Pilgern - Erfahrungsberichte

23.07.2004 Von Herleshausen zum Gut Marienhof - Barbara Mann

Sowjetischer Soldatenfriedhof in Herleshausen

Freitag, 23. Juli 2004

Tagesbericht
Von Herleshausen zum Marienhof


Wie am Vortage ist auch an unserem 5. Pilgertag wieder 5 Uhr wecken, weil noch einmal eine große Tour vor uns liegt. Es gibt ein Geburtstagskind unter uns - Cordula. Wir wünschen ihr viel Glück und viel Segen.

Eucharistiefeier halten wir noch in Herleshausen in der katholischen Kirche. Danach wandern wir zum Marienhof, einem Gut des Freiherrn von Roeder von Diersburg.

Unser erster Halt auf der Wanderung ist auf einem sowjetischen Soldatenfriedhof.
Noch einmal ist der Bürgermeister von Herleshausen da, der uns schon am Vorabend so nett begrüßt hatte und erzählt von seinem beherzten Vorgänger, der die verstorbenen Kriegsgefangenen nicht nur wie angeordnet verscharrte sondern würdig bestattete. Mehr als 1500 sowjetische Kriegsgefangene ruhen auf diesem Waldfriedhof. Sofort waren wieder alle Erinnerungen an bisher besuchte Soldatenfriedhöfe da. An den einen in der Pfalz erinnere ich mich besonders deutlich. Ich schritt die Reihen ab und fast alle auf diesem Friedhof bestatteten Soldaten waren im Alter meiner Söhne damals. Wie gut konnte ich mich in die Trauer, die Tränen unzähliger Mütter versetzen. Jünger ist der Besuch eines riesigen Soldatenfriedhofs in der Nähe von Lyon, auf dem mein Vater seine letzte Ruhe fand. Ich wurde 1944 geboren, er fiel in diesem Jahr. Zwar wusste er, dass er eine Tochter hatte, gesehen hat er sie nie. Meine Mutter heiratete nicht wieder, sie zog zwei Kinder allein groß.

Wir waren alle zutiefst beeindruckt, zumal der Bürgermeister Dankesbriefe der Angehörigen der Soldaten vorlas, die den Bürgermeister zugingen. Die Angehörigen fanden Trost darin, wenigstens zu wissen, wo ihre Söhne oder Väter ruhen.

Es ist wieder sehr schwül und schon hören wir es grummeln. Und richtig, bald geht das erste Gewitter nieder. Diesem himmlischen Gruß sollten später noch zwei weitere folgen. Keiner mault. Es werden Regencapes und Schirme rausgeholt und das Programm wird wie immer abgezogen.

Puncta haben wir in Willmershausen, einem kleinen reizenden Ort mit schönen Fachwerk-bauten und wunderschönen großen Kastanien und Linden. Die Puncta hat in Vorbereitung auf die für den Abend vorgesehene Fußwaschung die Füße - ein wichtiges Werkzeug der Pilger - zum Thema.

In Ifta in der evangelischen Kirche haben Willi und Hubert das Mittagessen gerichtet. Da das Wetter wieder schön ist, holen wir uns Brot und Zubrot in der Kirche ab, essen aber draußen.

Nach dem Essen erzählt eine Vertreterin der Kirchengemeinde etwas über die Kirche. Bereits 1260 wurde erstmals in Ifta eine Kirche erwähnt. Die Kirche in ihrem jetzigen Zustand ist aus dem Anfang des 18. Jh. Es ist für mich die erste Kirche, die ich kennenlerne, bei der die Kanzel unmittelbar über dem Altar liegt. Ein Taufbecken trägt die Jahreszahl 1519.

Das Gemälde in der Apsis zeigt die heilige Dreifaltigkeit. Der heilige Geist ist nicht als Taube sondern als Pelikan dargestellt. Schlaue Mitpilger, die man zum Glück hat, wissen, dass der Pelikan im Notfall seine Jungen mit seinem eigenen Fleisch füttert bis er stirbt. Auch Christus ist für uns am Kreuz gestorben. Die Decke ist mit Unmengen von Wolken bemalt (die ein bisschen wie eine liederliche Aufhäufung von Kartoffeln aussehen). Das ist, wie wir erfuhren, Bauernbarock eines unbekannten Meisters und soll in seiner Art in der Gegend (oder war es gar in Deutschland?) einmalig sein. Nun, für mich war es schon eine besondere Kirche.

Zum Schriftkreis (Apg. 8, Verse 26-40, Der Kämmerer von Äthiopien), den wir auf den Heldrastein halten, beschäftigt uns das Erleben auf dem Soldatenfriedhof am Morgen viel mehr als der Bibeltext. So sprechen wir darüber, es war sicher richtig so.

Für Waltraud wird der Abstieg vom Heldrastein zum Verhängnis, sie rutscht aus und bricht sich, wie später im Krankenhaus festgestellt wird, den Arm. Doch auch mit Gipsarm bleibt sie bei uns bis zum Ende der Pilgerwanderung. Wir hätten sie auch nur ungern ziehen lassen.


Ein zweites Gewitter (leicht) gibt es zur Mittagszeit. Aber ich ahnte es schon, das war noch nicht das letzte. So war es denn auch. Ca. 40 min vor dem Marienhof geht ein heftiges Gewitter nieder. Unverdrossen wird beim meditativen Wandern der Rosenkranz weiter gebetet, während es um uns blitzt und donnert und wie aus Kübeln gießt. Danach dürfte keiner mehr trockene Schuhe gehabt haben!

"Naß und abgerissen" kommen wir am Marienhof an. Die Gastgeber empfangen uns sehr freundlich. Für alle steht eine umgebaute Scheune als Schlafsaal zur Verfügung. Dass mir die Aussicht mit Schnarchern beiderlei Geschlechts einen Schlafsaal zu teilen besondere Freude machte, kann ich wirklich nicht sagen. Dazu war der Raum auch recht klein für so viele Leute und draußen schlafen konnte bei dem Wetter niemand. Und wo und wie sollten wir unsere Sachen trocknen?

Während Inge, Sylvia und ich - wir hatten eine "Nichtschnarcherfraktion" gebildet - unschlüssig (und mißmutig!) herumstanden, sahen wir andere mit ihrem Gepäck in einem weiteren Gebäude verschwinden. Das andere Gebäude stellte sich als Pferdestall heraus, der auch uns noch beherbergen würde. Im Gang vor dem Stall des Äpfel schnurpsenden Ponys rollten wir uns unsere Matratzen in gehobener Stimmung aus. So würden wir die Nacht bestimmt gut verbringen. Es wurde am nächsten Tag behaup-tet, wir würden etwas streng riechen. Aber das ist eine Ente! Geschlafen haben wir jedenfalls prächtig.

Die Sonne schien wieder, als wir in einem großen Kreis sitzen und uns, wie Jesus es mit seinen Jüngern getan hat, gegenseitig die Füße waschen. Eine solche Fußwaschung hatte ich noch nicht erlebt und war reichlich skeptisch gewesen. Doch war es ein schönes, stim-mungsvolles Zeremoniell, wozu bestimmt auch das wundervolle Ambiente des Gutes mit dem großen Gelände seinen Teil beitrug. Ich wusch Dietmar die Füße und mir tat die Sylt-Helga diesen Dienst. Auch nach dem Komplet war uns noch nicht wie schlafen gehen und wir sangen noch ein Weilchen.
Barbara Mann
Und nun noch ein paar Bemerkungen einer Neupilgerin.

Als "begeisterungsfähiges Wesen" wurde ich von meinem Weinlesefreund Werner schnell zur Teilnahme an der Pilgerwanderung gewonnen. Das war bereits im Herbst 2003 gewesen. Nur wurden mir die Füße kalt, je näher das Ereignis rückte. Nach der ersten Nacht mit einigen "laut atmenden" Pilgerschwestern hatte ich Fluchtgedanken. Nur dem Umstand, dass ich nicht wusste, wie ich ohne großen Gesichtsverlust aussteigen könne, ist es zu verdanken, dass ich blieb.

Am Dienstag Abend war ich "pilgermäßig" angekommen und ließ mich in die Gemeinschaft fallen. Wir saßen in dem schönen Gelände des Gemeindezen-trums Gotha-West, sangen Taizè-Lieder. erlebten eine engagierte und couragierte Pfarrerin. Und war es nicht an diesem Tag gewesen, dass wir in einer Predigt gehört hatten: "Gib nie auf!" Jetzt, da ich dies schreibe, ist das Ende der Pilger-wanderung eine Woche her und so liegt der Verdacht nahe, dass sich langsam der Goldstaub der Erinnerung auf die Tage legt, die wir in Thüringen unterwegs waren. Meine ich aber nicht. Die Pilgerwanderung gehört zu den eindrucksvollsten Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren gemacht habe.

Obwohl das nun gewiss nicht in einen Tagesbericht gehört, muss ich einfach ein paar bemerkenswerte Leute erwähnen: Ich hätte zu allen, mit denen ich in näheren Kontakt kam, etwas Bemerkenswertes zu sagen - Inge, Dagmar, Monika, die Sylt-Helga, Magdalena, Sylvia u.a. Aber Kreuz-Willi ist doch noch eine besondere "Kategorie". Er war der älteste unserer Gruppe, stolze 76 Jahr alt und trug während der ganzen Woche das Kreuz voran. Wie schafft man das? Doch wohl nur mit Gottes Hilfe.

"Tischlein deck dich" gibt es nicht nur im Märchen. Wir erlebten es jeden Tag. Kamen wir mittags an der vorher vereinbarten Stelle an, war das Tischlein bereits gedeckt (wobei "das Tischlein" ein gedeckter Tisch für mehr als 50 Personen war). Willi und Hubert, unseren Küchenchefs, war dies zu verdanken, die mit Umsicht und Humor - was haben wir gelacht - ihr Amt versahen. Nie erlebte ich sie ungeduldig oder genervt, wann wir oder womit wir uns auch an sie wandten.

Die "Altpilger" haben es den Neupilgern übrigens nicht schwer gemacht. Alle waren lieb! Lieb bis sehr, sehr lieb.

Neupilgerin Barbara Mann.


Freitag, 23. Juli 2004

Vesper mit Fusswaschung

Evangelium: Johannes 13, 1- 15; Joh 12, 1-3


Füße

Sie gehen
Sie tragen
Sie ermüden
Sie stolpern

Es sind die Schuhe
Die glänzen
Die schützen
Sie drücken

Die Füße jedoch
leben im Dunkel
sind ganz unten
eingeengt

sie gehen
sie tragen
sie ermüden
sie stolpern

bis einer kommt



von oben nach unten
sich bückt
und sie wäscht

wie damals
in Demut
in Liebe
der Diener aller


Peter Müller


Segen


Gott segne deine Füße,
damit du gehen kannst in die
Schönheit der Welt
Und in das Reich des Friedens
Und dorthin,
wo du gehen mußt

(Fredy Henning)





Pressenotiz

Thüringische Landeszeitung vom 24.07.04

Ressort: Lokales Worbis


Gebetsnacht und morgens Zuwachs

Heute letzte Etappe hinauf zum Hülfensberg


Herleshausen/Hülfensberg. (tlz/ebe)

Sie tat allen richtig gut, die Suppe die die Gemeinde Herleshausen Donnerstagabend der ökumenischen Wallfahrergemeinschaft im Gemeindehaus, wo die Pilger übernachteten, servierte. So gestärkt ging es in die Gebetszeit: Dem gemeinsamen Taize-Gebet folgte eine Gebetsnacht in der evangelischen Kirche.

Mit einem katholischen Gottesdienst begann der gestrige, vorletzte Tag der Fußwallfahrt zum Hülfensberg. Ein nachhaltiges Erlebnis, so Wallfahrtsleiter Hans-Werner Krause, sei für alle der Besuch des russischen und des jüdischen Friedhofs in Herleshausen gewesen.

Mit Zuwachs brach die Gruppe gen Völkershausen auf. Denn zwei etwa 30 Jahre alte Männer schlossen sich als Tagespilger an. Unterwegs wurden die Wallfahrer vom Gewitter überrascht. Teilweise bis auf die Haut durchnässt kamen sie auf dem Heldrastein an. Als sie bergab in Richtung Völkershausen bei Wanfried gingen, hing erneut ein Gewitter am Himmel.

Die letzte Nacht der Wallfahrt verbrachte die Schar auf dem Marienhof bei Völkershausen. Dort, so Hans-Werner Krause, wolle man schauen, ob die Blasen an den Pilgerfüßen mehr geworden seien. Auf jeden Fall seien alle wohlauf.

Wie an allen Tagen fanden sich auch gestern auf dem Weg kleine Gebetsgemeinschaften zusammen. Die einen beten den Rosenkranz, andere das Jesusgebet, wieder andere lieben das Schweigen, sagte Pater Rolf vom Hülfensberg. Ihn wird die Ankunft der Wallfahrer heute Nachmittag auf dem Berg des Gehülfen doppelt freuen: Das Wallfahrtsziel ist seine Heimat.


Wer heute noch ein Stück mitgehen möchte, kann anrufen: S0173/2776916.

Gedenkstätte an der kath. Kirche HerleshausenWallfahrtsleiterin CorneliaFu?waschung nach Joh 13 auf Gut Marienhof