Pilgern - Erfahrungsberichte

Beten mit den Füßen - tausend Kilometer im Jahr. Ein Pressebericht über unseren Kreuzträger Willi Laufer

Pressenotiz

Freies Wort vom 24.07.04
Suhl

Ressort: Menschen

Beten mit den Füßen, tausend Kilometer im Jahr
FOTO: ari


Willi Laufer hat den richtigen Nachnamen, denn er läuft und läuft und läuft - immer an der Spitze der Pilgergruppe mit dem Holzkreuz. Keiner darf überholen und Freunde nennen ihn längst "Berufswallfahrer".



VON CINDY HEINKEL

Er ist Kreuzträger. Nein, nicht das Ritterkreuz. Auch nicht das Bundesverdienstkreuz nennt er sein eigen. Bloß ein schlichtes Holzkreuz scheint ihm wie angewachsen. Selbst zusammen gezimmert, mit Moos bespannt, eine Vase dran gebunden und einen Tragegurt darum geschlungen. Willi Laufer trägt es gern - oft tausend Kilometer im Jahr. Diesmal für eine ökumenische Pilgergruppe.
Es ist wie in einem Bienenstock morgens um 5.30 Uhr im Werner-Sylten-Haus Eisenach. Für die Nacht war das dortige Pfarrhaus der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde Her-berge für 57 Pilger - die, einerseits sanft geweckt von Flötenklängen, andererseits aufgeschreckt durch ein Gewitter mit heftigen Donnerschlägen, ihre sieben Sachen packen. Schlafsäcke einrollen, Luftmatratzen lüften, Rucksäcke stopfen.
Einer von den geschäftigen Frühaufstehern ist Willi Laufer. Er ist 76 und trotzdem geht er bei jeder Tour vorneweg. Keiner darf den Mann mit dem Holzkreuz überholen. Das ist eiserne Pilgerregel. Diesmal gilt das Überholverbot von Erfurt nach Frienstedt, von Frienstedt nach Gotha, von Gotha nach Mechterstädt, von Mechterstädt nach Eisenach, von Eisenach nach Herleshausen und von dort nach Völkershausen und schließlich bis zur Ankunft im Franziskanerkloster Hülfensberg in der Rhön. Acht Tage und 160 Kilometer lang muss er tragen - ist das nicht eine Last? "Ach nö, das geht schon", sagt Willi, der klare, einfache Sätze spricht. Mittwoch abend ist seine Gruppe von insgesamt 57 Pilgern unter Glockengeläut bei Pastorin Angelika Göbel in Eisenach ange-kommen. Suppe gab‘s abends um 9 und dann hat sich Willi gleich ins Bett getrollt. Denn die Tour von Mechterstädt über die Hörselberge und den Venushügel war kein Zucker-schlecken. "Immerzu ein auf und ab und dazu die Schwüle, wissen Sie?" Das Knie hat er am Abend noch bandagiert, aber an der Dusche wollte er sich nicht mehr anstellen.
Keine großen Worte.
Auch anderntags beim Frühstück mit Strom-ausfall redet Willi nicht viel, schmiert sich seine Schnitte, trinkt Tee. Nach dem Gottesdienst werden die Hosenträger zurechtgezupft, die Ärmel hochgekrempelt und die Wanderschuhe geschnürt. Die dunkelbraunen, robusten Treter haben ihn schon nach Santiago de Compostela getragen - dem wohl bekannsten Wallfahrtsort. Er liegt am Ende des Jakobsweges, dessen mitteldeutscher Teil vom sächsischen Görlitz bis ins thüringische Vacha reicht. "Schön, dass die den wieder freigelegt haben", sagt Willi Laufer, der schon oft dem Symbol der Jakobsmuschel gefolgt ist und auch eine - als Anstecker - auf seinem Luis-Trenker-Rucksack trägt.
In den vergangenen beiden Jahren hat er 850 Kilometer auf dem spanischen Teil des Jakobsweges zurückgelegt. "Das ist schon härter als hier, da wird das Gepäck nicht hinterhergefahren", erzählt er. Einen 15 Kilo schweren Rucksack täglich bis zu 40 Kilometer weit schleppen, durch strömenden Regen und brütende Hitze. Das war für Willi Laufer eine besondere Herausforderung. Zwei Mal hat er das Ziel aller Wallfahrer erreicht. Und, wie ist es so in Santiago de Compostela? "Das kann man nicht erklären", meint Willi. Die Stimmung im Fußballstadion könne man auch nicht beschreiben, wenn man das Spiel nur vor dem Fernseher sieht. Es muss ein bewegender Moment gewesen sein. Denn nach einer kurzen Pause fängt der frühere Malermeister an zu erzählen, versucht zu erklären: "Ein bewegender Moment, wenn das Räucherfass mit Weihrauch geschwungen wird, sechzig Meter rüber und nüber - dann sind alle Schwierigkeiten vergessen. Denn wer pilgert, läuft für gewöhnlich entbehrungsreiche Wege.
Bier ist nicht erlaubt
Der Stand mit der Thüringer Rostbratwurst darf Willi nicht interessieren. Auch das Restaurant, das draußen an der Tafel Sauerbraten und Thüringer Klöße anpreist, muss ignoriert werden. Außer der Überholregel gibt es noch eine Menge anderer Sitten beim Pilgern: "Kein Eis, keine Süßigkeiten, kein Kaffee, kein Tabak, kein Bier." Beim Kaffee gibt‘s laut Küchenmannschaft eine "Schattenwirtschaft" - doch die anderen Regeln werden strengstens befolgt. Darauf achtet vor allem der evangelische Priester Manfred Gerland, der diese Pilgertour organisiert hat. Seit 1997 tut er das, auch übers Internet. Und von Anfang an ist der Pensionär aus Heyerode im Eichsfeld mit dabei. Aus dem Allgäu sind diesmal pilgermutige angereist, aus Sylt, aus Dresden und sogar einer aus Indien. Pater Clement Joseph unternimmt zum ersten Mal eine Pilgertour in Deutschland, ausgerechnet durch Thüringen. Er ist erstaunt, dass sich Lehrer, Ärzte und Rechtsanwälte unterschiedlicher Religionen des nachts auf Turnhallenböden legen, dass es ihnen scheinbar nichts ausmacht, keine Duschen zu haben. "In Indien ist das Alltag, aber in Deutschland sind die Menschen es nicht gewohnt, in solch‘ einfachen Verhältnissen zu leben", sagt der 50-Jährige.
Willi Laufer machen weder die strengen Regeln noch die einfach ausgestatteten Unterkünfte an der Wegstrecke etwas aus. Bier trinkt er sowieso nicht, Eis isst er kaum. Deshalb ist Pilgern mehr Freude als Entbehrung. Er ist gläubiger Katholik. Und genau aus diesem Grund lässt er sich immer wieder auf das Abenteuer ein. Zum ersten Mal gepilgert ist er bereits zu DDR-Zeiten, 1957, mit seiner Kirchgemeinde nach Klüschen-Hages. Dorthin zog es ihn an die vierzig Mal. Weil er so viel auf den Beinen ist - fast tausend Kilometer kommen schon pro Jahr zusammen - ist er noch fit. Den steilen Weg vom Marktplatz Richtung Elisabethenplan unterhalb der Wartburg nimmt er in flotten Schritten, kaum ein Schnaufen, nur ein paar Schweißperlen auf der Stirn. Das Kreuz hoch aufgerichtet, gen Himmel gestreckt. "Das Kreuz ist unser Zeichen, damit die Leute wissen, dass wir nicht nur eine Wandergruppe sind", sagt der weißhaarige Wallfahrer. Von seinen Freunden hat er sogar den Spitznamen "Berufswallfahrer" abbekommen. Ein Ehren-titel. Und, sagen Martina und Brunhilde fast im Chor: "Wenn Willi nicht mehr mitgeht, gehen wir auch nicht mehr mit. Wer soll denn dann das Kreuz tragen?" Da muss Willi Laufer wohl erst einen würdigen Nachfolger finden. Einen, der das Holzkreuz auch verdient hat.