Pilgern - Erfahrungsberichte

Freitag, 21.07.2006 Von Rüdigershagen nach Dingelstädt

von Rosemarie

"Es tagt der Sonne Morgenstrahl, weckt alle Kreatur ...ja, ein neuer Tag beginnt und ich freu` mich, Herr, auf dich."
Es ist Freitag, d. 21. Juli 2006. Nach konstanten Unkenrufen in der Nacht, klarem Sternenhimmel mit abnehmendem Mond über Rüdigershagen, manchen Ameisen unter der Matte, die vor uns aufwachten und herrlichem Vogelfrühkonzert, wurden wir mit Lied und Gitarre zum Aufstehen ermuntert. Die Luft ist durch das zuvor gewesene Gewitter und den Regen gereinigt. Reichlich gedeckte Frühstückstische erwarten uns. Selbst köstliche Salate vom Vorabend sind im Angebot.
In der Morgenandacht lesen wir den wunderbaren Psalm 139. "Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir." Ich empfinde dieses nicht als Einengung und Kontrolle, sondern als beschützt und geborgen sein. Gerade beim Unterwegssein ist mir das eine Hilfe.
Bei der Danksagung an die gastgebende Gemeinde erfahren wir eine neue Betitelung für die "Streckenmeister". Sie sind eigentlich "Brückenbereiter" zur nächsten Gastgemeinde. Nun kommt der endgültige Abschied von unserem netten, aber in mancher Hinsicht gesehenen "Zwergenhotel". Somit gehört der Kindergarten wieder den dafür vorgesehenen Benutzern. Wir nehmen den Weg nach Dingelstädt unter die Füße. Schattige Wald- und Wiesenwege erwarten uns. Die Punkta mit dem anschließenden Schweigen ist ein willkommener Einschnitt. Der Text ist Mtth. 25, 31-40. Janina lässt uns an ihren Gedanken darüber teilhaben: Wie ist das zu verstehen, Jesus, eigentlich Gott selbst, ist in den unzähligen Geringsten zu entdecken? Der Verherrlichte begegnet uns in den Armen, Kranken, Hilflosen? - Ich frage mich, war nicht schon bei der Geburt Jesu völliges Unverständnis = Gott wird einfacher Mensch? Ja, er will nicht fern, sondern unter uns sein. Zur Unterstützung in dieser Unsicherheit hören wir die Legende vom Heiligen Martin:
Im Winter erlebt ein frierender Bettler am Stadtor Barmherzigkeit, weil der kaiserliche Soldat Martin seinen wärmenden Mantel mit ihm teilt. Im Traum erfährt wiederum dieser, dass er damit Christus selbst gekleidet hat. Der Bedürftige und Christus sind identisch. Er ist somit ganz nah unter uns. - Mir fiel dazu ein: Wie war es aber mit der Mantelteilung Jesu unter dem Kreuz? Bei diesen Soldaten lagen doch andere Gründe vor! Nehmen statt geben war ihre Devise! Wir wurden dann mit zwei Fragen in die Stille entlassen:
- Wo war und bin ich dankbar für den Dienst eines anderen und bekomme Zuwendung? Sei es auf dem Pilgerweg oder im normalen Alltag?!
- Was kann ich weitergeben, wo werde ich zum Helfer dem Anderen?
Es fiel das Stichwort "Learning by doing"! Auch der Hlg. Franziskus kann uns in dieser Beziehung Vorbild sein. Er behauptet: Bittet ein Fremder um einen Becher Wasser, braucht er eigentlich mehr. Es liegt nun an uns, dieses Bedürfnis herauszufinden.
Nach dem Schweigenbrechen führte uns der Weg durch den Wald an der endlosen Klostermauer vorbei in die Kirche der ehemaligen Zisterzienser in Reifenstein. Wir bekamen dort sehr detailliert die Entstehung und Entwicklung des Klosters erklärt. Heute befindet sich auf dem Gelände das Eichsfeldklinikum mit 500 Betten. Beeindruckend war auch die Besichtigung der Krypta, wo die Mönche ihre letzte Ruhe fanden. In der mehrfach fremd benutzten Klosterkirche z. B. als Scheune, Pferdestall oder Heizungsraum finden nun wieder wie ursprünglich gedacht, Gottesdienste und auch Konzerte statt. Abschließend hielten wir dort unser Friedensgebet.
Nach der Stärkung beim Mittagessen unter schattigem Baum hielten wir das Bibelteilen mit dem Text vom Vormittag.
Weiter ging es die schönen Waldwege und wir kamen in den Genuss der "Eichsfelder Sängergruppe", die ihre Spezialhymne zu Gehör brachten. Auch die Gebets- und Schweigegruppen fanden sich wie gewohnt zusammen, um dem Weg zum Ziel wichtigen Inhalt zu verleihen. Ich freute mich, heute den ganzen Tag die Bibel neben Kreuz-Willi tragen zu dürfen! Bei unserer Ankunft auf dem Kirchengelände in Dingelstädt war schon alles für die Fußwaschung vorbereitet, die wir im Auftrag Christi aneinander vornahmen. Tagesüberraschung war das Abendessen = Pellkartoffeln mit Quark, dessen Kräuter vom Hülfensberg kamen. So hatten wir heute schon eine Verbindung zu unserem morgigen Ziel, wo uns der "Gehülfe" erwartet, der uns in jeglicher Form und Weise erquicken will.
So lege ich diesen erfüllten Tag in Gottes Hand zurück und danke für die Bewahrung!
Rosemarie