Pilgern - Erfahrungsberichte

Netze - Wolfhagen

von Bettina  (25.07.2005)

Puncta (Geistl. Impuls) von Manfred . Foto: Hans-Werner KrauseBeim Pilgern schätze ich das Geschenk des Kräfteschöpfens in der Nacht ganz besonders.
An diesem Morgen wachen wir an unterschiedlichen Orten auf, im Hospitalhaus, in der Kirche oder im Gemeindehaus von Netze. Ich werde in der Kirche von Birgit ihrem gesungenen Morgenlied geweckt, ihre Stimme fühlt den gesamten Kirchenraum. Schön.
Morgentoilette, Packen, nach dem Wetter schauen. 7.00 Uhr haben uns emsige Hände aus der Kirchgemeinde ein leckeres Frühstück mit Kaffee und Brötchen bereitet. Heute ist der Tag des Heiligen Jakob, ein ganz besonderer Tag für alle Pilger. Das ist ein weiterer Grund, dass wir uns nicht streng an die Pilgerregeln halten. Wir brechen das Schweigen mit Luthers Morgengebet. Während der Zeit zur Besinnung hören wir etwas zu unserem bevorstehenden Weg. Wir stärken uns an den Gaben und danken der Küchencrew mit dem Lied "Ich habe Freude in meinem Herzen".
Um 8.00 Uhr laden uns die Kirchenglocken mit ihrem kräftigem Schlag zum Gottesdienst mit Ehepaar Lilie. Im Mittelpunkt steht ein Text aus dem Lucasevangelium (Luc. 1; Verse 39 bis 45): Marias Besuch bei Elisabeth. Frau Pfarrerin Karin Marie Lilie bezieht in ihre Worte auch Ausführungen zu den Bildern auf dem prächtigen Flügelaltar von etwa 1370 ein. Das gesamte Altarbild mit der Geschichte Jesu enthält nur vier Bilder, auf denen Maria nicht mit dargestellt wurde. Dies ist ein deutlicher Hinweis auf ihre Bedeutung, die ich mir bisher noch nie so klar gemacht habe. Die gedruckte Gottesdienstordnung erleichtert die Beteiligung für alle an Gesang und Gebet.
Gemeinsam feiern wir das heilige Abendmahl. Wohl aus dem Bedürfnis heraus, alle beieinander zu stehen, bilden wir einen riesigen Kreis im Altarraum. Im Hintergrund werden Lieder angestimmt, die alles mit tragen. Für unsere Fürbitten unterwegs nehmen wir das Anliegen der Kirchgemeinde mit, dass ein engagierter Mensch oder ein Paar gefunden werde. Die Aufgaben des Gebets und des Gästeempfangs sind weiter zu begleiten, wenn Hildegard Dressler nach drei Jahren Dienst im Winter von Netze nach Kassel zurückkehrt. Ich freue mich über die Postkarte, die am Ausgang der Kirche St. Maria und die "Vier Gekrönten" an alle verschenkt wird.
Wir treffen uns nach dem Gepäckverladen vor der Kirche, die Tagespilger lassen sich auf die "Wetterklopfmassage", die Manfred anleitet, zusammen mit uns ein und wir gehen munter und fröhlich in den Tag, herzlich verabschiedet von einigen Menschen der Gemeinde, die uns so herzlich aufgenommen hat.

Nach einem Stück des Weges lassen wir uns auf Baumstämmen nieder. Manfred hat die Puncta vorbereitet. Die Vorbereitungsgruppe habe sich Gedanken gemacht, wie sich dem Thema "Mit Maria auf dem Wege" zu nähern wäre. Während bei unseren katholischen Schwestern und Brüdern Maria einen festen Platz habe, sei dies bei uns evangelischen doch weniger der Fall. Also ein spannendes Unterfangen, sich gemeinsam dem Thema zu nähern.

Ausgangspunkt sind wieder die Verse aus dem Lucasevangelium:
Marias Besuch bei Elisabeth
39 Maria aber machte sich auf in diesen Tagen und ging eilends in das Gebirge zu einer Stadt in Juda
40 Und kam in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth.
41 Und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe. Und Elisabeth wurde vom heiligen Geist erfüllt
42 Und rief laut und sprach: Gepriesen bist du unter den Frauen, und gepriesen ist die Frucht deines Leibes!
43 Und wie geschieht mir das, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?
44 Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe.
45 Und selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn.
Es ist die Geschichte eines Besuches, der alte Begriff ist "Heimsuchung". Es gibt im Jahreskreis den Tag "Maria Heimsuch", der jedes Jahr am 2. Juli gefeiert werden kann.
Bei mir kommen folgende Gedanken, die sich Manfred vorher gemacht hat an. Es ist ein Besuch, bei dem vieles hin und her schwingt. Die Worte des Engels waren sehr groß, zu groß eigentlich. Die Anspannung bei Maria ist demzufolge auch groß. Wem soll sie sich anvertrauen? Wohin mit der Not? Nicht verheiratet und bekommt ein Kind! Wem sich mitteilen? Maria ist zu dieser Zeit etwa 14 bis 20 Jahre alt. Getrieben von ihrer Sehnsucht nach echter Begegnung macht sie sich auf den Weg, sie pilgert 120 km alleine zu Elisabeth geht einige Tage, u.a. Gebirge überwindend, die damals ca. 40 bis 45 Jahre alt gewesen sein muss.
Die Sehnsucht nach echter Begegnung heißt, in das Geheimnis eines anderen eingeweiht werden, emotional anrühren und sich selbst anrühren lassen, diese Sehnsucht ist eine Sehnsucht des Herzens. Wir können uns diese Sehnsucht nicht selbst erfüllen, wir können offen sein, alles andere ist Geschenk und Gnade. Wir brauchen solche Begegnungen zum Leben, denn "man wird erst am DU zum ICH" (Martin Huber).
Maria sucht also die Begegnung mit der Erfahreneren. Aber wird sich die andere freuen? Wird es passen? Wird sie ihr vielleicht sogar eine Last sein? Wird es eine Begegnung sein, die bewegend ist oder wird es eher banal werden? Vielleicht hat Maria auch gedacht, wie lange kann ich mich ihr zumuten?
Und die Gastgeberin hat auch so ihre Befindlichkeiten. Was tue ich, wenn Besuch kommt, was bereite ich vor, was kann ich anbieten?
In der Geschichte preist Elisabeth Maria, obgleich sie das Geheimnis aus ihrem Munde noch gar nicht kannte. Das Kind in ihr hüpfte auf am Beginn dieser tiefen Begegnung. Der Gruß der einen wird zum Segen für die andere und umgekehrt, es fließt heiliger Geist. Später erfahren wir, dass Maria ca. 3 Monate bei Elisabeth bleibt, vielleicht bis zu deren Entbindung?
Die Geschichte ermutigt, echte Begegnungen zu suchen und uns einzulassen. Ich darf aufbrechen. Ich darf jemand anderem zumuten mit all meinen Ecken und Kanten. Ich darf auf Beschenkung hoffen. Es ist zugleich eine Einladung zu Seelsorge und Beichte.
Gestärkt geht Maria nach Hause, gestärkt kann sie sich Joseph und dem Gerede
der Leute stellen. Das Lied "Maria durch den Dornwald ging" widerspiegelt die Kraft, die jetzt mit ihr ist. Nach der Weise aus dem Eichsfeld hatte der Dornwald sieben Jahre kein Laub getragen und erblühte mit Rosen, nachdem Maria mit dem Kind unter ihrem Herzen den Wald durchschritten hatte. Das muss man sich vorstellen...! Künftig werde ich das Lied anders hören und singen!

Impulse, zu denen uns Manfred anregt, sind:
a) Jeder trägt etwas Göttliches in sich, was noch keine Gestalt hat. Mit welcher Ahnung, welchem Impuls gehe ich schwanger?
b) Begegnungen, wo möchte ich gern aus meinem Panzer hinaus, was hindert mich an echter Begegnung?
Schweigend bewegen wir die Geschichte in uns. Die Gedanken purzeln nur so, wie kann durch so wenige Zeilen so viel angerührt werden? Die eigene erste Schwangerschaft als ich 16 war, eigene Besuche und Begegnungen, Grenzen - auf die ich in mir immer wieder stoße bei Begegnungen, tiefe unerfüllte Sehnsüchte, Dankbarkeit für erlebtes, die Impulse, mit denen ich schwanger gehe....wunderbare, anstrengende Schweigezeit!
Obgleich der Weg anstrengend ist, wollen wir den kleinen Umweg über die Weidelsburg gern auf uns nehmen. Sie ist im 12. Jahrhundert erst mal erwähnt. Das Relief am Eingang deutet auf die Sage von der hessischen Weibertreu. Die Sage, die auf Tafeln nachzulesen ist, berichtet: Als die Vorräte zur Neige gingen und die Situation aussichtslos wurde, begab sich Agnes von Herlingshausen, die Frau Reinhards in das Lager des Landgrafen. Durch ihr Bitten, besonders aber durch einen Fußfall vor dem Landgrafen, erwirkte sie die Gnade, zusammen mit ihren Mägden frei abziehen zu dürfen. Die liebste Habe, die sie zu tragen vermochten, konnten sie mitnehmen. Ritter Reinhard ward gerettet, denn seine Frau trug zum Erstaunen des Landgrafen ihren Mann auf dem Rücken aus der Burg.
Wir haben gerade eine Schutzhütte erreicht, als ein kurzer Regen fällt, einige klettern noch die 34 Steinstufen und die 75 Eisenstufen des Turmes hinauf, um einen herrlichen Ausblick über die Landschaft genießen zu können. Vorbei am alten Klosterfriedhof und einem Blick durch die Fenster der Klosterruine führt uns der Weg zu unserem Mittagsrastplatz in Ippinghausen. Wir haben die Grenze zwischen Hessen und Waldeck überschritten und sehen aus der Ferne die Papstfahne und die Deutschlandfahne wehen, mit denen Hubert und Willy unseren Rastplatz geschmückt haben. Willy meint, er habe eine Mail vom lieben Gott bekommen, er war wohl auch darauf angewiesen, denn sein liegen gebliebenes Handy fand erst später in seine Hände zurück.
Der zuständige Dekan empfing uns zusammen mit Pressevertretern der Zeitung "Wolfsburger Land" am Rastplatz. Der Dekan wird unseren heutigen weiteren Weg begleiten. Zunächst gibt es Stärkungen durch lecker angerichtete Speisen, durch ein Schläfchen im Schatten riesiger Bäume und durch das gemeinsame Bibel teilen zu dem Text, der uns heute schon den ganzen Tag begleitet. Wo übernehme ich dafür Verantwortung, was gebe ich preis, erwarte ich Antworten von der geistlichen Leitung, wovon lasse ich mich berühren? Ich kenne das Bibel teilen vom vorigen Jahr, immer wieder eine spannende Herausforderung für mich.
Bevor wir weiter gehen, berichtet uns der Dekan Dr. Gernot Gerlach zu den Herausforderungen des Glaubens, denen sich der Kirchenkreis Wolfhagen in der letzten Zeit stellen musste und stellt uns Auszüge des Leitbildes "Evangelisch sein - Miteinander den Glauben leben an einem von Gott gedeckten Tisch" vor.
Unser nächstes Ziel ist eine winzige Kirche in Leckringhausen. Die Hugenottenkirche aus dem 17. Jahrhundert wird uns aufgeschlossen, einstmals französische Protestanten wurden hier angesiedelt, lebten im Wesentlichen von der Baukunst und Textilkunst und hielten bis ins 19. Jahrhundert französische Gottesdienste ab. Heute gehören zu dieser Gemeinde noch 40 Mitglieder. Wir füllen den Kirchenraum mit unseren Liedern und Gebeten und ziehen weiter.
Eine Zeit des Weges nutzen wir wahlweise für das Beten des Rosenkranzes, für das Beten des Herzensgebetes und für Gebet im Schweigen. Die Schwerpunkte beim Herzensgebet liegen heute auf den Anliegen der Welt, der Kirchen, unserer Nächsten und der Verstorbenen. Eine intensive Erfahrung: "Herr Jesus Christus, erbarme Dich über........." in den Atem und die Schritte rhythmisch einfließen zu lassen. Die Stadtkirche überragt die Stadt und grüßt uns von weitem. Der Kirchturm ist 52 m hoch und ragt in die Landschaft des Wildecker Landes.
Und schließlich erreichen wir unsere Übernachtungsherberge in Wolfhagen. Wir schwitzen und die Füße sind müde. Pfarrer Hans Jürgen Basteck und Helfer aus der Kirchgemeinde begrüßen uns herzlich. Veranlasst wurde, dass das Stadtbad extra länger für uns öffnet, allerdings die Zeit ist knapp, denn 19.00 Uhr ist Gottesdienst in der Stadtkirche zu Stadthagen.
Dank dem flexiblen Einsatz von Hubert und Willy und der ihnen anvertrauten Kleinbusse gibt es für alle, die Lust haben, eine ERLEBNISFAHRT ins ERLEBNISBAD und dort wird das ERLEBNISBAD zum PILGERBAD. Herrlich köstliches Nass, Schwimmen ein Genuss!
Pünktlich 19.00 Uhr sind wir alle zusammen in der Stadtkirche, einer gotischen Hallenkirche aus dem 13. Jahrhundert, versammelt. Draußen beginnt es zu regnen und innen werden wir vom Pfarrer der Kirchgemeinde und der Referentin der katholischen Kirchgemeinde zum Gottesdienst empfangen. Sie berichten von ihrem Kirchgemeindeleben, den Freuden und Sorgen, dem Förderkreis zum Erhalt und zur Renovierung der Stadtkirche, der steigenden Arbeitslosigkeit und den vielen Projekten der Gemeindearbeit. Nicht nur für uns wird hier wirklich Ökumene gelebt. Pater Rolf berichtet vom Leben auf dem Hülfensberg, wir beten gemeinsam den Psalm 84 und singen Pilger- und Abendlieder zusammen mit den Gottesdienstbesuchern der Kirchgemeinde. Letztere laden uns im Anschluss ein, ein Fest der Begegnung
mit ihnen zu feiern, sie bewirten uns mit Kartoffelsalat, Grillwürsten, Brötchen, Selterwasser, Radler und Bier. Pilgertour und Schlemmertour scheinen dicht beieinander zu liegen? Mit einem Gebet und einem Abendlied danken wir Gott und beenden den schönen Tag, es regnet, jeder hat ein Schlafplätzchen in dem geräumigen Gemeindehaus gefunden. Bettina Hubald

Einzug in Wolfhagen. Foto: Hans-Werner KrauseBegegnung mit der Gemeinde