Pilgern - Erfahrungsberichte

Waldkappel - Spangenberg

von Manfred Backhaus (02.09.2007)

Welch ein Sonntag! Dies ist wahrlich der Tag des Herrn. Aufgeweckt durch den Gesang von Engeln in der Waldkappeler Turnhalle,erwartete uns bald im evangelischen Gemeindehaus ein sonntägliches Frühstück mit Kaffee und Brötchen an festlich gedeckten Tischen. Durch den Ort zogen wir zur katholischen Kirche St. Elisabeth, ein Nachkriegsbau für die heimatvertriebenen Sudetendeutschen. Hell und freundlich schien die Kirche, mit einem großen Abendmahlsbild hinter dem Altar. Pater Rolf hielt die Messe mit Helga und Klaus als Messdienern. Das Evangelium (Lk 14, 7-11) erinnerte uns daran, wo in der Welt
Christen ihren Platz einnehmen sollten:
nicht in den VIP-Räumen oder auf den
Titelseiten der Glamour-Postillen,
sondern an der Seite der Armen,
Benachteiligten und Schwachen, wie es
die Hl. Elisabeth vorgelebt hat. Der
Gottesdienst ist mir als ein besonders
feierlicher und würdevoller in Erinnerung,
voller Ehrfurcht vor dem Geheimnis
unserer Begegnung mit Christus im
Sakrament der Liebe. Unter dem Geläut
der Glocken machten wir uns auf den
Weg, begleitet von einigen Mitgliedern
aus der Gemeinde.
Aufgegriffen wurde das Thema des Evangeliums später von Claudia in der Punkta: Konsequent aß Elisabeth nur die Speisen, die nicht unrechtmäßig den Bauern abgepresst worden waren. Wo üben wir Gerechtigkeit und was heißt Konsequenz in meinem Leben? Jesus gibt uns keine Anweisung für einen besseren Platz im Himmel,sondern wie wir anderen und uns selbst ein besseres, ein himmlischeres Leben auf der Erde schaffen können.
Und dann liefen wir durch einen Zauberwald, schweigend, auf
federnden Waldböden mit gelegentlichen Ausblicken in die Weite.Umgeben waren wir von Bäumen, hinter denen ein Wunsch
verborgen war oder auf denen Zauberstäbe nachwuchsen; von
Feenblättern und anderen wundersamen Dingen. Eine
Künstlergruppe hatte merk-würdige, seltsame, oft aber einfach fröhliche Dinge in den Wald gestellt, Kunst am Weg.
Etwas abseits unseres Weges führen seit einigen Jahren 10
Bethlehemschwestern in Stille und Einsamkeit ein Leben der
Anbetung Gottes. Wir konnten sie nicht besuchen, aber Manfred Gerland berichtete von ihnen und dass sie heute für uns beten würden.
Zur Mittagszeit erreichten wir Reichenbach
mit einer sehr alten Klosterkirche aus dem
12. Jh., die auf Vorläuferkirchen aus dem
9. und 10. Jh. errichtet ist. Mit Regina
übten wir den Lobgesang Mariens, das
Magnificat, speisten dann an Tischen und
Bänken, was unsere Willis für uns
vorbereitet hatten. Plätzchen gab’s von
unseren Begleitern aus Waldkappeln, die
sich nun verabschiedeten, und wir gingen
weiter durch den Zauberwald nach
Spangenberg, wo uns auf halbem Weg ein
Begrüßungskomitee der dortigen Gemeinde entgegenkam.Glockengeläut empfing uns und ein Pfarrer im Talar, der, ein wenig überfallartig und
ohne unsere reale Verfassung richtig zur Kenntnis zu nehmen, mit uns einen Taufgedächtnisgottesdienst veranstaltete. Ich fühlte mich überfahren, aber wahrscheinlich war es gut gemeint.
Aber noch war der Sonntag nicht zu Ende, galt es doch, das
zehnjährige Jubiläum dieses ökumenischen Pilgerwegs zünftig zu feiern. Dazu ging’s ins Gasthaus, wo es wieder eine Suppe gab, aber auch Bier! Manfred hielt einen kurzen Rückblick auf den Beginn 1998, als 16 wackere Pilger von Kloster Germerode zum Hülfensberg
liefen. Dann 2000, schon mit Pater Eusebius und 40 Pilgern, vom Hülfensberg nach Marburg. Und immer
weiter: die Eichsfeld-Tour, Fulda,
Höxter, Erfurt, Korbach, Drübeck/Harz
und nun Eisenach.
Drei Pilger berichteten von ihrem
Einstieg in diesen ökumenischen
Pilgerweg: Hans-Werner, der nach
seiner Pensionierung "etwas" gesucht
hatte und nun seit zehn Jahren immer
dabei war; Vesna, die in Österreich im
Internet auf den Pilgerweg im
Nordhessischen gestoßen ist und nun
schon zum vierten Mal dabei ist; Elke,
unsere geborene Messdienerin, die von
ihrem Gemeindepfarrer darauf aufmerksam
gemacht wurde und von ihrem
ersten Pilgerweg ganz begeistert und
begeisternd berichtete.
Mit etwas Wehmut verabschiedeten wir
Pfarrerin Claudia und Hans-Werner, die
andere wichtige Termine hatten sowie
unseren Streckenmeister Heinz, der aus
gesundheitlichen Gründen sofort abbrechen
musste (die gute Nachricht: er kam Tage
später wieder zu uns).
Dieser Tag, der so reich gefüllt war mit
Eindrücken und Erlebnissen ging mit dem
Abendgebet in der evangelischen Kirche zu
Ende. Wahrlich, ein Tag des Herrn!
Manfred F. Backhaus