Pilgern - Erfahrungsberichte

25.06.2008 Von Dransfeld nach Friedland

Mittwoch, den 25. Juni 2008
Ein klarer, trockener Morgen unter freiem Himmel (andere schlafen in einem der zwei zur Verfügung stehenden Häuser der Kirchgemeinde St. Martini Dransfeld) und an meine Ohren dringen, nachdem zwei Amseln schon eine ganze Weile musizieren, die schönen Stimmen von Ele und Cornelia mit "Bruder Jakob", um uns alle zu wecken. Morgentoilette, Sachen packen und in den Autos verstauen, Frühstück bereiten, Janina beendet mit Gebet* und Worten zum Tag, der unter dem Motto "Regeln" stehen wird, die nächtliche Schweigezeit. Regeln - das klingt irgendwie streng, dabei ist das höchste Gebot doch eine geniale Einladung an uns alle: Liebe deinen Nächsten - wie dich selbst! Nach dem Lied "Wenn das Brot, was wir teilen..." lassen uns das Pilgerfrühstück schmecken und bereiten die Wegeverpflegung für den Tag. Aufräumen, abwaschen, kehren, Trinkflaschen füllen … Aufbruch.
Das Gebet, ausgewählt von Janina:
Wir danken dir, Gott, dass deine Liebe uns eint.
Wir danken dir für die Menschen, die du uns anvertraust.
Wir danken dir, dass wir einander dienen können.
Heilige unsere Liebe, heilige unseren Dienst.
Hilf, dass wir einander den Weg weisen, dass wir Boten deiner Wahrheit werden,
hilf, dass wir einander befreien.
Lass unsere Liebe Dein Zeugnis sein, das Deinen Namen verkündigt. Amen
Wir ziehen ein in die St. Martini Kirche, die durch ihre hohen, schmalen Fenster an den Seiten hell und freundlich wirkt. Steffi, Martina, Gabriele und Maria spielen schon Flöte und Gitarre; am Ende haben sie sich Beifall verdient. Neben den Blumen schmückt unser Kreuz und die Pilgerkerze den Altar. Eberhard fügt sein brennendes, schon über Jahre mit wanderndes Licht hinzu, welches für das Netz stehen kann, welches durch Pilgerwege gewebt wurde. Im Osten befindet sich hinter der Kanzel ein farbig verglastes Fenster (um 1900), das den betenden Jesus im Garten Gethsemane vor seiner Festnahme zeigt und über allem ein rundes Fenster mit Kelch und Hostie.
Claudia hält den Gottesdienst. Heute jährt sich die Herausgabe der "Konfessio Augustana", lutherische Bekenntnisse zum Glauben, welche zähneknirschend 1555 durch das Augsburger Bekenntnis anerkannt worden sind und ein verändertes konfessionelles Zeitalter einläuteten und so quasi die Basis für die Ökumene bilden. "Zeichen und Wunder sahen wir geschehen..." - welches Lied könnte besser dazu passen? Die Predigt hat die Orientierungssuche zum Inhalt. Wichtige Sätze sind für mich: Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte (Psalm 119,105); wir sind das wandernde Gottesvolk und auf der Suche; an den zehn Geboten kommen wir nicht vorbei; einerseits haben wir eine Sehnsucht nach Klarheit und Eindeutigkeit, aber wer Orientierung sucht, muss sich entscheiden; manches muss diesem Ziel untergeordnet werden; was brauche ich und was braucht der andere?- Gott traut uns diese Entscheidung zu! Pilgern ist eine stellvertretende Erfahrung fürs ganze Leben; Liebe, der wir hier nah sind, möge in den Alltag strahlen; auf dem Weg mit Gott finden wir das Leben! Lieder, Gebete, Glaubensbekenntnis und ein evangelisches Abendmahl, zu dem alle eingeladen sind, gehören zum Gottesdienst, der von Fürbitten und dem Loblied "Ich sing Dir mein Lied …" abgeschlossen wird.
Ele sagt die wichtigsten organisatorischen Dinge an. Unser Weg soll uns heute nach Friedland führen. Zunächst werden wir aber Richtung Jühnde, zum ersten Bioenergie-Dorf Deutschlands gehen, weiter nach Mariengarten (gegründet 1245), einem nicht mehr betriebenen Kloster, das für Pilger schon immer eine Bedeutung hatte. Heinz, unser Streckenmeister, gibt den "Schreckenbericht" - sorry, Versprecher! - natürlich den Streckenbericht.Passend zum Wetter findet Hans Werner den passenden Spruch: "Wenn wir noch ein wenig warten, können wir im Regen starten".
Die erste Wegstrecke ist tatsächlich sehr verregnet. So sehen wir den Gaußturm auf dem Hohen Hagen nur schemenhaft und hören die Punkta zu 2. Könige 22, 8-13 und 23, 1-3 von Claudia unterm Regenschirm. Die Frage, die uns Anregung für die Schweigezeit sein kann: Gibt es in meinem Leben Menschen, mit denen ich einen Bund schließen kann - ein Netz, in dem Gottes Liebe zum Tragen kommt? Allein ist es schwierig, gemeinsam können wir einander beistehen und einander korrigieren! Das Lied "Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst: Niemand ist da..." beendet unser Schweigen. Wie treffend wieder einmal.
Auf einer Fernverkehrsstraße gelangen wir zum ehemaligen Kloster. Keine Minute habe ich mich unsicher gefühlt durch den sicheren Schutz von Heinz und Hans Werner. Die Beiden haben mit einfachen, sehr klaren Körpergesten PKWs und Brummifahrer zum Langsam-Fahren bewegt: Klasse! Im ehemaligen Zisterzienserinnenkloster Mariagarten, zu dem Werner noch ein paar Informationen gibt, verbringen wir die Mittagspause, werden vom "Küchenteam" mit Jogurt und Bananen überrascht und die Sonne wärmt uns wieder. Wegen nasser Kleidung verlegen wir das Bibel-Teilen auf die Zeit im nächsten Quartier und gehen los, wegen der ebenfalls nassen Schuhe weichen wir ab vom Pilgerweg und laufen über Elkeshausen nach Friedland. Inzwischen hat es längst aufgehört zu regnen und wir sehen in der Ferne das Heimkehrerdenkmal. Einige Pilger und Pilgerinnen berichten sehr emotional von eigenen Bezügen zu diesem Denkmal. Aus der Betroffenheit heraus halten wir noch einmal in dem Moment, als unsere Augen links die Kirche von Friedland erblicken und vor uns noch einmal das Denkmal in seiner Mächtigkeit steht. Wir beten, denn mit dem Namen Friedland verbinden Millionen von Menschen Sehnsucht und Wiedersehen, Freude und Trauer, Ende und Anfang, Dankbarkeit und Zuversicht.
Eine Gänsehaut überzieht mich, als wir unter dem Glockengeläut der katholischen Kirche mit einem Lied einziehen und aufs Herzlichste willkommen geheißen werden. Die Kirche, in der Janina eine Vesper hält, beeindruckt mit einem Marmoraltar, über dem eine riesige schmiedeeiserne Dornenkrone hängt, die gleichzeitig zu Krone und Licht wird. Auf dem Altar steht ein riesiger Strauß weißer Lilien in einer formschönen Vase. Dass die Kirche für das Grenzdurchgangslager immer eine wichtige Rolle spielte, erkennen wir an Kunsttafeln, die die Passionsgeschichte zeigen und an einem beeindruckendem Tuch, des eine Frau in der Gefangenschaft kunstvoll mit vielen Knoten zum Thema "Der verlorene Sohn" gefertigt hat. Janina erzählt eine Geschichte, die uns deutlich macht, dass wir uns an Regeln halten, auch wenn wir diese gar nicht kennen. (Einem Mann war sein Regelbuch abhanden gekommen und einem weisen Rat folgend verhielt er sich so, als ob er es gelesen hätte ...) Wir singen und beten gemeinsam den Psalm 23, der vielen Menschen in der Not schon Orientierung bot. Danke, Gott, für die Wege und die Bewahrung! Jürgen, Heinz, Hans Werner und Heidi werden mit einem Segen verabschiedet, denn aus verschiedenen Gründen reisen sie schweren Herzens schon heute ab.
Nach der Vesper gehen wir zu unserem Quartier in der Caritasstelle. Seit 63 Jahren wirkt sie im Grenzdurchgangslager Friedland und hat wohl schon viele Schicksale begleitet. Heute wohnen im Lager vor allem Russlanddeutsche, mit ihnen teilen sich die Fußballfans am Abend den dortigen Fernsehraum. Vorerst suchen wir uns aber unser Schlafplätzchen und genießen die Duschen. Vor dem Abendessen treffen wir uns in Gruppen zum Bibel-Teilen. Heute tauschen wir uns aus zu Matthäus 5, 1-12; das ist der Anfang der Bergpredigt. Unser kleiner Kreis schließt mit einem freien Fürbitt-Gebet. Wir danken für das Abendessen, und lassen uns eine leckere Gemüsesuppe mit Würstchen schmecken.
Um 19 Uhr treffen wir uns in der großen Runde zum Feedback- die Rückmelderunde zur Halbzeit. Zunächst berichtet Cordula vom Gesundheitszentrum "Muhil" in Indien, das in diesem Jahr sein 10 jähriges Jubiläum feiert. Dort werden die "Unberührbaren" mit viel Engagement ganzheitlich medizinisch versorgt. Weiterer Schwerpunkt des Zentrums ist, das Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung zu stärken sowie Selbstverteidigungs- und Bildungskurse für Frauen anzubieten.
Bei den Befindlichkeits-Rückmeldungen überwiegt deutlich Wohlfühlen und viel Anerkennung für alle Dienste, die von verschiedenen Pilgern und Pilgerinnen für unsere Gruppe getan werden. Kritisches hat ebenso seinen Raum, der Wunsch nach mehr Ruhe wird wiederholt deutlich. Am meisten beeindruckt mich der Bericht von Klaus, der wegen Schmerzen in den Beinen von einem Arzt mit "keine Aussicht auf Besserung" entlassen wurde, doch Martina mit ihren heilenden Fähigkeiten habe seine Schmerzen deutlich lindern können. Und der von Claudia handgeschriebene Spruch aus der Bibel : "Du gibst meinen Schritten weiten Raum, dass meine Knöchel nicht wanken" aus 2. Samuel 22,37 sei für ihn eine geradezu maßgeschneiderte Zusage.
Die Abendkomplet hält Janina, wieder hat sie ein passendes Gebet* und Lied 17 unseres Pilgerliederbuches ausgewählt. Rolf greift in seine Sprüchekiste: "Ausnahmen bestätigen, dass es Regeln gibt", das heißt heute konkret, es darf Fußball im Fernsehen geschaut werden, für Geld stehen Bier und sogar Sekt zur Verfügung und das Schweigegebot verschiebt sich um ca. 2 Stunden. Für alle, die das Halbfinalspiel der Europameisterschaften im Fußball nicht sehen wollen, bietet Martina rückenfreundliche Übungen an, alle anderen sehen ein spannendes Spiel zwischen Deutschland und der Türkei und freuen sich am Endergebnis 3:2 für Deutschland.
*Herr, wir danken dir für diese Abendstunde,
dass du uns Kraft gegeben hast zu unserem Weg.
Wir bitten dich: Wandle in Segen, was uns ängstigt und beschwert.
Wie die Früchte des Feldes gedeihen unter Sonne, Wind und Wolken,
lass auch uns reifen für deine Ernte.
Wir bitten dich um den hellen Schein deines Angesichts
über die Menschen, die wir lieb haben,
über die Menschen, die uns zu tragen geben.
Dein sind wir im Licht und Dunkel der Zeit.
Du segnest unseren Ausgang und Eingang in Ewigkeit. Amen
Bettina Hubald