Pilgern - Erfahrungsberichte

Bericht von der dritten Woche

von Jochen Bauer

3. Wochenbericht vom 25.10.06 - 1.11.06
Schluss

von Jochen Bauer


Barfußlaufen will gelernt sein!
In Indien ein Muss. Ich kann es nicht, vor allem nicht mit einem Koffer in der rechten Hand und dem Rucksack in der linken, die Betontreppe von der Männerunterkunft hinunterhetzend. Unser Bus wartet schon.
Der schwere Koffer drückt. Ich rutsche aus, falle auf den Arm. Im Unterarm ein tiefer Riss, der sofort zu bluten anfängt.
Ich rufe nach Hansaplast und Jod. Kopfschütteln.
Die Nurse des Gesundheitszentrums von Muhil lässt sich nicht beirren: Sie streicht mit einer grünlich stinkenden Tinktur über die Wunde. Das Bluten hört auf. Die Wunde wird anschließend mit einem Pulver bestreut. Mein skeptischer Blick wird belächelt: "It’s Siddha medicine. You’ll get well soon."

Der Grenzposten zwischen Tamil Nadu und Kerala ist überflüssig. Kerala erkennt man sofort. Es ist ein besonderer Bundesstaat. Die Natur ist plötzlich anders. Die Vegetation am südwestlichen Teil Indiens profitiert von den häufigen Niederschlägen. Palmen und Bananenstauden wollen sich an Üppigkeit überbieten. Den indischen Dschungel, den wir bislang vermisst haben, hier lässt er sich erahnen.
An der Küstenstraße - man nennt sie hier trotz Radfahrer und Fußgänger ‚motorway’ - reiht sich Hütte an Haus, Kiosk an Shop. Viele Menschen. Immer gut gelaunt. Auch die Armen. Erstaunlich. Keine nervende Bettelei.
"So gut wie kein Analphabetismus. Starke Gewerkschaften. Deshalb halten sich die Investoren zurück," klärt uns der Busfahrer auf, der als Tamile sich auch mit Englisch behelfen muss, denn in Kerala spricht man Malayam.

Der Strand von Kovalam ist ein Traum. Leider kommen wir zu spät an. Es ist schon dunkel um 7. Gerade noch Zeit für die Pilger zu einer Andacht unter Palmen. Das erste Bier - in Zeitungspapier eingewickelt - für uns Männer seit zwei Wochen. Die Brandung ist nur zu hören, macht Lust auf Meer.
Morgens um sechs sind die Ersten am Strand, lassen sich von den Wellen umspülen, genießen den Sonnenaufgang beim anschließenden Spaziergang. Die Dorffischer ziehen mit vereinten Kräften die vollen Netze auf den Sand. Ein dankbarer Blick zum Himmel, ein Gottesdienst der besonderen Art.

Viel zu früh müssen wir aufbrechen, das Ashram Shintigiri (Friedensberg) ist unser Ziel. Was ist das, ein Ashram?
"Ein spirituelles Lehrzentrum, ein Ort religiöser Praxis für alle Glaubensrichtungen", klärt uns Father Clement im Bus auf.
Mit strengen Regeln: Wir müssen uns mit weißen Kleidungsstücken aus dem einzigen Shop versorgen, die Männer mit einem Stück weißen Stoff, der an der Hüfte zum Dhoti zusammengebunden wird. Mein Dhoti hält nicht, der Hosengürtel macht’s möglich. Heidrun, eine deutsche Ashrambewohnerin ("nach 5 Monaten Ashram wackelt man automatisch mit dem Kopf wie die Inder") hilft den Frauen beim Anlegen des Sari.
Nach der obligatorischen Fußwaschung werden die Schuhe im Bus zurückgelassen. Der Lunch wird von überaus freundlichen Männern mit freiem Oberkörper auf Bananenblättern serviert, das Trinkwasser ist mit interessanten Ingredienzien angereichert.
Auf dem Ashramgelände bewegen sich lautlos die Weißgekleideten, nur unterbrochen durch die gelben Farbtupfer der Swamis, eine Priesterkaste mit direktem Zugang zur Janini.
"Die Janini ist das Medium, das der verstorbene Guru auserwählt hat, seine Gedanken und Erkenntnisse weiter zu transportieren", klärt uns Stefan aus Bayern auf, der hofft so lange wie möglich im Ashram bleiben zu dürfen. "Sie kann mich jederzeit nach Hause schicken."
Die Lady trohnt hinter dem Bildnis des Gurus, die Arme müde auf einem Kissen gelegt, gibt mehr oder weniger verständliche Sätze von sich. In der Ashram-Broschüre lese ich die umwerfenden Zeilen:
WORD IS TRUTH
TRUTH IS GURU
GURU IS GOD.
Von "peinlicher Gehirnwäsche" bis "durchaus eine religiöse Alternative" lauten die Reaktionen der Mitglieder der Pilgerreise.
Ich jedenfalls bin heilfroh, dass es bald weitergeht, nachdem wir in unserer Lodge am späten Vormittag eine Hindu-Hochzeit haben miterleben dürfen. 25000 Rupien (rund 500 €) hat der Brautvater für die 300 Gäste ausgeben müssen.

Der von allen Teilnehmern mit großen Erwartungen entgegengesehene Bootsaufenthalt in den Backwaters stand unter keinem guten Stern. Erstens war es schon spät geworden, zum andern hatte uns der Monsun mit unerwartet heftigen Niederschlägen überrascht, sodass an eine Bootsfahrt in der Nacht nicht zu denken war. Stattdessen gab es nach dem Frühstück eine kleine - aber beeindruckende - Runde auf dem schönen Gewässer.
Kerala hat hohe Berge, der Bus muss - vorbei an Gummibäumen, Tee- und Kaffeeplantagen - über 2000 m. hochsteigen, bis wir von Father James in einem Bambussaal herzlich empfangen werden. Er stellt uns sympathische junge Leute aus einem Dschungeldorf vor, die uns nach dem Gespräch zu einer Wanderung um ihr Heimatdorf einladen: an Bambusbäumen vorbei, über eine wackelige Hängebrücke durch Reisfelder, die gegen trampelnde Elefanten geschützt werden müssen.
"Protection of nature is God’s will", verkündet der Redemptorist.

Karnataka - der letzte Staat auf unserer Indienreise. Mysore empfängt uns mit seinem von 5000 Glühbirnen hell erleuchteten Palast und einem verkleinerten exakten Nachbau des Kölner Doms. Wir lernen Schwester Joyce kennen, die uns mit ihrer Warmherzigkeit bis zum Abflug begleiten wird.
Bangalore ist beeindruckend, einige Straßenzüge durchaus mit südeuropäischem Flair. Das Indian Social Institute bietet eine Menge ungewohnten Komfort für unsere müden Körper, das Ecological Church Institute mit seinem schönen Garten lässt die Geister noch einmal aufleben.
Der letzte Tag ist Randreligionen gewidmet: Die Janayisten mit ihrem edlen Tempel suchen Gott in unsrer Seele, die Anhänger von Rhanakrischna bezeichen sich als New Hindu, die Hochzeit bei den Sikhs stellt einen versöhnlichen Abschluss dar.

In der Abflughalle des Flughafens von Bangalore schaue ich auf meinen lädierten Unterarm. Die Wunde ist fast schon verheilt.
Danke Indien!