Pilgern - Erfahrungsberichte

26.06.2008 Von Friedland nach Heiligenstadt

Donnerstag, den 26. Juni 2008

Am Vorabend wurden die Nachtquartiere von Ele aufgeteilt in Fußball-Fernseh-Interessierte und in Nicht-Fußball-Interessierte. Es ist Nacht im Caritas-Haus St. Norbert in Friedland. Das Fenster ist geöffnet und ich werde von den Vögeln geweckt. An diesem frühen Morgen liegt Friede über der Stadt. Man ahnt nicht, wie gestern das Spiel ausgegangen ist. So eine Ruhe! Ich habe mich heute zum Küchendienst einteilen lassen. Ingrid hat ihre neue Aufgabe als Küchenmeisterin voll im Griff. Mit wenigen Worten teilt sie die Aufgaben ein; jeder Küchenhelfer arbeitet vor sich hin und alles ist schnell erledigt. Ich habe noch Zeit, in Ruhe meine Sachen zusammen zu packen. Zwischenzeitlich hat Cordula mit sanften Tönen geweckt.

Frühstücken ist für 7.30 Uhr angesagt; das Caritas-Haus hat dafür gesorgt. Um 8.30 Uhr hält Pater Rolf die Messe in der Katholischen Kirchengemeinde St. Norbert. Es ist heute der vierte Tag unserer Pilgerwanderung und das heutige Thema ist "Steckenbleiben". Das Evangelium steht in Markus 2,1-12 und handelt von der Heilung eines Gelähmten. In der Predigt nimmt Bruder Rolf Bezug auf ein Tagebuch von Andrea Schwarz, in der sie die Situation beschreibt, als sie auf ärztlichen Rat den Jakobsweg für eine Woche unterbrechen muss. Deutlich wird ihre Enttäuschung, ihr Schmerz, dass sie ihre Pläne fallen lassen muss. Sie vergleicht sich mit anderen, die täglich große Strecken wandern; das macht ihr das Ganze noch schwerer. Doch sie versöhnt sich schließlich mit ihrem Schicksal und stellt sich die Frage nach dem Sinn dieser nicht gewollten Unterbrechung, diesem Steckenbleiben. Ein Freund hat ihr ein Buch mit auf den Weg gegeben mit dem Titel "Heile, was zerbrochen ist"; sie hat jetzt Zeit dafür. Bruder Rolf bezieht sich auf den Text und spricht Punkte an, um unser eigenes Steckenbleiben bewusst zu erkennen. Auslöser können ganz banale, aber auch schwerwiegende Ereignisse sein. Die Reaktion darauf sind oft Ärger, Trauer, Trotz und Wut oder Selbstmitleid und Jammern. Bruder Rolf macht uns klar, dass unser Steckenbleiben auch Chancen beinhaltet und ermutigt uns, mit anderen Pilgern darüber ins Gespräch zu kommen. Dieser Gottesdienst hat viele von uns sichtlich berührt; im freien Fürbitten-Gebet wird vieles vor Gott gebracht. Das Ave Maria, von Cordula gesungen und von Maria an der Orgel begleitet, verstärkt das Betroffensein. Pünktlich zum Vaterunser kommt unerwartet Manfred mit Rucksack. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Manfred, ich habe dich vermisst!

Nach der Messe erklärt die Küsterin noch einiges über die Kirche und dass sie offen bleiben muss, auch auf die Gefahr hin, dass mal etwas entwendet wird. Sie weist auf einen bestickten Wandteppich hin, der hinten in der Taufkapelle hängt. Eine Frau in Gefangenschaft hat ihn in einer extremen Notlage - ohne Hoffnung auf Überleben - mit dem Motiv des verlorenen Sohnes bestickt. Es ist das Bild, das ich in meinem Herzen behalten möchte, wenn ich an diesen Ort zurück denke.

Es ist 10 Uhr und wir brechen auf mit dem Ziel Heiligenstadt. Unser heutiger Streckenmeister ist Klaus. Noch in Friedland vor der Evangelischen Kirchengemeinde bekommen wir die Punkta von Janina für unsere Schweigezeit. Janina erzählt von ihren Erfahrungen als Pfarrerin und von Bäuerinnen, die aus Erschöpfung während des Gottesdienstes mit dem Schlaf kämpfen. Aspekte von Müdigkeit sind körperliche Erschöpfung, aber auch seelische Ermattung aus dem Alltag - nicht weiter gehen wollen, stecken bleiben. Müdigkeit ist den meisten Menschen unangenehm; die Leistung zählt und man darf keine Schwächen zeigen. Janina sagt den Satz: "Gott hat die Müdigkeit nicht gemacht, wenn sie keinen Sinn macht!" Das zitierte Bibelwort aus 1. Könige handelt von Elia in der Wüste. Für die Schweigezeit bekommen wir die Aufgabe: "Was lässt mich immer wieder müde werden? Wo bleibe ich immer wieder im Alltag stecken?" Im Schweigen verlassen wir Friedland, heute Abend werden wir im Kleinen Paradies in Heiligenstadt ankommen. Es ist ein besonders schöner Weg, blühende Linden säumen den Wegesrand und Gerstenfelder wiegen sich mit sonnenreifem Korn - die Ernte steht bevor. Der Weg ist steil und ermüdend und die Sonne steht schon hoch am Himmel. Danke für die kleinen Pausen im Schweigen, Klaus! Allerdings: In mir schweigt es nicht. Ich mache mir meine Gedanken: Was macht mich beim Pilgern und auch im Alltag müde und wo bleibe ich immer wieder stecken? Ich erkenne Situationen, wo das Leben mich müde macht. Ich lege alles in Gottes Hände und gehe dann ins Herzensgebet.

Unser Weg führt durch schöne Korn-, Mais- und Rapsfelder. Ich denke an meinen verstorbenen Vater, der mit ganzem Herzen Bauer war. Ich versuche, die Frucht der Felder mit seinen Augen anzusehen und es macht mich glücklich und dankbar. - Vor uns liegt der Ort Reiffenhausen, rechts in der Ferne liegt Burg Hanstein. Unsere Schritte sind gleichmäßig und es klingt wie Marschmusik in meinen Ohren. Heinz würde sagen, wir laufen vier Stundenkilometer und wäre mit uns zufrieden. In Reiffenhausen wird die Schweigezeit mit einem Gebet beendet; eine offene Evangelische Kirche erwartet uns hier mit einem Altarbild aus einer bemalten Baumscheibe, die ein Pfingstbild in mir entstehen lässt. Ein Engel, der eine Schale trägt, schmückt die Kirche; sie ist schwarz-rot-gold bemalt - Fußballgedanken bei einigen Pilgern. Nicola zündet für uns die Pilgerkerze an.

Um 12 Uhr sprechen wir das Friedensgebet und wandern weiter ins herrliche Eichsfeld. Wir machen Halt an der Gemarkungsgrenze der Dörfer Reiffenhausen (Niedersachsen), Rustenfelde (Thüringen) und Kirchgandern (Thüringen), gleichzeitig Grenzpunkt seit dem 18. Jahrhundert und vierzig Jahre lang Ost-West-Grenze. Von hier aus kann man gut den Rüsteberg sehen. Klaus erzählt, dass oben auf dem Berg ein Burgruine zu sehen ist. Unterhalb der Burg liegt das Herrenhaus, das zur Zeit als Suchtklinik genutzt wird. Nun sind wir im Eichsfeld - und die Eichsfelder singen traditionell ihr Lied.

Unser Mittagspausen-Ziel ist das Vereinshaus des TSV Rustenfelde. Weiter geht’s auf dem Brink zur Bonifatiuskapelle. Hinter der Kapelle ist ein geheimnisvoller Taufstein. Manfred redet über das Pilgerthema "Das wandernde Gottesvolk". Er ermutigt uns, Bilanz zu ziehen und zu schauen, was dieser Pilgerweg in uns bewegt hat - und dass es vielleicht gut ist, das Gespräch mit einem Mitpilger oder Seelsorger zu suchen. Und man soll sich auch schon mal Gedanken machen, was ich dem Gehülfen auf dem Hülfensberg von meinen Sorgen bringen will und was ich von ihm erwarte.

Nach dem Mittagsschlaf geht es weiter mit dem Bibel-Teilen aus Lukas 12,22-34. Es ist schon spät. Im Schweigen gehen wir über Steinheuterode, Rengelsrode nach Heiligenstadt ins Kleine Paradies (Schönstattkapelle). Wir werden dort mit Glockengeläut empfangen; um 19 Uhr gibt es Abendessen. Danach werden Brigitte und Cordula verabschiedet. Ab 20 Uhr dann die Komplet/Nachtanbetung in der Schönstatt-Kapelle. Durch die Pilgerwege wird mir die eucharistische Anbetung immer wichtiger. Wir (Elke, Jaqueline und ich) schlafen zu dritt draußen vor der Kapelle. Es ist in dieser Nacht nicht kalt und nicht feucht, nur schön. Gute Nacht!

Annette Kuniß