Pilgern - Erfahrungsberichte

Albnungen - Hülfensberg

von Birgitt  (30.07.2005)

Samstag, 30. Juli 2005
Von Albungen zum Hülfensberg
Tagesbericht von Birgitt Riedel

Wunderbar geweckt wurden wir wieder einmal durch das Spiel auf der Körpertambura, diesmal von Marilen, ein sehr sanftes Gleiten vom Schlaf- in den Wachzustand - einfach traumhaft.
Meine Sachen sind wieder trocken, denn die Nacht haben einige, so auch ich, noch bis spät in die Nacht am Spiralkreis aus Teelichtern gesessen und besinnlich zugeschaut, wie durch den Regen nach und nach eines nach dem anderen ausgelöscht wurde.
Geschäftiges Treiben im Speisesaal: Erika, Babara und Marie Therese sind wie immer fleißig am Decken. Willis deutliche Stimme ist aus der Küche zu vernehmen. Der Kaffee auf "Krankenschein" ist schon fertig. Erika ist auf der Suche nach Leberwurst, sie macht Proviant für "Kreuz-Willi" und "Küchen-Willi" macht es möglich, wie so vieles.
Langsam füllt sich der Saal, manche barfuß, manche auf Socken und einige schon marschbereit mit festem Schuhwerk.
Es ist mir alles auf dem Weg nun viel vertrauter geworden, ich merke, ich fühle mich wohl in dieser Runde.
Peter läutet zum Frühstück, Manfred spricht ein Gebet. Heute ist ein besonderer Tag auf dem Pilgerweg. Der Tag, an dem wir das Ziel, den Hülfensberg erreichen werden.
Um 8.00 Uhr findet ein Gottesdienst in der kleinen Kirche von Albungen statt, gehalten von Pfarrer Kupski. Er liest als Lesung Röm 16.
Paulus grüßt am Ende seines Briefes viele Mitglieder der Urgemeinden persönlich. Ein zunächst einmal langweiliger Text, wie Pfarrer Kupski meint. Dann aber stellt er ihn in den Zusammenhang eines mystischen Netzes, das durch die Pilger geknüpft wird. Die Pilger verbinden durch ihre persönlichen Wege die Gemeinden in Christus. Pfarrer Kupski teilte seine Freude mit, dass auch diese Gemeinde nun durch diesen Pilgerbesuch mit in das mystische Netz aufgenommen wird, das zwischen den Gemeinden geknüpft wird.
Als Fürbitten Anliegen bittet er darum, dass dieser Kirchengemeinde gedacht wird, die gerade erst aus zwei Gemeinden zusammengelegt wurde, dass dieser Prozess gut gelinge.
"Humorige Worte am Morgen tun gut, das ist wie eine Tasse Kaffee."
Sehr humorvoll, aber auch ernsthaft berichtet er im Anschluss an den Gottesdienst über die Geschichte dieser kleinen Kirche, spricht u.a. vom "frömmigkeitsförderndem Molkereigrau", aber auch davon, dass sie - nach Meinung von Kirchenbeamten - wegen beständig hoher Renovierungskosten nicht erhaltenswert gewesen sei. Aber: Nicht der Wert der Dinge ist entscheidend, sondern was sie für die Menschen bedeuten!
Unser Weg führt uns von Albungen weg auf einem Wiesenweg an der Werra entlang, vorbei an Gärten, einer Herde Schafe, die mit ihren Glocken läuten wie auf einer Alm - idyllisch.
Hermann liest für die Puncta am Ortsausgang von Jesberg Joh 19, 25-27. Es spricht mich Hermanns zweiter Impuls besonders an, die Frage nach der unverdienten Wirklichkeit, nach der Kraft und den eigenen Grenzen, ja selbst dem eigenen Tod.
Während der Puncta tut es mir gut, den festen, gleichmäßigen Tritt der Mitpilger zu spüren. Meine Gedanken schweifen immer mal wieder in einer Gedankenkette ab, kehren zurück und gehen neue Wege. Ich genieße die Schweigezeit zugleich mit dem gleichzeitigen Bewegen, das Nicht-Stillstehen, gedanklich und körperlich.
Hermanns Gebet am Ende der Puncta hat mich sehr berührt: Sei gelobt, Herr für deine Auferstehung und den Mut, den sie uns weitergibt, wenn der Tod anklopft. Sei gelobt für das österliche Staunen, oft im Leben vor einem weg gewälzten Stein, wenn das Leben sich wieder aufschwingt. Immerfort ersteht es neu nach der Nacht, nach Düsternissen unserer Seele, Leben ist Auferstehen ohne Ende.
Lass uns danken, lass uns mitgehen in deine himmlische Herrlichkeit.
Es geht der Weg bergauf und bergab weiter entlang der ehemaligen Kohlenbahn. Am Fuße des Hülfensberges erwarten uns Hubert und Willi wieder - wie stets - mit einem leckeren Mittagsbüffett. Anschließend eine Pause. Ich lege mich ein wenig abseits, sehe eine Eule ganz dicht an mir vorbei fliegen. Fantastisch!
Wir erklimmen den Berg und Bruder Rolf betet dabei mit uns den Kreuzweg. Es ist wie ein Konzentrat des ganzen Pilgerweges für mich. Der Einzug in die Kirche, die freundliche Begrüßung tun wohl, körperlich und seelisch.
Ein Abendbüffett mit Grillgut und Salaten erwartet uns. Ein Festschmaus!
Ein Festschmaus, wohltuend für die Seele ist der Segnungsgottesdienst am Abend. Der persönlich zugesprochene Segen stärkt. Begleitet von der Körpertambura erfasst er Herz und Seele. Wichtig ist für mich die Aussage: Du bekommst nicht, was du willst, sondern du bekommst, was du brauchst. Manfred spricht mir erstaunlich treffende Worte bei der Segnung zu.
Ich hänge meinen Gedanken nach, noch lange, auch noch auf meinem Schlaflager in der Kirche, teilweise auch noch Wochen später.
Birgitt

Ankunft am Wallfahrtsziel