Pilgern - Erfahrungsberichte

22.06.2008 Von Stadtoldendorf nach Neuhaus / Solling

Sonntag, den 22. Juni 2008

Unser erster Morgen. Wir haben in der Turnhalle von Stadtoldendorf und im Gemeindehaus der evangelischen Pfarrei übernachtet. Es war eine Nacht des Fußballs, was durch die Fenster und Türen drang. Nun sanftes Wecken schon um 5 Uhr von vier Pilgerinnen mit Gesang und Flötenspiel. Hurra, es gibt Duschen! - Unsere Pfarrerin und Pilgerin Claudia Barth lässt den Tag nach der Nacht des Schweigens mit dem Lied "Jeden Tag den Aufbruch wagen, jeden Tag einander Segen sein ..." beginnen. Wir frühstücken aus dem Vorrat der Pilgerküche; die Wegzehrung für den Tag wird von jedem selbst zubereitet und im Rucksack verpackt.

Um 7 Uhr hält Pater Rolf den Gottesdienst mit der Feier der Eucharistie in der Katholischen Kirche in Stadtoldendorf. Die Lesung steht in Genesis 12, 1 - 3; das Thema lautet: Wie stehe ich vor meinem Gott? Und: Was macht Heimat aus? In der Heimat bin ich geborgen, sie ist mir vertraut, hier ist meine Familie, hier ist mein Raum, hier pflege ich meine Gewohnheiten, hier treffe ich mich mit meinen Freunden. Heimat ist aber nicht alles im Leben. Zu viele Gewohnheiten lassen uns festfahren, lassen Routine einkehren. Daher: Aufbruch muss sein. Wer die Welt kennenlernen will, muß "Auf Wiedersehen" sagen. Gott ruft immer wieder zum Aufbruch: "Kommt, folgt mir!" Wer Gott kennenlernen will, muss aufbrechen. Wie Gott uns ruft, wissen wir nicht so genau. Er kann mich rufen, wenn mich ein hilfesuchender Blick sucht. Gewohnheiten loslassen heisst: Auf den Weg gehen. Unser Weg, unser Pilgerweg, kann ein Anfang des Losgehens sein, jetzt bin ich gefordert - so wie Abraham. Abraham machte sich auf den Weg. Wir können Gott erfahren, wenn wir uns auf den Weg machen. Gott ruft uns zu: Fürchtet euch nicht, ich bin da! Also: Machen wir uns auf den Weg! Pater Rolf wünscht uns allen einen schönen Sonntag und guten Weg. Cornelia stellt eine Kerze von uns auf den Altar. Sie widmet sie der Verbindung mit dieser Kirchengemeinde.

Wir brechen auf nach Deensen - Schießhaus - Silberborn - Neuhaus. In Deensen an der Dorfkirche hält Birgitt Neukirch die Punkta: Wer Ohren hat zu hören, der höre!
Die verschiedenen Formen des Hörens: hin-, zu-, mit-, ab-, ver-, über-, auf-hören,
hellhörig sein, gehorchen, gehorsam sein. Zum Hören brauchen das Wahrnehmen.
Wer nicht gut hört, dem entgeht etwas. Wir verweilen eine Zeit in der Stille; wir lauschen der Stille. In der Stille hören wir mehr. Abraham hörte Gottes Wort, die Berufung - und er gehorchte Gott. Habe ich genügend Stille? Welchen Auftrag habe ich, kann ich mich darauf einlassen? Diese Gedanken gibt uns Birgitt mit auf den Weg. Wir gehen schweigend, in der Stille.

Streckenmeister sind heute Hans-Werner und Heinz. Auf dem Weg machen wir Rast und genießen die Wegzehrung aus dem Rucksack. Unser Minivan mit Ullrich, Horst und Dieter an Bord kommt zu uns und versorgt uns mit frischem Wasser: Welch ein Geschenk! Nach der Mittagspause machen wir uns an die Bibelarbeit aus Matthäus 4, die Verse 18 bis 22.

Neuer Aufbruch zu unserer Unterkunft für die Nacht. Wir steigen heute von 230 auf 500 m den Solling hinauf, höchster Punkt ist der "Vogelherd".

Nachmittags teilen wir uns in drei Gruppen auf:
1. Rosenkranz
2. Herzensgebet
3. Schweigen

Beim Herzensgebet atmen wir ein mit den Worten: "Herr Jesus Christus", lassen dann den Atem wieder los mit den Worten: "Erbarme dich unser!"
Wir erweitern mit Gebetsbitten:
 dass unser Land Ohren hat für Bedürftige, Arme;
 für die Belange der Kirchen in Deutschland;
 wir denken an alte Menschen, die nur geringe Renten beziehen und an Kinderarmut;
 wir beten, dass kein genmanipuliertes Saatgut verwandt wird
 und bitten für uns und andere um Freude am Leben.
Wir beten auch für Manfred, Willi und Hubert und für den Kreuz-Willi, dass sie gesunden und wieder mit-pilgern können.

Heute machen sich Pfarrerin Sabine Kovacevic und einige Frauen aus der evangelischen Kirchengemeinde Neuhaus mit auf den Weg. Sie möchten in ihrer Gemeinde einen Pilgerweg einrichten, der sich auf das Areal der Gemeinde beschränkt und auch für Gemeindeglieder zu bewältigen ist, die nur mit Mühe laufen können.

In Neuhaus angekommen, werden wir mit köstlicher Linsensuppe bewirtet. Es gibt eine Reihe Betten, die zur Nachtruhe einladen. Ein heißer Tag geht zu Ende; wir sind 23 Kilometer gelaufen. Claudia beschließt den Tag mit der Komplet und wir begeben uns ins Schweigen. Wir wurden heute mit ganz viel Liebe und Gastfreundschaft beschenkt. Ein Tag mit all’ seinen Überraschungen, mit starkem und sanftem Radieschenregen, gutem Essen und Trinken, intensiven Gesprächen und reichem Segen geht zu Ende. Wir freuen uns auf die Ruhe der Nacht, um erfrischt den neuen Tag zu beginnen mit Gottes Segen und guter Gemeinschaft.

Christa Smouse