Pilgern - Erfahrungsberichte

Pilgerbericht - Eine Zusammenfassung

Wandernd im Volk Gottes mit Claudia, Manfred, Rolf und Janina 2008

Trainingslager-Bericht, nicht ohne kleine Anspielungen,
als Warnung an alle, die mit einem Pilgerweg liebäugeln …

Trainingslager gibt es viele - und nun auch den Pilgerweg zwischen Amelungsborn und dem Hülfensberg. Wie hart doch so ein Training ist! Antrainiert wurde zuerst das richtige Hören, doch so intensiv und gründlich, dass jede und jeder der siebzig Insassen selbst Flöhe im Lager husten hörte. Am nächsten Tag dann das richtige Gehen. Keine Labsal für Beine, die schwächeln vom ständigen "Aufs-Gas-Treten" außerhalb des Lagers! Und war einer am dritten Tag unterwegs stecken geblieben, der braucht sich nicht am eigenen Schopf herauszuziehen.

Und dann die Verpflegung! Ich kann dir sagen: Vier schmackhafte Sorten Marmelade schon beim Frühstück und Obst und Gemüse am herrlich gedeckten Büfett und abends verschiedene Suppen mit Würstchen und Brötchen - tägliche Delikatesse wie Reis in Indien. Da gab es viel zu löffeln. Baptistisch eines Abends zunächst beim Empfang: "Ihr strahlt alle so!" - "Nun, vielleicht sind ja auch wir Geistgetaufte." Auf langem Büfett überraschend dann ganze Batzen Mett mit Pellkartoffeln und Butterflöckchen - Köstlichkeiten der Region und Gaumenschmaus fürs suppen-trainierte Lagervolk. Gastfreundschaft vom Feinsten - und so stark machend! Da wurde trainiert, wie viel wohl noch geht. "Einige Pfunde hoffte ich, im Lager lassen zu können", so ein Enttäuschter, denn: "Viel muss ja raus, damit viel rein kann" nach Trainingsleiter-Latein.

Und die geistliche Lagerspeisung tagaus - tagein? Nie "niederschwellig", immer höchst anspruchsvoll: religiöses Rumoren innerlich mit feuerwerksartigem Übersprudeln in Freude und Lobgesang.

Des Nachts Kulturprogramm vom zartesten Piano anschwellend bis zum stärksten Fortissimo. Wer dann in der Schnittmenge lag zwischen zwei Darbietern, für den galt nur eins: Nimm dein Bett und wandle, denn verändern kannst du ja ohnehin immer nur dich selbst. Und dann mit Sack und Pack hinab in den Raum mit dem Klavier - zwar nicht zum Schlafen freigegeben, aber in dieser Notsituation einziger Zufluchtsort. Dazu konträr das Kulturprogramm tagsüber und abends: instrumental mit Flöten, Tambura, Klavier und Orgel und vokal: die Sopranistin so innig herab von der Empore und hinein in die Weiten des Friedland-Kirchenraums - und alle Mitfeiernden eins, ganz Ohr und tief berührt.

Nicht trainiert im Lager wurde das Lachen. Es kam immer wieder so ganz von selbst - nicht selten sogar schüttelfrostartig und tränentreibend. "Au, mich hat eine Ameise in den Hintern gebissen!" - "Eine nur?" - "Hermann!" - "Soll gesund sein gegen Rheuma." - "Aber doch nicht da!" - "Wo denn sonst?"

Trainiert wurde grundsätzlich bis zum Anschlag, damit ein jeder ja öfters an die eigenen Grenzen stieß. Und der Cheftrainier kam rechtzeitig zur Halbzeit: Den Akku frisch geladen, treibt er die Mannschaft nach vorn: "Ihr seid in einem Trainingslager, in einem Laboratorium!" - Ein Schock für das wandernde Gottesvolk! Doch welche Frauen-Power kam da zur Entfaltung! Die Männer-Mannschaft fiel schlagartig zurück, fing sich aber zum Glück erneut - und beim Abpfiff stand es 3:2 für die Frauen. Einmalig die Lache unter brauner Kapuze, und schön fand sich selbst auch ihr Träger unter soviel Charme und weiblicher Schönheit.
Das Lachen verging so manchem dann doch beim täglichen Duschen. Stets hatten Alter und Würde das Nachsehen hinter top-trainierter weiblicher Spitzengeschwindigkeit. Wie lautstark sich Ärger auch Luft machte: Er verpuffte in der Weite da draußen.

Träume in Legion setzte das Pilger-Trainingslager frei, auch Träume mit außergewöhnlicher Glückserfahrung. Überraschend, was doch in den Tiefen des inneren Bewusstseins von Pilgern schlummert!

Einen richtigen Aufstand im Lager mit seiner immensen Ausdehnung von 150 mal 150 Kilometern (da war in der Tat viel Auslauf!) gab es nicht, nur eine kleine Meuterei. Einige wenige emotionale Geschosse wurden abgefeuert hinüber und herüber. Niemand wurde ernstlich verletzt oder gar niedergemacht. Bald folgte das Kontrastprogramm nach der Mini-Meuterei und jedem im Lager wurden die Füße gewaschen. Das war allerdings außerordentlich trainingsbedürftig. "Schuhe aus und Socken weg!" herrschte uns der Trainingschef barsch an. Nach schweißtreibendem Tagesmarsch stieg da kein wohlriechender Duft auf von kostbarem Salböl und erfüllte den ganzen Raum … Die blitzgescheite, bodenständige Pastorin im Trainingsteam wurde selbst animierend trainiert von ihrem männlichen Fan-Club. Der lauschte nämlich besonders hingebungsvoll ihren originellen Darbietungen spirituellen Lebens.

Das ganz praktische Teilen in Euro und Cent wurde am Ende in einer Sammlung trainiert. Für Muhil und die Unberührbaren außerhalb der Kasten in Süd-Indien kamen im Nu mehr als 800 Euro zusammen.

Am Schluss sucht der Cheftrainer noch einen Knecht, der die Lagerinsassen nötigt, wieder hinaus zu gehen. Man glaubt es kaum: Kein einziger ist dazu bereit. Eine riesige Hütte wollen alle zusammen bauen, am Liebsten ganz ohne handfestes Baumaterial, und darin dann auf Spendenbasis von außen fortan zusammen leben. "Das kann doch nicht wahr sein!" ereifert sich der Cheftrainer erbarmungslos. "Ihr müsst doch jetzt draußen im Zirkus dieser Welt die euch eigene Volk-Gottes-Nummer überzeugend vorführen. Wenn ihr das partout nicht einsehen wollt und nicht freiwillig geht, dann muss ich zu meinem allerletzten Mittel greifen. Bei meinem heiligen Ehrenwort verspreche ich euch: Das nächste Pilger-Trainingslager kommt bestimmt!"

Hermann Dietrich, der "Alterspräsident"



Kleine Gewissensfrage zum Schluss:
Dientest du dem Pilgerweg - oder diente der Pilgerweg dir?


Nachruf:
O wanderndes Gottesvolk, global aufgestellt,
dein Schneckengang entschleunigt
das Fortschrittstempo der Antreiber dieser Welt.