Pilgern - Erfahrungsberichte

Creuzburg - Röhrda

von Karin Backhaus (31.08.2007)

"Der das Ohr gepflanzt hat, sollte der nicht hören?
Der das Auge gemacht hat, sollte der nicht sehen?"
Diese Losung aus Psalm 94 steht über unserem Tag.
Nach einem Frühstück haben wir in der benachbarten
Nikolaikirche eine Messe mit Pater Rolf.
Die Lesungen sind aus dem Evangelium des
Johannes 15, 9 - 17 und dem Philipperbrief 4, 4 - 9.
Mir geht die Predigt sehr zu Herzen, ich fühle mich
angesprochen und ernst genommen auf meinem
Pilgerweg. Dankbar nehme ich an der würdevollen
Eucharistiefeier teil.
Nach dem Gottesdienst brechen wir auf. Wir wollen
heute bis Netra in Hessen kommen, in Röhrda
übernachten. Hinter Creuzburg unsere Punkta: Uns
wird erzählt von der jungen Elisabeth, wie sie als Kind
gerne und lebhaft spielte, aber auch immer wieder ihr
Spiel unterbrach, um in der Kirche die Nähe Gottes zu suchen. Die
Frage nach unseren ´Spielzeiten` oder Pausen, in denen wir keine
Aufgaben zu erfüllen haben, sondern uns der Absichtslosigkeit
überlassen, begleitet uns in die Stille des folgenden Weges. Mir
kommt das Thema sehr bekannt vor. Wie oft im Alltag habe ich doch
diese Sehnsucht nach freier Zeit, danach die Hände in den Schoß zu
legen, und wie selten gelingt es mir, es sei denn ich plane es bewusst
ein. Oft nicht mal dann.
Wir laufen Richtung Willershausen, das schon jenseits der
ehemaligen deutsch-deutschen Grenze im Hessischen liegt. Oben
auf der Höhe im Wald kommen wir an einem Denkmal vorbei, es
zeigt eine große rostfarbene Landkarte von Deutschland mittendrin
der Riss von oben nach unten, der bis 1989 durch das hessischthüringische
Land, ja durch ganz Europa ging. Manfred erzählt uns,
wie damals, als die Grenze zum Beispiel in Berlin schon durchlässig
war, die Menschen von Willershausen aus Hessen und Pferdsdorf
aus Thüringen für die Öffnung ihrer alten Straße demonstrierten. Ab
dem 20. November trafen sie sich jeden Abend diesseits und jenseits
des Zaunes zu gemeinsamen Gottesdiensten, Mahnwachen,
Gesängen.
Bis endlich am 23. Dezember auch hier die Grenze geöffnet wurde.
Weiter geht’s bis Willershausen in eine kleine evangelische
Dorfkirche aus dem 13. Jahrhundert. In Gedenken an die bald 20-
jährige Grenzöffnung stimmen wir "Großer Gott, wir loben Dich…" an.
Manfred erzählt uns über das Mittelalter und seine Pilgerströme, die
damals unterwegs waren. Wir erfahren, dass Willershausen im
Spätmittelalter ein Marienwallfahrtsort war.
Warum bin ich dieses Jahr Pilgerin und wieder
dabei? Ich habe Fragen, tiefe Zweifel, die mich
beschäftigen. Hier auf dem Weg, jenseits des
Alltags und des Familienurlaubes will ich mir Zeit
dafür nehmen. Ich brauche das in der Hoffnung
meine Not zu wenden. Es gibt eben nicht nur
Blasen an den Füßen, sondern auch auf der Seele.
Um die will ich mich kümmern und bitte Manfred um
ein seelsorgerliches Gespräch. Wie schafft man
einen Schutzraum für ein intimes Gespräch in einer
Gruppe von 60 Pilgern? Antwort: Wir gehen weit
hinten, hinter der Roten Laterne. Das gemeinsame
Gehen hilft, dass auch das Gespräch in Gang
kommt.
Wir kommen nach Ifta. In der evangelischen Kirche
werden wir von dem ansässigen Pfarrer begrüßt.
Über uns beschirmt uns ein blau ausgemaltes
Brettertonnengewölbe mit Wolken und Sternen,
Sonne und Mond. Auch die Emporen und die
Kanzel sind farbenfroh gestaltet. Man nennt das
Bauernbarock, mir gefällt es. Auf dem Dach der Kanzel sitzt ein
Pelikan, der mit seinem Blut die Jungen nährt, ein altes Symbol für
Christus.
Nach einer Mittagspause ziehen wir weiter nach Liederbach und
finden in der dortigen Kirche einen kostbaren gotischen Schnitzaltar,
über den uns ein Gemeindemitglied eine kleine Einführung gibt. Auch
hier ist das Kirchengewölbe wieder schön ausgemalt.
Jetzt sind es noch 4 km und wir sind in Netra, dem Tagesziel,
angekommen. Die Pfarrerin begrüßt uns in der Kirche, die dem hl.
Jakobus geweiht ist. Wir singen "Saget Danke alle Zeit Gott dem
Vater, …" und haben eine Andacht, die sich auf die Tageslosung
bezieht.
Zum Abendessen haben uns liebe Menschen aus Netra ein
wunderbares Suppenbuffet gekocht. Herrlich! Eine schmeckt besser
als die Andere! Für 60 Pilger muss schon viel gekocht werden. Wir
denken dankbar an die fleißigen Hände, die es uns ermöglicht haben,
den Tag sorglos ohne Gedanken an das Abendessen mit Laufen und
Besichtigung von wunderschönen Kirchen zu verbringen!
Nun gilt es nur noch, das Nachtlager im Nachbarort Röhrda in der
dortigen Turnhalle aufzusuchen. Dort finden wir genügend Raum für
unsere große Gruppe und sogar Duschen.
Der Tag wird mit einem Tagesrückblick und dem Abendgebet im
Kreis beschlossen, mancher hat schon sein Nachtgewand an.
Bald wird es still.
Karin Backhaus