Pilgern - Erfahrungsberichte

Lülsfeld - Würzburg

von Hermann Dietrich (05.10.2008)

Nach sehr erholsamem Schlaf im EZ des großen Bildungshauses um 7.30 Uhr Eucharistiefeier an Erntedank zusammen mit dem Schwesternkonvent. Der 89jährige Celebrant hat auch bei der offenbar sorgfältig vorbereiteten Predigt meine volle Aufmerksamkeit. Nach dem reichhaltigen Frühstücksbuffet, liebevoll wie am Abend zuvor von der Küchenschwester zubereitet und betreut, treten die Radlerinnen und Radler in die Pedalen. Als Kassenwart der Truppe obliegt mir noch der geschäftliche Part; wie angenehm, zusammen mit der humorvollen und warmherzigen Sr. Oberin auch noch ein wenig plaudern zu können. Im Bonifatius-Transporter "Hülfensberg" - dem mir inzwischen so vertrauten motorisierten "Freund" auf 4 Rädern - fahre ich nach kurzem Katenstudium zur Abtei Münsterschwarzach. Anhaltender Sonnenschein liegt auf den umgebrochenen Feldern, farbenprächtige Wälder säumen rechts und links die Fahrbahn, zugleich wie im Flug vorbeieilend und lassen das Herz höher schlagen und das Gemüt aufleben. Während der letzten Tage war nach dem Regen so oft vor dem Regen; aber auch da konnte ich immer wieder meinen Transporter bei Sonnenschein von A nach B bewegen, während meine Mitpilgerinnen und -pilger bei Wind und Wetter stundenlang radeln durften, eben laboratoriumlike! In der Abtei bedenkt der Pfortenbruder meine Bitte um einen Raum für uns in der Mittagspause auffallend lange. Nur das geräumige Foyer hinter der Pforte ist noch frei. Nach der Sext zusammen mit den vielen Mönchen in der mächtigen Klosterkirche picknicken wir dann doch im Freien auf einem sonnigen Platz, bevor wir nach Dettelbach aufbrechen, einem der bedeutendsten Wallfahrtsorte der Diözese Würzburg; Radler und Transporter wie immer auf getrennten Wegen zielstrebig zum vereinbarten Treffpunkt. Aber diesmal sind die Pedalisten sogar kurz vor mir an der traditionsreichen Wallfahrtskirche Maria im Sand. Unsere Marien-Pilgerfahrt abschließend, umrunden wir von ganzem Herzen lautstark "Meine Hoffnung und meine Freude..." singend den imposanten, hoch aufragenden Hochaltar, geschaffen von Agostino Bossi (1778). Betend, bittend und dankend verweilen wir auf der rechten Seite im Anblick der Gnadenbildpieta (1500). Schließlich entzünde ich 6 Lichte in der kleinen Kapelle rechts vor dem Ausgang. Sie werden gleichsam weiter betend leuchten, nachdem ich diesen gesegneten Ort verlassen habe. Vor der Kirche lassen wir noch den Rauch von den niedergeschriebenen Fürbitten unserer Pilgerfahrt zum Himmel aufsteigen, diesmal ohne den besonderen Duft von aufgelegtem Weihrauch. Längst hat Gerhard sein Auto auf dem Parkplatz entdeckt; die anderen RadlerInnen besteigen ihre Drahtesel, und ich steuere nach einem erfrischenden Glas Tee im nahen Cafe den Transporter über die B22 und die 8, im dichten Verkehr dann durch das Straßengewirr am Europa- und Berlinerplatz zum Würzburger Hauptbahnhof. Nach einer erzwungenen Ehrenrunde finde ich zum Glück schon bald eine passende Parklücke, muss allerdings mehrmals "nachladen", weil die Parkzeit einheitlich auf 20 Minuten begrenzt ist. Fast im Handumdrehen sind gegen 16:15 die Gepäckträger von 6 Rädern beladen und 3 jeweils ohne das Vorderrad hinten im Transporter verstaut. Sehr herzlich ist der Abschied nach gemeinsamem Erleben, und mit gegenseitigen guten Wünschen entschwinden die einen in Richtung Bahnhofgebäude und wir zu viert mit dem Transporter via Autobahn, später das Kirchheimer Dreieck vorausschauend umfahrend nach Obersuhl, Herleshausen und gegen 20:30 sind Ingrid und ich schließlich auf dem Hülfensberg. Br. Rolf hatte ihn schon hinauf tuckern hören und Br. Heribert freudig zugerufen: "Der Bulli kommt!" Und ihm wird es wohl gefallen haben, von Mönchen so begeistert erwartet zu werden! In vielen zurückliegenden Jahren auf zahlreichen gemeinsamen ökumenischen Wegen bisher immer eingereiht in die Pilgergruppe, war die Begleitung mit dem Transporter, die eigenständige Wegsuch, die Mithilfe bei der Proviant-Vorsorge sowie das Abrechnen bei anfallenden Quartiergebühren usw. eine neue Pilgererfahrung. Oft war ich allein unterwegs, ohne mich jedoch einsam zu fühlen. Auch das Radio schwieg während der Tage. Aber viele Liedtexte der Ökumene und aus dem Gotteslob gingen mir durch den Sinn und öfters auch melodisch über die Lippen. Andererseits konnte ich auch immer wieder mit der Gruppe zusammen sein, Erbauendes, Freudiges, ja Lustiges erleben und Köstliches Genießen. Dankbar und entspannt zog ich auf dem Hülfensberg den Zündschlüssel heraus in dem Bewusstsein: Es war gut so. Ich durfte erfahren, wie erfüllend es sein kann, begleitend tätig zu sein. Und das zielgerichtete Fahren mit dem Transporter spiegelt den Sinn, auch verstärkt zilgerichtet zu leben, eindrucksvoll wieder.