Pilgern - Erfahrungsberichte

Großalmerode - Albungen

von Gerda  (29.07.2005)

Spirale - unser Wallfahrtssymbol, uinterwegs entdecktFreitag, 29. Juli 2005
Von Großalmerode nach Albungen
Tagesbericht von Gerda

Gegen 9 Uhr gesellt sich Cornelia an meine Seite. "Kannst du mir einen Gefallen erweisen? Für den heutigen Tag gibt es keinen Tagesbericht-Schreiber!" Im ersten Moment bin ich nicht so begeistert, denn ich muss im Nachhinein diesen Tag vor meinem geistigen Auge aufrollen. Da ich aber immer meine generelle Bereitschaft zum Schreiben signalisiert habe, tue ich es kurzer hand auch für diesen Tag. Schnell werden mir Papier und Stift besorgt und ich habe wirklich keine Ausrede mehr:

Wir sind bereits um 5 Uhr mit zarten Saitenklängen geweckt worden. Es soll heiß werden, die Strecke wird beschwerlich. Sie führt nur bergauf, denn der Meißner ruft!
Um 6 Uhr sitzen wir kaffeedurstig in der Runde. Hans-Werner stimmt uns mit der Tages-Losung ein.

Jesus spricht: Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.

Um 7 Uhr ist Eucharistiefeier mit Pater Rolf. Rechtzeitig bin ich im Kirchenraum, kann mich sammeln, sitze ganz vorne, habe so die Chance, etwas zu hören!
Diese Momente beim Pilgern sind mir ganz heilig, die Momente, wo wir Ökumene leben und erleben: die Eucharistiefeier bzw. das Abendmahl.
Was hat Hans-Werner heute vom Frieden erzählt? Sich die Hand reichen, versöhnlich sein, aufeinander zu gehen, Frieden suchen und schließen. All das dürfen wir beim Pilgern praktizieren. Wir suchen die Gemeinsamkeiten. Wo kann ich mich bewegen? Bis heute habe ich Probleme, mich zu bekreuzigen. Kann meine Hand nicht zum Kreuz bewegen. Wer hält sie mir fest? Ja, es war für mich immer ein katholisches Zeichen. Viele Mitpilger haben sich von Manfreds Erklärungen "klären" lassen. Warum kann ich bis heute nicht über meinen protestantischen Schatten springen? Warum ist das für mich nicht geklärt? Ich hänge diesem Gedanken lange nach. Die kräftigen Orgeltöne vertreiben meine Gedanken und bringen mich wieder vor Ort.

Der katholische Pfarrer ist sichtlich erfreut, sein Organistentalent einem größeren Publikum zu präsentieren. Den langen Applaus am Schluss des Gottesdienstes nimmt er kräftig abwinkend dennoch entgegen.
Den Wegesegen erteilt er uns auf seine ganz besondere Art. Ein ausgesprochen humoriger Mensch, dieser Pfarrer Lomb!

Was immer Pater Rolf gepredigt hat, ich weiß es nicht mehr. Aber eins werde ich nie vergessen. Bei diesem Gottesdienst habe ich mich wie von selbst bekreuzigt. Ich habe Frieden mit diesem Zeichen geschlossen und kann es für mich nun endlich annehmen. Amen

Arne holt noch schnell unser Gastgeschenk, eine Kerze!
Wir machen uns auf den Weg. Es ist bereits der 6. Tag, mein 4. Pilgertag. Ich gehe mit großem inneren Frieden. Ich fühle mich so gut. Ich bin ganz bei mir, bis Cornelia mich anspricht.

Nun schreibe ich über jenen Tag, einem heißen Pilgertag. Jeder Schritt wird in großer Konzentration gesetzt, um bergauf Kräfte zu sparen. Noch ein Blick auf den Querenberg und Magdalena lädt uns zur heutigen Puncta ein. Mit dem Lied 84 "Schweige und höre, neige deines Herzens Ohr, suche den Frieden", werden wir eingestimmt.
Der Text von der Hochzeit zu Kana findet in der Zusammenfassung von Magdalena folgende Schwerpunkte:
1. Maria nimmt die Not des Gastgebers war und weist Jesus auf diese Tatsache hin, dass der Wein ausgegangen sei.
2. Jesus sagt mit großer Deutlichkeit zu seiner Mutter:"Was ich zu tun habe, entscheide ich selber!"
3. Maria geht zu den Dienern und sagt: "Was er euch sagt, das tut!"
4. Jesus spricht. "Füllt die Krüge mit Wasser". Die Diener wussten es!
5. Marias stilles Vertrauen und die daraus resultierende Bereitschaft der Diener in Jesus Worte, offenbaren seine Herrlichkeit. Er verwandelt das Gewöhnliche. Aus Wasser wird Wein


Für die Schweigezeit fasst Magdalena drei Aspekte zusammen, die für eine persönliche Auslegung und Meditation geeignet sind:

1. Ihr seid ein leerer Krug, lasst euch füllen. Wo habt ihr Defizite oder Notstände?
2. Maria in der Rolle als Mutter, die ihrem Sohn zutiefst verbunden ist. Fragt euch selber, wo ihr euch als Mutter einmischt und vertrauen gebt oder loslassen müsst?!
3. Die Diener haben 6 Krüge zu je 100 Litern gefüllt und geschleppt. Wo tun wir Alltägliches, wo stellen wir uns in den Dienst von Mitmenschen. Wie können wir zu unserem eigenen Hochzeitsfest kommen?

Als Mutter von zwei erwachsenen Söhnen spricht mich Fragestellung 2 an, steht auf diesem Pilgerweg mehr denn je im Vordergrund. Wie auf all meinen Pilgerwegen kristallisiert sich schon nach kurzer Zeit eine Intention, eine Fragestellung, ein Problemfeld heraus. Es ergibt sich jedes Mal wie von selbst. Gott sagt mir, wenn die Zeit reif ist, was einfach "dran" ist.
Ja, auch mir fällt das Loslassen schwer. Als emanzipierte Mutter habe ich das nie zugegeben. Ich muss endlich begreifen, dass meine Kinder das Recht auf ihr eigenes Leben mit all den Konsequenzen haben. Sie dürfen und müssen ihre eigenen Fehler machen. Nur so haben sie die Chance zu wachsen.
Mische ich mich noch zu oft ein? Schenke ich meinen Kindern genügend Vertrauen, damit Selbstvertrauen wachsen kann? Lasse ich ihnen genügend Raum, sich in ihren Möglichkeiten zu erproben?
Maria tritt zur Seite, lässt Jesu agieren, ist voller Vertrauen zu seinen Taten. Hier eröffnet sich für mich die Chance zu wachsen und meinen Kindern das zu geben, was sie als Erwachsene brauchen: mein absolutes Vertrauen in das, was sie für richtig halten.
"Schweige und höre, neige deines Herzens Ohr, suche den Frieden" Dieses Lied summe ich noch den ganzen Tag vor mich hin. Mit einem Gebet und diesem Lied wird von Magdalena die Schweigezeit beendet.
Das Friedensgebet wird von Hans-Werner gesprochen, und wir wissen uns einig mit allen Gläubigen auf dieser Welt.
Die Mittagsrast von 12.30-14.30 findet an einem ganz besonders idyllischen Platz statt. Ich lege mich unter einen riesigen Eichenbaum, der nur wenige Sonnenstrahlen durchlässt. Ich genieße die Horizontale. Die Füße werden von den Schuhen und Socken befreit. Eine Wohltat nach dem ständigen bergauf gehen. Füße und Geist sind müde!
Am Ende der Mittagsrast schließt sich die Bibelarbeit an. Ich setze mich an einen Steintisch. Andere Pilger setzen sich dazu und unsere Gruppe komplettiert sich.

Wir lesen Johannes 2, 1-12. Einige wichtige Sätze sind mir in Erinnerung geblieben von der Hochzeit zu Kanan:
Was er euch sagt, das tut!
Die leeren Krüge werden gefüllt mit 600 Liter besten Wein. Ein Zeichen seiner Herrlichkeit, ein Zeichen seiner Fülle, der Beginn seines öffentlichen Wirkens. Die Verheißung seiner Fülle in uns.

Reich beschenkt durch diese Auslegung machen wir uns wieder auf den Weg. Das Ziel ruft und trägt uns immer über den Tag. Heute bin ich sehr bei mir, nehme meine Umgebung kaum war. Führe kaum Gespräche. Schaffe mir meine Aura der Distanz. All das kann ich an so einem Pilgertag ausleben. Wie reich bin ich beschenkt. Auch Gedanken, die ich hier nicht aufschreibe, begleiten mich.
Der Begriff des 5 Sterne Pilgerweges wird an diesem Tag geboren. Kurz vor Frankershausen erwartet uns Frau Klötzl am Wachholder-Denkmal, nachdem wir die Kripp- und Hielöcher in der Karstlandschaft aus der Ferne passiert haben. Ein gelber Bus bedeutet immer Versorgungsstation. Diesmal steht noch ein PKW da. Herrliches Gebäck, duftender Kaffee erwarten uns als Überraschung. Da hat sich Frau Klötzl wahrlich was einfallen lassen!

Am Ortausgang von Frankershausen kommen wir an Gärten vorbei. Ich traue meinen Augen kaum. Eine überdimensional große Spirale ist in einem dieser Gärten angelegt, dem Pilgerzeichen unseres diesjährigen Pilgerweges. Ungläubig stehe ich mit ein paar wenigen Mitpilgern vor diesem kleinen "Wunder". Zwei Rad fahrende Jungen kommen angebraust und bleiben abrupt stehen. Schnell ist erzählt, dass die Spirale von Oma und Enkelsohn gemeinsam angelegt wurde. Ich berichte im Gegenzug von dem Symbol unseres Weges, der Spirale, die wir in Form einer Halskette tragen. Ehrfürchtig hört sich der Junge meine Geschichte an. Als Dank überreiche ich ihm diese Kette, streiche ihm über den Kopf und erinnere mich an Manfreds Worte, dass jeder einen Segen sprechen kann! Was genau ich diesem Jungen gesagt habe, weiß ich nicht mehr. Das gute Gefühl für ihn und mich trage ich immer noch in mir. Bettina hat mit ihrer Digitalkamera dieses schöne Bild festgehalten.
Von Frankershausen nach Albungen wurde ich wie von alleine getragen. Der Einzug in die kleine ev. Kirche von Albungen war wie immer erhebend. Der Pfarrer hat uns Pilger mit seiner anschaulichen Sprechweise total in den Bann gezogen. Er machte uns klar, dass wir mit unseren Füßen ein unsichtbares Netz knüpfen. Alle Pilgerpfade treffen sich. Albungen ist jetzt durch unsere Ankunft und unseren Besuch in das "mystische Netz" verwoben.
In der Sporthalle findet jeder seinen Schlafplatz. Ich versuche ein letztes Mal, mein Lager draußen aufzuschlagen. Keine Nacht war bislang trocken geblieben. Ingrid, Sabine und Jochen werden von uns freudig begrüßt. Sie gehören einfach zu uns. Sie stoßen für den Test der Zeit zu uns.
Nach einem wundervollen Abendbrot mit Nudeln und Champignonsoße legen wir uns in den Garten, genießen die Ruhe! Wir beobachten Cordula und andere Mitpilger beim Legen einer Spirale mit Teelichtern.

Um 20.45 Uhr treffen wir uns im Garten. Wir sitzen im Kreis. Es geht heute Abend um das Phänomen "SEGEN". Gott hat mir heute die Gelegenheit gegeben, einen ganz besonderen Zugang zu diesem Thema zu bekommen.
Manfred schafft es wieder auf seine ganz besondere Art uns Laien mit diesem Begriff vertraut zu machen.

Der Segen ist wenig angefochten, jeder Mensch braucht ihn. Allerdings gehen die Vorstellungen auseinander. Segen ist eine Macht ähnlich dem Evangelium. Über das gesprochene Wort -jüdisch-hebräisches Verständnis- gibt es eine wirkende Macht. Die Wortwurzel liegt im Lateinischen und bedeutet "gut sprechen". Fluch ist das genaue Gegenteil, einen Bann legen. Im AT erfahren wir eine Anspielung, dass Segen etwas mit der segnenden Person zu tun hat. Wichtig erscheint heute das Zurücknehmen der segnenden Person zu Gunsten des zu Segnenden. Eine emotionale Bindung ist dazu nicht nötig. Die Kraft soll durch die Person durch gehen. Hier hast du meinen Segen wird durch die Worte Hier gebe ich dir meinen Segen ersetzt. In der katholischen Kirche werden "Dinge" gesegnet z. B. Aschekreuz auf die Stirn, Kerze, Rosenkranz. Taufwasser, Haussegnung, Sternensinger.
Segnen dürfen alle, nicht nur Eltern ihre Kinder. Gesten, Rituale wie Handhaltung, Handauflegung, Segnungs-austausch wie Umarmung, Händedruck gehören dazu.
"Ich bitte um den Segen" Menschen kommen, um einen pers. Segen abzuholen! Es ist keine magische Zauberformel.
Inzwischen ist es dämmerig geworden, ich drehe mich um und kann mich gar nicht satt sehen an der wachsenden Lichterspirale. Cordula hat mit ihren fleißigen Helfern mehr als Hundert Teelichter angezündet. Die Spirale als Symbol steht für den Weg nach Innen und weist das Zentrum hin.
Wir singen das Lied "Schweige und höre" voller Inbrunst und hören anschließend den Text: "Reise nach Innen", den Hermann vorliest.

Was ist das für ein tolles Team Vater Hermann und Tochter Cordula, die sich auf jedem Pilgerweg gemeinsam oder alleine oder mit anderen Teilnehmern zur Bereicherung unseres Pilgerweges einbringen. Dieser Vater hat es gelernt loszulassen und einen neuen Zugang zu seiner erwachsenen Tochter zu finden, wunderbar aus der Sicht des Abstandes!

Zum Abschluss des Tages lassen wir uns mit Ele an der Spitze auf einen Tanz in die Spirale ein. Der langsam einsetzende Regen beendet diesen segensreichen Tag, und ich packe auf die Schnelle mein Pilgergepäck, um in der Sporthalle zu nächtigen. Amen
Gerda

Stärkung auf dem Wegein Albungen