Pilgern - Erfahrungsberichte

Ehlen - Kassel-Bettenhausen

von Wolfgang  (27.07.2005)

Energetische Übungen am MorgenUnterwegs mit Euch, in der Wüste, finde ich mich, finde ich meinen Weg, finde ich meinen Segen.
Der gemeinsame Aufbruch in den Tag beginnt mit dem Lied: "Kommt herbei, singt dem Herrn, ruft ihm zu, der uns befreit, mehr als Worte sagt ein Lied..."
Wir singen, zur allgemeinen Erheiterung, von dem Lied mehr Strophen als von Claudia vorgegeben.
Gestärkt von Luthers Morgensegen machen wir uns auf den Weg.
"Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde. Amen."
Ich suche dich Gott, ich will lernen, dich in den anderen zu sehen. Hilft dieses Gebet für den kommenden Tag?
Müssen wir beim friedvollen Pilgern wirklich hinein in die Stadt? Ja, der Pilgerweg ist ein Abbild unseres Lebens, Vereinsamung trotz so vieler Menschen, Öde und Versteinerung, und doch, der äußere Weg bildet den inneren Weg ab, wir müssen uns ihm stellen.
Manfred:"Ihr habt als Pilgergruppe den Auftrag, die Menschen, denen ihr begegnet zu segnen,... im Stillen und dann den Menschen ins Gebet nehmen... Segnet die Menschen, die Stadt braucht es!"
Wie den Menschen begegnen? Eine weitere Hilfe bringt die Punkta "Mit Maria auf dem Weg"
Lk 2, 22-35: 40 Tage nach der Geburt brachten Maria und Joseph Jesus nach Jerusalem, um ihn Gott darzustellen. Manfred erläutert: Es gibt zwei alte jüdische Riten. So ist die Frau erst 40 Tage nach der Geburt wieder kultfähig, aber erst nachdem sie sich mit einem Opfer gereinigt hat und mit dem Kind eingesegnet worden ist. Zudem gehört die männliche Erstgeburt Gott. Der Sohn wird den Priestern übergeben oder mit Geld ausgelöst. Was steht dahinter? Welche Vorstellung des Opfers? Opfer ist Gabentausch. Ich gebe und kriege etwas. Fließt etwas, dann fließt etwas zurück. In der Taufe geht ihr Kind an Gott, es gehört nicht den Eltern. Sie kriegen das Kind dann von Gott zurück, als Geschenk, als kostbaren (eigenständigen)Mitmenschen - und es wächst.
Manfred:"Hätte Maria Jesus privatisiert, hinter der Hobelbank versteckt,... (Lachen)
Manfreds Arbeitsauftrag für den Weg in der Stille:
Frage dich in der Stille... Was habe ich von Gott empfangen? Warum fällt es mir oft so schwer, Gottes Geschenk anzunehmen? Was möchte ich Gott schenken?

Schritte im nassen Gras, im gleichen Schritt, die Füße setzen unterschiedlich auf, nicht im Gleichschritt, im gleichen Schritt, im Tanz beschwigt eilen wir voran, ein Moment paradiesischer Sorglosigkeit nimmt Platz in mir. Luft, Wolken, Blätter, Äste, Stämme, Erde, Schlamm. Menschen unterschiedlichster Art zeitlos vereint. Amen.
Ich habe mich manches Mal mit Euch treiben lassen. Mich los gelassen. In der Woge der Gruppe, geborgen, gehalten zwischen Kreuz und Laterna, konnte mich entspannt meinen Gefühlen und Gedanken stellen ... oder auch nur in der Stille sein.
Segen liegt über dem stillen Pfad, der Gleichklang der Schritte ist Einklang mit der Natur ringsum, in dieser Gemeinschaft mit Euch erlebe ich Gott ganz nah. So ist Menschsein, so kann Frieden sein.
Von einer Sekunde zur nächsten verändert sich diese ganze Welt, das soben noch satte Grün vergraut. Anfangs noch mythisch verfärbt (eingepackter Herkules)geraten wir tiefer und tiefer in die städtische Asphaltierung - warum werden wir so ungastlich, "ja, störend - gleichgültig" aufgenommen? Ich stimme in der Straßenbahn ein Lied an, fröhlich, Ärgerlichkeit flackert auf, verschiedentlich, kampflustig suche ich das Gespräch. Ist die Stadt vor allem ein Kampfplatz? Die Anonymität und Verschlossenheit schmerzt. Wie meinte Manfred am Morgen, die Stadt braucht unseren Segen.
Tibetanische Weisheit: Jeder, der auf Pilgerfahrt geht, betet oder meditiert, fördert immer auch das spirituelle Wohl seiner Mitmenschen. Geist und Bewußtsein sind nicht gefangen in den Grenzen des Individuums; sie bilden vielmehr einen großen ewigen Strom, an dem alle teilhaben.
Ich möchte mit Euch lernen, in die Wüste den Segen zu pflanzen. Lasst das nächstemal uns mehr vorbereiten auf Begegnungen mit den Menschen in der Stadt. Das wäre auch eine Vorwegnahme der Nachpilgerzeit, ein Einüben in den Alltag, den jeder von Euch zuhause vorfindet, und lasst uns dann die Wirkung aufnehmen im gemeinsamen Gespräch und Gebet zur Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeit zur Nachfolge Christi.
Ist die Stadt der Ort der Äußerlichkeit und nicht der Innerlichkeit? Wir wollen beides, den Weg nach innen zu den Gefühlen und Gedanken und den Weg nach außen zum innengeleiteten Tun und beides in Gott. Gott ist innere und äußere Realität. Wer "städtisch" Gefühle von Leid, Schmerz, auch Freude... bei sich und den Mitmenschen in Ablenkung und Konformität verleugnet, verleugnet auch Gott. Gott bleibt bestenfalls äußerlich, wie der "Städter" sebst auch. Der Selbstverrat in der Anpassung an äußere Mächte - aus tiefer, unbewußter Selbstverachtung - erlaubt auch kein Vertrauen auf Gott, so verzichtet man auf die Macht, die Gott mit uns teilen will, die Macht gegenseitiger Liebe.
Es bleibt die Frage: "Was macht Menschsein überhaupt aus?"

Zurück zu dem, was in der Stadt geschah. Erst pilgern in der Straßenbahn, ruckelnd. Mittags lagern auf dem kirchlichen Spielplatz in der Nähe der Lutherkirche. Das Mahl geteilt mit einer süchtigen jungen Frau. Gegen Abend Empfang in der Martinskirche, der neue Oberbürgermeister liebäugelt mit der Presse, die Begegnung wird verpasst, Unmut über den Missbrauch als Bildhintergrund taucht auf. Der nachfolgende Gottesdienst mit Probst Kalden wird zur endgültigen Wüstenerfahrung. Ein wohl psychisch gestörter junger Mann steht plötzlich während der Liturgie neben dem Probst am Altar. Er spricht den Probst an, dieser fordert ihn auf, Platz zu nehmen, er werde in 15 Minuten dann für ihn beten. Der junge Mann will daraufhin gehen. Manfred steht auf und fragt ihn nach seinem Namen. Dietmar. Dietmar geht und bittet, dass wir für ihn beten. Wir bleiben sitzen (erstarrt?), der Probst fährt mit dem Gottesdienst fort.
Sollten wird den Gottesdienst für Dietmar unterbrechen? Wäre dies dann überhaupt eine Unterbrechung? Oder wäre diese Unterbrechung erst überhaupt eine Aufnahme des Dienstes an Gott, an seinem Leiden?
Was ist Gottesdienst? Was ist Wüstenerfahrung? Was ist Gotteserfahrung? Was tue ich? Wappne ich mich? Verschließe ich mich? Verdränge ich das Bedrängende? Leid, Krankheit, Selbstaufgabe. Verweigere ich die emotionale Antwort?
Zu Dietmar fallen mir die drei Fragen aus der Punkta ein.
Was will Gott mir/uns mit und durch Dietmar sagen? Welche uns geschenkten Talente spricht er in mir/uns damit an?
Kann ich, können wir unsere Talente annehmen? Über welche Geschenke freut sich unser Gott? Also. Was ist meine innere und äußere Wüste?
Wie hätte ich Dietmar die Würde als Mensch, als Kind Gottes geben können? Ihn, mit Euch, am Altar in die Mitte nehmen. Spontan. Kräftigend. Segnend?
Probst Kalden konnten wir dann als Mitpilger mit in unser Übernachtungsziel nehmen.
Zum ersten Mal standen wir vor einer verschlossenen Kirche. Wüste. Jacobus war unterwegs. Irgendwer löste auch dieses Problem. Endlich in der Kirche, sangen wir: "Sag Danke allzeit Gott dem Vater" und "Groß sein lässt meine Seele den Herrn".
Auf Nachfrage erzählte Probst Kalden, dass Dietmar ihn gebeten hatte, sofort für ihn zu beten. Er habe ihn vertröstet, nur allzuoft kämen Süchtige, Betrunkene, Obdachlose... in den Gottesdienst, störten ihn und verlangten nach Unterstützung.
Wir tranken Oberbürgermeisterbier und versuchten ein weiteres Mal vergeblich, im Freien zu schlafen.
Abends ein Taizegottesdienst. Eberhard berichtete ergriffen von seiner Begegnung mit Frere Roger und dessen Worten:
"Das Wichtigste ist Vertrauen."

Mit der Straßenbahn durch KasselTaizénacht in St. Jakobus