterschiede zwischen den Menschen, nehme von der Gruppe, was Gott schickt, gebe mich darein.

Mittags herrlicher, schweißtreibender Anstieg zum Hörselberg.
Auf dem Gipfel die Schriftlesung - Bibel-teilen.
Wieder das Thema "Ich mache mich auf" geh Gottes Weg, sehe im Sohn den Vater, sehe in dem Mitbruder, in der Mitschwester Jesus. Deren Gesichter öffnen sich. Ich nehme mir vor, den Stolz fahren zu lassen und rituell zu beten... zur bestimmten Zeit, damit ich nicht erst in die Gottverlassenheit falle.
Viele haben die gleiche Erfahrung, in Krisen ist die Verbindung zu Gott abgerissen, gerade, wenn wir die Mehrheit (Ich + Gott) brauchen, spüren wir ihn nicht, nur unsere eigene Leere, Verlassenehit und Haltlosigkeit. Da hilft nur Treue im Gebet, das Herz für Gottes Werk zu weiten. Also rituell beten.
(Als ich auf dem Berg vor dem Bibel-teilen mit Eberhard über Vatersein und Sohnesschaft spreche, kommt in der Lesung der Text "Vater und Sohn". Da ist doch Gott im Spiel. Die bisherigen Pilgertage sind für mich ebenso Gottgeleitet, die für mich wichtigen Themen kamen in Gesprächen wundersam zusammen. Gesprächsperlen, klar wie Tautropfen. Die Achtsamkeit ist da!)
Zum Ende der Bibelarbeit singen wir "Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr..." (Lied 120)
VERTRAUEN
Nachmittags endlich Rituelles.
Ich gehe mit Manfreds Gruppe im Viererschritt.
Fürbitten vortragen und "griechisch" gehen.
Manfreds Schritte:
Jesous Hyos thou theou
li. re. li.
re.leer

Erschöpft, leer, trotz beschwingter Gespräche, komme ich in Eisenach an.

Mittagstisch
Selbst auf Bergeshöhe werden wir von unseren bienenfleißigen "Küchenvätern" versorgt.
Arne, der Melonenmeister, "verteilt" Melonenscheiben. Köstlich!
Hinterher kann, wer will, in die Venushöhle kriechen. Es ist dort behaglich, wenn auch finster.
Abend
Feierlicher Gottesdienst in der Elisabethkirche, in dessen Mittelpunkt Elisabeth steht (2 Pater).
Pater Clement eindringlich:
Geh zu den Armen und du gehst zu Gott. Begib dich in die Armut, lebe Gott.
Clement hat sich für Gott entschieden, ohne die "geringsten" Brüder und Schwestern kann er nicht leben.
clement_muhil@yahov.com

Clement singt mit uns sein Lied:

I have decided to follow Jesus (3)
No turning back, no turning back.

The cross before me, the world behind me (3)
No turning back, no turning back.

Though none go with me, still I will follow (3)
No turning back, no turning back.

Im Quartier angekommen. Platz suchen. Auspacken. Anstehen.
Komplet.
Komplet albern.

Wolfgang Krahn


Pressenotiz

Thüringische Landeszeitung vom 22.07.04

Ressort: Lokales Heiligenstadt

Ressort: Tagebuch

Die ersten Blasen an den Pilgerfüßen


Eisenach/Hülfensberg.
(tlz) Niemand fragt in der Pilgergruppe, die unterwegs zum Hülfensberg ist, ob er katholisch oder evangelisch ist. Keiner will den Anderen belehren. Das ist eine gute Erfahrung, sagte Wallfahrtsleiter Krause gestern dem Tageblatt. Die 54-köpfige Pilgerschar traf am frühen Abend in Eisenach ein nach einem doch beschwerlichen Weg über den Hörselberg. Einige hätten nun doch Blasen an den Füßen bekommen, aber ansonsten geht es allen gut.

Zum Abschluss der vierten Tagesetappe feierte die Gruppe in der St. Elisabeth Kirche einen Gottesdienst, den Pater Joseph aus Indien, er arbeitet dort in einem Pflegehaus für Kranke, zelebrierte. 24 Stunden zuvor war die Gruppe Gast im Behindertenheim in Mechterstädt, wo sie auch zu Abend gegessen und sich ein Bild von der dortigen Arbeit für behinderte Menschen gemacht hatten.

Auf dem Pilgerweg den Glauben zu vertiefen, ist Anliegen der Gruppe. So wurden auch gestern nach dem Aufbruch aus Mechterstädt wieder Puncta zum Glaubensgespräch gehalten, gab es eine Stunde des Schweigens und ging es im Bibelkreis um Thomas. Heute um 7 Uhr wollen die Pilger vom Werner-Sülten-Haus in Eisenach zur nächsten Etappe aufbrechen.

Ihre Einladung besteht weiter: Kurzent-schlossene, die mitgehen wollen, sind weiter willkommen (S 01732776916).

Übrigens: In der Gruppe wurde nochmals nachgezählt und - gefragt, wer vom Eichsfeld kommt. Nun, es sind nicht nur sechs, sondern doch 16, so Krause.

Heilige Messe in der Kirche St. Elisabeth in Eisenach