Pilgern - Erfahrungsberichte

27.06.2008 Von Heiligenstadt nach Küllstedt

Freitag, den 27. Juni 2008

Ökumenischer Pilgerweg vom Kloster Amelungsborn zum Hülfensberg (Teilstrecke des Pilgerweges von Loccum nach Volkenroda)

Die Nacht im "Kleinen Paradies" geht zu Ende. Einige Pilger haben das Angebot der Nachtanbetung im Kapellchen genutzt. Wir durften zu Gast sein bei den Marienschwestern der weltweiten Schönstatt-Bewegung, die uns sehr herzlich und freundlich aufgenommen haben. Aber wie jeden Tag, so folgt auch heute wieder der Abschied. Von so einem schönen Fleckchen Erde fällt er besonders schwer.

Wir feiern um 8 Uhr in der Mutterkirche des Eichsfelds, der evangelischen Martinskirche, einen Gottesdienst, den Pfarrer Schulz leitet. Manfred legt für seine Predigt Jesaja 55, 8 zugrunde: "Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege". Er erklärt uns, dass das Pilgern eine Art Laboratorium, eine Art Trainingslager für das wirkliche Leben sein kann. Hier können wir in einem geschützten Rahmen "das Leben lernen". Manche von uns haben heute Morgen ängstlich zum Himmel geschaut: Die vielen dicken Wolken; da nehme ich lieber Schirm und Regenjacke mit. Aber wir sind eingeladen loszulassen, mit Leichtigkeit und Freude aufzubrechen und uns nicht zu viele Sorgen zu machen.

Das können wir auch gleich praktisch üben. Die letzten fünf Tage unserer Pilgerreise war immer gleich am Morgen, nachdem wir den Ort der Übernachtung hinter uns gelassen haben, der geistliche Impuls. Heute aber laufen wir und laufen und noch immer keine Punkta! Da entsteht schon Unruhe: Wann und wo ist nun die Punkta? Es fällt vielen von uns schwer loszulassen, sich fallen zu lassen, einfach die Dinge auf sich zukommen zu lassen. Kurz nachdem wir den Ort Geisleden durchquert haben, ist es so weit: Rolf spricht vom Ansehen durch ansehen. Gott sieht uns immer an und dadurch hat jeder von uns Ansehen. Darüber machen wir uns in der anschließenden Schweigezeit Gedanken.

In der Kirche in Heuthen wird die Schweigezeit beendet und das Mittagsgebet gesprochen. In der Sakristei sind drei Fenster zu sehen mit drei Päpsten: Johannes XXIII., Johannes Paul II. und Benedikt XVI.. Zum Mittagessen gehen wir (ausnahmsweise) in die Gaststätte, denn normalerweise werden bei einer Wallfahrt keine Gaststätten aufgesucht. Nachdem wir uns alle bei einer leckeren Erbsensuppe mit Bockwurst gestärkt haben, pilgern wir weiter bis zur Werdingshäuser Kirche. Dort bläst ein kräftiger Wind. Trotzdem ruhen wir uns aus und teilen anschließend die Bibel miteinander. Dann gibt es noch eine Überraschung: Eichsfelder Schmandkuchen - eine wahre Delikatesse!

Nun verlassen wir den Pilgerweg von Loccum nach Volkenroda, auf dem wir schon so viele Tage gepilgert sind, da wir ja zum Hülfensberg wollen. Unser nächstes Quartier ist im Don-Bosco-Haus in Küllstedt, zu dem es jetzt noch ca. sechs Kilometer sind. Die letzten drei Kilometer werden wieder mit Singen, Schweigen, Rosenkranz- oder Jesus-Gebet verbracht. Die Kirche ist groß, hell und schön. Sie wird in unregelmäßigen Abständen für Passionsspiele genutzt, bei denen fast alle Einwohner des Ortes zu Schauspielern, Bühnenbildnern und Sängern werden. Im letzten Jahr waren die 4000 Karten innerhalb einer Stunde verkauft - ein großes Ereignis für diese Region!

Nachdem wir ein wenig verschnauft haben, findet noch eine Fußwaschung statt. Wir stehen erst alle im Kreis, fühlen und erspüren den Boden unter unseren Füßen. Wir bedanken uns still bei unseren Füßen, die uns bis hier her getragen haben und entschuldigen uns, dass wir ihnen oft so wenig Beachtung schenken. Dann zieht jeder seine Schuhe aus und fühlt und erspürt den Unterschied zu vorher. Danach waschen sich jeweils zwei Personen gegenseitig die Füße. Da es eine Nachempfindung des Abendmahlsgeschehens ist, herrscht Andachts-Charakter. Es ist für viele eine bewegende Geste. Danach ist Zeit für die Reinigung vom "Restkörper", bevor es Abendbrot gibt. Inzwischen hat auch jeder ein Nachtlager gefunden. Nach dem gemeinsamen Mahl und der Komplet endet der Tag wieder im Schweigen. "Danke, guter Gott, dass Du uns her geführt hast, uns begleitet, beschützt und bewahrt hast. Amen."

Petra Hesse