Pilgern - Erfahrungsberichte

Bericht von der ersten Woche

von Christa Smouse

1. Tag: Freitag, 13. Oktober
Fredy verabschiedet uns am Frankfurter Flughafen mit dem Reisesegen. Wir sind in der Economy-class gebucht, ein glücklicher Zufall will es, dass die Mehrheit von uns in der Business-class fliegen darf. Gegen Mitternacht nach achteinhalb Stunden Flug mit Lufthansa LH 758 und dreieinhalb Stunden (vor) Zeitverschiebung kommen wir in Madras = Chennai an. Madras ist eine Sechs-Millionen- Einwohnerstadt. Sie wurde vor dreitausend Jahren gegründet. Dr. Clement und Hermann Dietrich holen uns mit dem Bus, der für die gesamte Pilgerreise "uns gehört", ab. Mit dem Fahrer und einem Security-Guide fahren wir zur Herberge Dhayna-Ashram, einem ehemaligem Kloster, wiederaufgebaut auf den Maurerresten des früheren Katholischen Klosters. Ein Ashram ist ein Meditationszentrum für religiöse und intereligiöse Menschen. Die Unterkünfte sind sehr einfach, sauber und äußerst kostengünstig.
Dr. Clement ist unser Betreuer für die gesamte Zeit in Indien. Es ist heiß, um die 35 Grad, subtropisches Klima, und es herrscht eine hohe Luftfeuchtigkeit. Gegen Moskitos sind wir durch einen elektrisch betriebenen Moskitoprotektor, Moskitorcreme und Moskitonetze geschützt.

Nach unserer ersten Nacht im Ashram gibt es hier unser erstes Frühstück in Indien. Es ist ein kontinentales Frühstück mit Toast, Marmelade, gekochtem Ei, Streichkäse, Kaffee und Tee.
Um 11 Uhr sind wir vom Bischof der Kirche of South India (CSI), Dr. V. Devasahayam, zur Feier der Messe mit Abendmahl eingeladen. Wir werden im fernen Indien mit einer Taizeandacht empfangen und hören die vertrauten Lieder. Dann werden wir Pilger einzeln gesegnet und erhalten als Symbol das Taukreuz aus Olivenholz, mit dem wir uns von nun an als Pilger zu erkennen geben.
Der Bischof berichtet über die Entstehung der christlichen Kirche in Indien, die zwar mit dem Apostel Thomas bereits 52 n. Chr. beginnt, aber sich erst wirklich im 16. Jahrhundert entwickelte. 1947 kommt es zur Vereinigung der anglikanischen, methodistischen, presbyterischen und congregationalen (Gläubige ohne jede Konfession) Kirchen, die sich seitdem CSI, Church of South India, nennt. Der Zusammenschluss der Kirchen fand in diesem Gotteshaus statt. Wir spürten die historische Bedeutung dieses Ortes sehr. Bischof Devasahayam, ein Dalit-theologe, hielt einen anregenden Vortrag über die Dalit-theolgie. Ziel der Dalit-theologen der christlichen Kirche in Indien ist, diejenigen, die keiner Kaste angehören, die sogenannten Dalits, aus ihrer Armut herauszuführen und ihre Lebensverhältnisse zu verbessern. Die Kirche trägt sich durch Spenden und Erbschaften.
Zum Gebet und Stillewerden treffen wir uns nach dem Tee, den wir in der Kirche einnehmen, nebenan auf dem Friedhof im Schatten alter Bäume wie dem Banyon-Tree. Auf diesem wunderschönen, stimmungsvollen alten Friedhof werden seit dem 19. Jahrhundert die Geistlichen, britische Militärangehörige und Christen der Gemeinde beigesetzt.

Der heutige Tag stand ganz unter dem Zeichen des Apostels Thomas, einem der zwölf Jünger Jesu, Thomas kam, der Legende zufolge, 52 n. Chr. nach Indien. Wir fahren zum großen Berg des Apostels Thomas, wo er durch die Lanze eines Hindu getötet wurde. Weiter geht es zum kleinen Berg des Apostels, hier befindet sich die Höhle, wo er sich mehrere Jahre vor seinen Verfolgern verbarg und eine Quelle, die von ihm gefunden wurde.
Mit unserem Transparent, auf dem wir uns als Pilger für Frieden und Gesundheit in der Welt auf Tamilisch und Englisch zu erkennen geben, pilgern wir am Marina-Beach in Madras entlang, dem zweitgrößten Strand der Welt (neben Miami).
Wir fahren weiter zum Grab des Apostels Thomas und werden dort in der "San. Thome Cathedral" vom katholischen Bischof und vom Erzbischof der Erzdiözöse von Madras-Mylapore empfangen.
Nach einem Begrüßungsgottesdienst und Empfang im Haus des Bischofs lernen wir zwei Schwestern von Pater Clement und einen seiner Brüder und deren Kinder kennen. Es ist eine sehr herzliche musikalische Begegnung.

4. Tag Montag, 16.10.06
Pater Thamburaj aus dem Ashram in Madras gibt uns den Segen für unsere Fahrt Richtung Südindien. Wir besichtigen den Tempel in Mamallapuram, einem Rest einer gößeren Tempelanlage, die vermutlich durch einen Tsunami ca. 50 v. Chr. zerstört wurde und im Meer versunken ist.
Entlang der Küste fahren wir weiter durch von der Tsunamikatastrophe 2004 betroffene Gebiete. Die Landstriche links des Highways dürfen nicht mehr besiedelt werden, die Dörfer werden rechts vom Highway wieder aufgebaut. Auf diesen Küstenstreifen wird Salz zum Verzehr gewonnen, das Ghandi als ein Wunder der Moderne bezeichnete.
Wir fahren nach Pondicherry und kommen dort gegen Abend an. Wir wird früh dunkel, schon gegen 18 Uhr.
Wir werden herzlich vom Deputy Director for Planning of Government Health Department, Mr. Anand Kumar Selvaraj empfangen. Herr Selvaraj möchte, dass ein Muhi-Zentrum auch in Pondichrerry gebaut wird.

5. Tag Dienstag, 17.10.06
Wir haben in einem Ashram in Pondicherry übernachtet. Zum Frühstück ging es zum Ashram in die Stadt, etwa 20 Minuten Fußweg. Auf der Strandpromenade tragen wieder zwei Pilger unser Transparent. Herr Selvaraj begleitet uns. Es gibt eine Polizeikontrolle zu passieren, was wiederum von Herrn Selvaraj geregelt wird. Wir frühstücken in einer riesigen Ashramküche. Dort werden täglich drei Mahlzeiten für Leute, die in Pondicherry zum Meditieren verweieln, versorgt. Das Essen ist günstig, es ist in Selbstbedienung. Dabei geht es routiniert zu. Alles geschieht in Stille.
Pondicherry ist die Hauptstadt von Pondicherry State. Pondicherry wurde 1951 unabhängig von Frankreich. Die Straßennamen sind in Tamil und in Französisch geschrieben. Eine lebendige, saubere, sehr europäisch aussehende Bade- und Touristenstadt.
Nach dem Frühstück fahren wird an den Strand, wo ein Dorf weitgehend vom Tsunami zerstört wurde. Wir feiern eine Andacht am Strand unter Palmen und gedenken der Katastrophe. Wir sehen die Fischer, die Frauen, die am Strand beschäftigt sind. Es ist ein ganz besonderer Ort, und wir sind sehr bewegt. Wir beten innig.
Mit dem Bus fahren wir in ein kleines Dorf in unmittelbarer Nähe. Wir sind eingeladen, einen Vortrag über die Vorstellung eines neuen Muhil-Projektes in diesem Dorf zu hören.
Das Krankenzentrum, das hier entstehen soll, ist bereits durch die Regierung genehmigt. Die Versammlung findet vor dem Hindu-Tempel statt. Vor Beginn werden unsere beiden Geistlichen und Herrmann durch eine besondere Zeremonie begrüßt und geehrt. Dr. Clement stellt das Projekt vor. Im Anschluss daran zeigte Frau Dr. Indira Devi die praktische Seite: sie untersuchte Patienten. Diese wurden im Anschluss mit Medikamenten versorgt. Mittags trafen wir die Ehefrau von Dr. Selvaraj.
Nachmittags besuchten wird das internationale Dorf Auroville, das von Aurobindo in den 50er Jahren gegründet wurde.
Am Abend meditieren wir am Grab der sogenannten "Mother", die Frau von Aurobindo. Sie war Französin.

6. Tag Mittwoch, 18.10.06
Heute morgen brechen wir früh auf nach Trankebar. Hier landete 1706 der deutsche Missionar Bartholomäus Ziegenbalg. Er gründete hier vor dreihundert Jahren die erste lutherische Kirche in Indien. Er lernte Tamil und übersetzte die komplette Bibel in Tamil. Diese Stadt ist demnach das "Eisenach" in Indien und die Geburtsstadt der Tamil-Bibel. Ziegenbalg gründete eine Schule für Jungen und Mädchen, sowie eine Lehranstalt für die Lehrerausbildung, führte eine Druckmaschine ein und ließ Bibeln in Tamil drucken. Wir werden vom Pfarrer, Rev. Gunalan Packiaraj, in der Lutherischen Kirche empfangen. Am Abend feiern wir Gottesdienst und das Heilige Abendmahl in der New Jerusalem Lutheran Church. Wir wurden herzlich bewirtet, essen und schlafen im Gemeindezentrum.

7. Tag Donnerstag, 19.10.06
Nach Trankebar wartet auf uns eine lange Busreise nach MUHIL. Schon bald beginnt es zu regnen, während einer kurzen regenfreien Zeit frühstücken wir auf einer Wiese. Unterwegs im Bus hören wir Taizelieder, genießen die fruchtbare, grüne Landschaft von Tamil Nadu, die vielen kleinen Dörfer, durch die uns unsere Reise bringt. Am späten Nachmittag erreichen wir das MUHIL Gesundheitszentrum in der Nähe von Thirumangalam. Das Zentrum wurde von Siddhaärztin Dr. Fatima Rani, dem Redemptoristen Pater Dr. Clement Joseph und dem Jesuitenpater Michael Jeyarai vor über zehn Jahren gegründet.
Der Name MUHIL steht für Movement for Universal health Integration and Liberation (Bewegung für ganzheitliche Gesundheit und Befreiung). Hier wird unter anderem nach der Siddhamedizin behandelt. Sie ist eine ganzheitliche traditionelle Heilmethode Südindiens, die besonders bei Arthritis, Rheuma, Psoriasis, Hautkrankheiten und frühen Stadien von Krebserkrankungen angewandt wird.
Im MUHIL-Zentrum erhalten junge Frauen die Möglichkeit einer Ausbildung zu Sozialarbeiterinnen im Gesundheitswesen: Sechs Frauen leben z. Zt. In MUHIL.
Von ihnen wurden wir sehr herzlich empfangen. In einem Begrüßungsritual wurde jedem Pilger eine Blumengirlande überreicht, ein kleiner Chor sang ein Begrüßungsgebet.
Anschließend stellte Pater Michael Jeyarai die asiatische Anschauung des Pilgers vor. Zentral ist der Gedanke, unterwegs zu sein; stärker als auf ein direktes Ziel zuzugehen.