Pilgern - Erfahrungsberichte

Eisenach - Creuzburg

von Elke Lütenau-Hawa (30.08.2007)

nachdem wir uns abends alle im eisenacher werner-sylten-haus
versammelt hatten, die altpilger sich mit großem hallo begrüßt, die
neupilger sich vorgestellt hatten, alle informationen ausgetauscht und
alle dienste verteilt waren, verbrachten wir frauen eine noch
ungewohnte nacht auf isomatten und in schlafsäcken die für
manchen "wachsäcke" blieben. die besten plätze auf dem kalten,
zugigen flur und im bad zwischen dusche und waschbecken waren
ohnehin als erstes vergriffen gewesen. die männer hatten bei den
diakonissen übernachtet.
etwas prosaisch von der versammlungs-glocke geweckt begann ein
emsiges packen und räumen, tische aufstellen und decken. nach
dem morgengebet und richtig gut gefrühstückt verließen wir unser
quartier vorbei an eisenachs ältestem gebäude, der winzigen
clemenskapelle und vorbei an dem himmelwärts schauenden, die
bibel fest an sein herz drückenden martin luther in richtung elisabethplan
unterhalb der wartburg.
die hl. elisabeth von thüringen hatte dort ein hospital errichtet, war
den armen "auf halbem wege" den burgberg hinunter entgegen
gekommen. nach der hälfte des anstieges erhielten wir von bruder
rolf unsere puncta:
jedes kind wünscht es sich, ein königskind zu sein.
die hl. elisabeth war eine königstochter aus ungarn. 4-jährig wurde
sie an den hof der landgrafen von thüringen geschickt und wuchs
dort als seine verlobte mit dem thronfolger und seinen geschwistern
gemeinsam auf. auch und gerade königskinder haben es nicht immer
gut. sie spüren früh, was verantwortung zu tragen bedeutet.
bruder rolf lud uns ein,
- unsere kindheit mit gutem und schlimmen vor uns lebendig
werden zu lassen und
- uns dabei daran zu erinnern, dass wir königskinder, ja ,
- durch die taufe zu gotteskindern geworden sind, für die die
zusage gilt:
"du bist meine geliebte tochter/ mein geliebter sohn, an der/ dem ich
wohlgefallen habe."
diesen impuls nahmen wir mit hinauf auf den elisabethplan.
archäologen haben die grundmauern des hospitals nachgebildet. ein
großes kreuz bestimmt den eindruck des planes. der bronzenen
elisabthstatue hatte jemand einen strauß frischer rosen in den arm
gelegt.
auf dem rückweg in die stadt passierten wir eine hölzerne skulptur,
eine menschliche gestalt, wie eingeklemmt in einen gespaltenen
baum. unwillkürlich bezog ich das bild auf mein kindheitsgedenken:
so beengt von meinen kindlichen prägungen muss ich nicht bleiben,
wenn ich das geschenk der gotteskindschaft in der taufe annehmen
und darauf wie paulus im galaterbrief (4,6+7) antworten kann:
Abba - lieber Vater!
in der st. annenkirche abendmahlsgottesdienst. wir bekamen unseren
pilgersegen und unser symbol: ein halsband mit siebenzackigem
stern, wie er auch auf dem südturm der elisabethkirche in marburg zu
finden ist.
wieder machten wir uns auf den weg, durch das tal am flusslauf
entlang zur mittagsrast.
beim bibelteilen wird uns noch einmal bestätigt: wir sind kinder gottes
und also erben. als solche stehen wir in gemeinschaft unterein-ander.
- Abba, lieber Vater! -
weiter über hörschel am beginn des rennsteiges vorbei an der werra
entlang über spichra mit seiner wunderschön ausgemalten kirche
zum stiftsgut wilhelmsglücksbrunn, einer ehemaligen saline, heute
eine diakonische suchthilfeeinrichtung über die uns ein freundlicher
herr weiteres berichtete. ein zusammenstoß mit einem radfahrer, der
ein blutiges knie und ärger beim verletzten
verursachte, blieb, Gott sei dank, der einzige unfall
unserer reise.
betend mit rosenkranz, herzensgebet und stillesein
in unserer gruppe besonders für ehe und familien
zogen wir weiter im richtung creuzburg, eine der
burgen der landgrafenfamilie. nach dem
quartierbezug besuchten wir sie am abend und
hielten auch dort unseren tagesabschluss mit der
komplet.
unmittelbar vor der brücke hatten wir in der
liboriuskapelle aus dem späten 15. jahrhundert halt
gemacht. sie lockte mit ihrer hölzernen
vorgängerkapelle vorzeiten viele pilger an. eins der
nur noch schwer entzifferbaren fresken des
elisabeth-zyklus zeigt die legende vom
aussätzigen im ehebett elisabeths und ludwigs.
als der landgraf die decke hob, erkannte auch er
den gekreuzigten Christus in dem leprakranken.
Abba - lieber Vater!
der himmlische Vater, der alle seine kinder liebt, leidet in den kranken
und armen, den süchtigen, den geplagten und beladenen. im
leidenden menschen den mitleidenden Gott erkennen: dafür hatte die
heilige elisabeth augen.