Pilgern - Erfahrungsberichte

23.06.2008 Von Neuhaus / Solling nach Uslar

Montag, den 23. Juni 2008

Unser erster Pilgertag führte uns abends nach Neuhaus im Solling. Dort schliefen wir - ungewöhnlich für Pilger - fast alle in Betten in der Stiftung "Kinderheimat im Wiesengrund". Um 5.45 Uhr wurden wir geweckt. Eine Stunde später hieß es dann, Brote zu schmieren und einzupacken für den ganzen Tag, denn unsere "Küchen-Willis" können diesmal wegen Krankheit leider nicht dabei sein. Ein echter Verlust in jeder Beziehung, besonders in der menschlichen …

Pater Rolf, unser stets gut aufgelegter und jahrelang erprobter Pilger, katholischer Geistlicher und Franziskaner, beendete dann die Schweigezeit der Nacht mit dem Morgengebet. Das frisch gesungene Lied: "Ein neuer Tag beginnt" ließ auch die letzten Schlaf-Falten verschwinden. Um 8.15 Uhr gingen wir durch den noch schlafenden Ort zur evangelischen Christuskirche. Diese war einst "Gestütskapelle" des Königs von Hannover und wurde 1780 erbaut. Bemerkenswert sind ein buntes Bleiglasfenster hinter ein Holz-Christus-Kreuz aus dem Jahr 1230 und das Ölbild "Ostern 2002". In dieser schönen, historischen Kirche hielt Pfarrerin Janina Richter den ersten evangelischen Gottesdienst, der von unserer aktiven Musikgruppe untermalt wurde. Als Thema hatte Janina die Erinnerung an Mechthild von Magdeburg gewählt. Die einheimische Pfarrerin erzählte von ihrem Projekt, dass sie einen Pilgerweg für Familien mit Kindern, für Behinderte und Alte einrichten möchte. Dann lud sie alle zum Tanz um den Altar ein und Herr Sorge hielt einen kleinen Vortrag über den Solling.

Gegen 9.45 Uhr ging es dann endlich weiter auf dem Pilgerweg. Unterwegs hielt Pfarrerin Claudia Barth die Punkta zu dem Thema "Aufstehen und Aufbrechen". Herr Sorge rug noch ein Wald-Gedicht vor und verabschiedete sich dann von uns. Um 12 Uhr ist immer Zeit für das Friedensgebet, das diesmal "katholisch" von Pater Rolf gebetet wurde. Am Lunauborn, einer Quelle im Wald, fanden wir eine sehr schöne Wiese mit weitem Blick auf die herrliche Landschaft und mir fielen die Worte aus Psalm 31 ein: "Du stellst meine Füße auf weiten Raum". Da es an diesem Platz so einladend war, hielten wir eine lange Mittagspause in heißer Sonne und blieben auch gleich zum Bibel-Teilen hier. Anschließend führte uns der Weg steil hinauf zum Sollingturm. Wer noch Kraft übrig hatte, steig die Wendeltreppe hinauf und hatte nach vielen Stufen eine herrliche Belohnung mit einem großartigen Rundum-Blick.

Dann ging es weiter durch den herrlichen Solling, das größte und höchstgelegene Waldgebiet Norddeutschlands. Die Wege duchden Wald sind wie für Pilger gemacht, abgeschieden und ohne Ablenkung mit langen Eichen-Alleen. Wir erreichten dann abends unser nächstes Pilgerquartier: die Friedenskirche in Uslar. Dort wurden wir herzlich empfangen von den Gemeindemitgliedern der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde (Baptisten). Sie hatten ein einheimisches Gericht für uns vorbereitet mit dem Namen "Pekar". Pekar kommt von "kleben"; die Kartoffeln wurden von außen an den heißen Ofen geklebt und wenn sie gar waren, fielen sie von selbst herunter. Also, es gab diese leckeren gebackenen Kartoffeln mit Mett und Zwiebeln sowie ein riesiges Salat-Buffet: köstlich!

Nach dem Essen erlebten wir etwas Einmaliges. Viele Gemeindemitglieder und Pastor Rebers hatten uns zu einer Talk-Runde eingeladen mit der Bemerkung: "Pilgern ist für Baptisten etwas Außerirdisches, von dem sie nichts wissen". Es ergab sich eine angeregte Gesprächrunde, denn für viele von uns Pilgern sind Baptisten ebenso etwas "Außerirdisches". Wir konnten unsere innersten Empfindungen weitergeben an die Gemeinde, die uns beherbergte - das habe ich in all den zehn Jahren meines Mit-Pilgerns noch nirgendwo so erlebt. (Normalerweise übernachten die Pilger meist unbeachtet von den Gemeinden in den zur Verfügung gestellten Quartieren.) Umso eindrucksvoller wird bei allen, die in Uslar dabei waren, dieser Abend in Erinnerung bleiben. Wer mehr über diese lebendige Gemeinde wissen will: www.efg-uslar.de. Wir lernten dann auch noch etwas über die Glaubenserfahrungen unserer Mitchristen, die Erwachsenentaufe und das freie Gebet. Danach durften wir uns in der Kirche und im Gemeindehaus einen Schlafplatz suchen.

Vielen, vielen Dank und weiterhin Gottes Segen auf all euren Wegen wünscht allen Lesern und Mit-Pilgern - so Gott will, bis nächstes Jahr beim Pilgern

Hans-Werner Krause