Pilgern - Erfahrungsberichte

Bericht von der zweiten Woche

von Hermann Dietrich

8. Tag, Freitag, 20.10.06 Madurai
Zum großen DIVALI-Fest, das jährlich fünf Tage lang gefeiert wird, sind eine Million Menschen von außerhalb gekommen, um mit zufeiern. Wenn wir auch nicht bis zum weltberühmten Minakschi-Tempel vordringen können, erleben wir im Tamilnadu Theological Seminary mit Frau Dr. Neumann, aus Schwarzenhasel bei Rotenburg a.d.Fulda und ihrem indischen Ehemann David, Sozialanalytiker einen äußerst spannenden Tag. Nach der Vorstellungsrunde erläutern sie uns die Entstehung und Ausgestaltung des Tempels sowie die Gebräuche im Inneren, erklären uns die Komplexität des in der Welt einmaligen Kastenwesens, nehmen Stellung zur Frauenfrage und zum Umweltschutz in Indien, aber auch zum Unwesen großer europäischer Firmen, die für 1000 Rupie im Monat (weniger als 20 €) junge Mädchen aus den Dörfern unter erbärmlichen Bedingungen arbeiten lassen und ausbeuten. Auch stellen sie uns den Interreligiösen Dialog in Indien vor und vieles mehr. Im Seminar studieren mehr als 150 Inder Theologie; auch ein Bayer wagt hier ein Auslandssemester.
Am Abend erleben wir eine mitreißende Abendmahlsfeier, in der unsere Pfarrerin Janina Richter das Evangelium verkündet, das von Frau Dr. Neumann realitätsnah ausgelegt und von sechs Instrumentalisten, vornehmlich Trommler, mit starken männlichen Rhythmen mitgestaltet wird.

9. Tag, Samstag, 21.10.06
Father Clement führt uns durch die ca. ½ Hektar große Anlage von MUHIL-GARDEN. Im Schatten zahlreicher exotischer Bäume bewundern wir die kunstvoll und effizient angelegten Wasserkanäle und Speicher, in denen das kostbare Nass des alljährlichen Monsums eingefangen und für die lange Trockenzeit aufbewahrt wir. An einem der vier Eckpfeiler eines geplanten Siddhatempels gedenken wir besonders der dort beerdigten und aller Verstorbenen. Uns überrascht sodann die Weiträumigkeit des kürzlich fertiggestellten Physikalischen Therapiezentrums und im Corinnahouse, dem turmartigen Gebäude für psychotherapeutische Behandlungen, die kunstvol-stabile Bambuskonstruktion.
In der Meditationshalle im 1. Stock des Hauptgebäudes mit der rundum Fernsicht machen uns Frau Dr. Rani und Father Clement schließlich vertraut mit der traditionellen ganzheitlichen Siddhaheilkunst. Nicht weniger aufmerksam lauschen wir den uns vertrauteren umfassenden Darlegungen von Frau Pfarrerin Richter über das Leben und so vielseitige und nachhaltige Wirken von Hildegard von Bingen, dieser großen prophetischen deutschen Mystikerin des 12. Jahrhunderts.

10. Tag, Sonntag, 22.10.06
Am Morgen feiern wir zusammen mit dem MUHIL-Team einen Ökumenischen Gottesdienst, der wohl uns allen wegen seiner besonderen liturgischen Gestaltung nachhaltig in Erinnerung bleiben wird. Nach dem Aufbruch im gastlichen und so liebenswerten MUHIL-GARDEN fahren diesmal Herr Dr.Selvaray, seine Gattin Maria und Tochter Lea mit uns. Über ein Video im Bus erleben wir nun in der Rückschau die Vorstellung des neuen MUHIL-Projekts am Meer bei Pondicherry, bei der wir vor einigen Tagen Gäste sein durften. In der Mittagspause unterwegs gedenken wir am Königsschrein jenes Königs, der im Widerstand gegen die Briten verraten und zum Tode verurteilt sich mutig eigenhändig die Schlinge um den Hals legte mit den Worten: "Ich bin ein König und sterbe auch in Würde."
In Kootapuly empfangen uns am Nachmittag 130-150 InderInnen zur Einweihungsfeier des neuen MUHIL-Centres, das nach der Tsunamikatastrophe hier errichtet wurde. Das Hauptgebäude sponserte die Charitee Berlin und das Fisherhouse das Komitee Ärzte für die Dritte Welt in Frankfurt.
Am Abend beziehen wir Quartier im Peace Trust Kanyakumary, einem weiträumigen Gebäudekomplex der Friedens-Treuhandgesellschaft.

11.Tag, Montag, den 23.10.2006
Auf der Dachterrasse des Friedenszentrums - es liegt auf der höchsten Stelle des südlichsten Punkts des indischen Subkontinents - haben wir einen außergewöhnlichen Rundblick auf das Arabische Meer, den Golf von Bengalen und den Indischen Ozean. Da der Himmel bedeckt ist, erleben wir an dieser Stelle vom gleichen Platz aus jedoch nicht den Sonnenauf- und - untergang über dem Meer.
In der Gesprächsrund tauschen wir uns nach dem Frühstück gegenseitig miteinander aus. Uns wird u.a. besonders bewusst, wie vielseitig und komplex unsere Pilgerreise bisher war; die intensive Begegnung mit Inderinnen und Indern, mit der so anderen indischen Kultur und der spirituellen Vielfalt, wobei wir feststellen, dass besondere spirituelle Orte vornehmlich auch in touristisch interessanten Gebieten liegen.
Am Mittag fahren wir nach Manavalakurichi in die Redemptorist Community von Father Clement. Dort erleben wir seinen Mitbruder Fr. Thomas Kocherry. In einem engagierten Vortrag legt er überzeugend seine gelebte Spiritualität dar und serviert uns danach ein liebevoll zubereitetes Abendessen.

12.Tag, Dienstag, 24.10.2006
Der Monsum-Dauerregen der Nacht hat vorübergehend eine Pause eingelegt. Father Clement kommt erst eine Stunde später als vereinbart aus seiner Community zurück. Umgestürzte Bäume versperrten ihm den direkten Weg.
Wir besuchen das Gandhi-Memorial nahe am Kap. "Es ist kein Anlegeplatz für Schiffe. Es ist ein Ort, der in besonderer Weise mit Göttlichem verbunden ist," so Gandhi sinngemäß, der 1948, ein Jahr nach dem Marsch für die Armen auf dem Weg zum Gebet erschossen wurde.
An der Stelle, wo nach einer Feier die Urne mit der Asche des Mahatma aufgestellt war, bevor sie dem Meer übergeben wurde, steht heute das beeindruckende Memorial. Auf den Mittelpunkt einer Stele im Memorial fällt bezeichnender Weise jeweils genau am Todestag Gandhis durch eine Öffnung in der Kuppel das Sonnenlicht.
Unweit am kleinen Tsunami-Memorial, das kürzlich errichtet wurde, verweilen wir zu einem stillen Gedenken. Anschließend fahren wir auf einer uralten bis auf den letzten Platz besetzten Fähre dichtgedrängt hinüber zum Nivekananda Memorial, ca. 200 m entfernt auf einer Insel aus blankem Fels gelegen. Der große indische Philosoph pflegte hier in jungen Jahren (um 1882) zu meditieren. Wir besuchen barfüßig auch dieses Tempelgebäude und meditieren am Schluss 15 Minuten schweigend im dunklen Meditationsraum.
Gegen 16 Uhr verlassen wir schließlich Konjakumari und kommen nach vierstündiger Busfahrt im Shantigiri Panchakarma Center in Kovalam an, das unmittelbar an dem nach Miami zweitlängsten feinen Sandstrand der Welt liegt