Pilgern - Erfahrungsberichte

28.06.2008 Von Küllstedt zum Hülfensberg

Samstag, den 28. Juni 2008

Ihr Zuhausgebliebenen, oft haben wir im Gebet an Euch gedacht und Fürbitte gehalten. Aber jetzt sollt Ihr mit diesem letzten Tagesbericht auch etwas Gegenständliches in den Händen halten; betrachtet ihn als kleinen Pilgerbrief von uns. Heute ist nun unser letzter Pilgertag, eine große Unruhe ist schon vor dem Wecken zu spüren. Da wird sich nicht nur gewaschen, nein - es wurde ja auch gepackt und ich wusste bis heute nicht, welche Lautstärke das Ziehen mehrerer Reißverschlüsse verursacht. Noch vor dem Morgengebet wurde der Kreislauf stärkende Kaffee getrunken, längst nicht so streng gehandhabt wie letztes Jahr! Zum letzten Mal mussten die Packmeister, unterstützt von Jaqueline, ran. Die Küchencrew klingelte erst um 7 Uhr zum Frühstück, doch wir saßen bereits, um auf das Morgengebet zu warten.
Nach dem Lied "Dich rühmt der Morgen", übrigens von Jörg Zink, den ich sehr verehre, wurde natürlich das Tagesthema "Ankommen" angesprochen.

Ein Blick zum Himmel! Die Regensachen wurden griffbereit gepackt und mit ein wenig Wehmut begann nun unsere letzte Etappe. Ehe wir jedoch unseren Schritt fanden, kehrten wir für einige Minuten in die "Antonius-Kapelle" ein. Unser Weg führte uns heute durch herrlichen Mischwald. Die Natur zeigte sich uns Pilgern am letzten Tag von einer ganz anderen Seite, wir sahen eine andere Flora. So freute ich mich riesig, dass uns zuerst die Glockenblume (Nässelblättrige Glockenblume) grüßte, für mich läutete sie für alle die Ankunft ein. Hoffentlich haben viele auch die wunderschönen Orchideen am Rande des Weges gesehen.

Kurz vor der Luttermühle hielt Elke die Punkta zum Thema "Ankommen".
Vollkommenheit = ans Ziel kommen
niemals statisch zu betrachten, sondern unterwegs zum Ziel sein
 bei Gott und bei mir -
 lassen wir es zu, zu verweilen oder hasten wir?
 Seele immer im Einklang mit dem Gehen
 erreichbar sein für Gott und den Menschen
Dies waren nur einige Anstöße zum Nachdenken in der Stille.

Ich löste meinen Beckengurt eine Weile, um wieder die Last des Rucksacks zu spüren, damit meine Gedanken nicht losgelöst von den Aufgaben, die uns zu Hause erwarten, das Ankommen verarbeiten konnten. Ist auf diesem Pilgerweg manche Last leichter geworden, um anzukommen? Aber um das Stolpern über Wurzeln zu verhindern, war ich dankbar für ein "Achtung" meines Nachbarn. Ist das nicht auch auf meinem Lebensweg so? Gelassen konnte ich heute das Drängeln nach den vorderen Plätzen um das Kreuz ertragen. Nachdem wir die Schweigezeit beendeten, erblickten wir die rechts liegenden Gebäude der Luttermühle und der Klostermühle. Nach dem kleinen Wasserfall der Lutter grüßten uns die roten Dächer des Ortes Großbartloff. Natürlich haben wir das Friedensgebet wieder zur Mittagszeit gehalten. Der Mittagsrast ist nichts hinzuzufügen. Außergewöhnlich war heute, dass wir uns nach dem Verlesen des Bibeltextes schweigend und nachdenkend auf den Weg machten, um dann mit dem unmittelbaren Nachbarn darüber zu sprechen.

In Geismar angekommen überraschte uns Altpilgerin Gudrun mit einem kleinen Bufett; Getränke und sogar Süßigkeiten waren sehr willkommen. Welch ein Hallo! Aber dann läutete Bruder Rolf zum Aufbruch. Nach erklärenden Worten zum Kreuzweg stiegen wir den Hülfensberg hinauf und beteten an 14 Stationen. Für mich als evangelische Christin war diese Stunde eine ganz neue Erfahrung. Mit Glockengeläut wurden wir Pilger empfangen, traten singend in die Kirche ein und sind an diesem Tag wirklich "angekommen". Dankbar und glücklich erschallte "Großer Gott, wir loben Dich". Der Höhepunkt unserer Pilgerwanderung war da - nicht nur für mich, sondern für alle! Wir konnten mit all unseren Sinnen den Segnungsgottesdienst zusammen feiern. Zutiefst berührte uns alle die persönliche Segnung.

Nach dem Abendessen trafen wir uns, um Resümee zu halten. Der Dank wurden allen Helfern bzw. Meistern, der Küchen - und Fahrercrew sowie den geistlichen Leitern ausgesprochen. Alle Namen zu nennen ist müßig, aber die neue Küchenfee Ingrid sollte sich besonders über unseren Dank freuen. Mit ein wenig Wehmut mussten wir schon am Abend einige Pilger verabschieden. Alle waren sich einig, dass sich die "alten" und "neuen" Pilger schnell zu einer homogenen, fröhlichen, hörenden Gruppe zusammen fanden. Ob wir uns im Jahr 2009 vom 11. bis 19. Juli wieder sehen werden? Diese Frage las ich in allen Gesichtern.

Mit einem Lied begann die Nachtruhe, wohl wissend, dass es die letzte gemeinsame ist. Ihr Lesenden, mein kleiner Pilgerbrief sollte Euch noch einmal die Einmaligkeit dieses Tages in Erinnerung rufen und die Daheimgebliebenen sollten gedanklich in unsere Mitte aufgenommen werden.

Dorit Brodhun