Pilgern - Erfahrungsberichte

14. Juli Uder - Friedland

Die Nachtanbetung ist zu Ende. Heute werden wir vom Glockengeläut der Kirche St. Jakobus (100 Jahre alt) geweckt. Wir befinden uns im Eichsfeld in Uder bei Pfarrer Jacob und seiner Schwester Brigitte. Die Gemeinde hat 2.500 Einwohner, davon 2.200 Katholiken. Uder liegt am Jakobusweg. Von hier sind es noch 2.407 km bis Santiago de Compostela. Das Modell vom Jakobspilger in der Kirche soll später auf der Straße vor dem Pilgerhaus aufgestellt werden und soll Pilger zur Rast einladen. Das Dorfsymbol der "Ossenritter" bedeutet: Reiter auf Ochsen anstelle auf einem Pferd.

Pfr. Jacob gibt uns ein Gebetsanliegen mit auf den Weg: Mittwoch, also morgen, wird entschieden, ob ein neuer Kindergarten gebaut wird. Verabschiedet werden wir von Pfr. Jacob mit dem Segen: "Geht hin in Frieden".

Ele hat die Tagesleitung. Marianne geht heute mit als "Tagespilgerin". Es gibt immer etwa 1/3 Erstpilger.

Zurück zur Leine: weiter auf dem Weg. Puncta am "St. Jakobus" von Claudia. Thema "Herrlichkeit Gottes": Gottes Gegenwart spüren, z.B. Gemeinschaft untereinander. Hierzu Psalm 63: Lob Gottes. Wir gehen schweigend mit den Fragen auf den Weg:
1. Was ist mir eigentlich an meinem Glauben heilig?
2. Welche Auswirkungen hat das für mich zum Lob Gottes?

Unser Weg führt vorbei am Bahnhof, wir gehen Richtung Leinefelde, rechts vorbei an der Gaststätte "Zum lahmen Frosch". Wir sind noch lange nicht lahm, gestärkt ziehen wir los. Beim Überholmanöver von Radlern hören wir laut: Kommando "Rechts ran". Wir ziehen durch Schönau, Gemeindeteil von Uder, Landkreis Eichsfeld, weiter nach Burgwalde. Am Wegesrand finden wir Hinweistafeln auf militärische Ereignisse aus dem 2. Weltkrieg. Auf einer Tafel lesen wir:
+ 13.09.1944, Lt. Kirby M. Brown, 357th Fliegergruppe, ermordet. "Shady Lady" Flugzeug "Mustang P 51”. Krieg - eine Geißel der Menschheit.
Und auf einer zweiten Tafel:
Nicht vergessen! Englische Flieger, sie verloren im Luftkrieg über dem Eichsfeld ihr Leben.
Frieden und Freundschaft zwischen den Völkern.

Wir sind an der Bonifatius Kapelle, erbaut 1880, angekommen. Hinter der Kapelle befindet sich eine große Mulde zwischen Felsgestein: es ist das Taufbecken, wo Bonifatius die Heiden bekehrt und anschließend getauft hat. Dieses Taufbecken führt immer Wasser, selbst bei größter Trockenheit. Bei dieser Art von Steinen spricht man von "Schalensteinen".

In der Kapelle sehen wir vier Gemälde, die den Hülfensberg zeigen, die Taufe der Heiden durch Bonifatius, Bonifatius im Kreise von Heiden/Kelten/Germanen und eine Kapelle mit Kreuzweg.

Pater Rolf hält hier die Hl. Messe mit dem Thema: Taufe. Wesentliches Element der Taufe ist das Wasser. Wir haben Gottes Geist durch das Wasser der Taufe erhalten. Wasser ist das Zeichen des Lebens und Zeichen für den Beginn des Lebens mit Gott. Wir erleben Wasser in seinen verschiedenen Formen: im Schwimmbad, bei der Schifffahrt, Katzenwäsche morgens, Dusche in der Hitze. Ohne Wasser kein Leben! Wasser ist das Sinnbild des Lebens. Wir bitten Gott um Erbarmen: Habe Erbarmen mit uns, für unsere Verschwendung des Wassers.

Nach der Lesung aus dem Philipper-Brief hören wir die Frohe Botschaft nach Johannes: Jesus bittet eine Frau aus Samaria um Wasser. In der Auslegung wird uns deutlich, dass Jesus uns das Wasser des Lebens durch die Taufe schenkt. Wir werden aufgefordert, uns an die eigene Taufe zu erinnern und ihre Bedeutung zu erkennen: In der Taufe geschieht ein Eintauchen, um mit Christus zu sterben, und ein Auftauchen, um mit Christus aufzuerstehen. Das bedeutet, den Glauben zu bekennen und dem abzusagen, was ihm nicht entspricht.

Wir werden zum Abendmahl eingeladen, dem Mahl, zu dem alle Getauften gerufen sind. Während der Hl. Messe kam es - um mit den Worten von Bodo zu sprechen - zu "Radieschenregen".

Wir ziehen weiter zum Dorf Marth mit den Kreuzwegstationen 1 bis 14. Wir rasten an der Mariengrotte Marth, gebaut 1953 von Männern, die heil aus dem 2. Weltkrieg zurückgekommen sind. Claudia hält das Mittagsgebet, dann beten wir das Friedensgebet. Wir machen Halt bei der "Schönen Aussicht von Marth", dann geht es weiter im Gänsemarsch nach Rustenfelde, vorbei am Hauborn (Quelle).

"Hallo, Heinrich!" hören wir unseren Streckenführer Klaus rufen. Heinrich, ein alter Bekannter von Klaus, begegnet uns auf dem Weg. Dann kommt die Aussage von Werner: "Der - gemeint ist Heinrich - denkt jetzt bestimmt, Klaus ist Rattenfänger!".

Wir machen Mittagspause bei der Kapelle "St. Maria Magdalena" in der Gemeinde Kirchgandern im Eichsfeld.
Thema des Bibelkreises: Brief des Paulus an die Philipper 2, 1 - 11. Unsere Kommentare:
 Ich werde selber immer wieder gefordert
 Wir sind gefragt, zurückzutreten, lass den Andern vor
 Wir können uns erniedrigen, weil wir keine Angst haben müssen, dass der Andere uns überfordert
 Streben nach Harmonie
 Sehnsucht nach Vollkommenheit
 Tut nichts aus Eigennutz
 Christsein ist eine äußerst schwierige Aufgabe
 Nur mit Gottes Hilfe kommen wir auf den richtigen Weg

Wir lauschen Grenzgeschichten. Walburga erzählt:
"Als Schulkind erlebte ich Ende Juni 1953 die erste Aussiedlungswelle der so genannten "Aktion Ungeziefer", mit der unliebsame DDR-Bürger aus dem 5-km-Sperrgebiet von der innerdeutschen Grenze in das Innere der DDR, meistens in einsame Gegenden, gebracht wurden. Ohne Vorwarnung fuhren Lkw vor ihre Häuser, die sie innerhalb von zwei Stunden verlassen mussten. Mit einem strategisch geschickten Schachzug war der Tag vorbereitet worden: Gleichzeitig wurden an diesem Tag nämlich die männlichen Arbeitskräfte verpflichtet, mit Fuhrwerken und Werkzeugen zur Grenze zu fahren, um einen 10 m breiten Streifen zu roden und zu pflügen. Dadurch wurde es möglich, Fußspuren von eventuellen Grenzgängern und Flüchtlingen zu identifizieren. Nur meiner Mutter war bekannt, dass mein Vater diese Gelegenheit wahrnahm, im Westen etwas zu besorgen, was es in der DDR nicht gab. Dadurch war sie in größter Sorge wegen der Kinder und dem Großvater, für die sie verantwortlich war. Sie bereitete sich auf eine eventuelle Flucht vor. Ihre große Angst wurde ihr genommen, als sich herausstellte, dass ihre Familie nicht auf der Liste stand, und der Vater unbeschadet zurückkam. Ein denkwürdiger Tag, der sich tief in meinem Gedächtnis festgesetzt hat."

Klaus kommt ins Schwelgen, er strahlt: Heißer Sand und ein verlor’nes Land und ein Leben in Gefahr ...von Nana Mouskouri, diesen Schlager hat er mit seinen Freunden, als er jung war, auf dem Weg an die Ostsee gesungen. Klaus zeigt uns, wie man Rock’n’Roll tanzt. Super! Der kann sich bewegen!

Der Weg geht weiter: vorbei an der Andentanne "Chilenische Araukarie", ein immergrüner Baum; von hier aus links des Pilgerweges nach Reiffenhausen mit seiner offenen Pilgerkirche. Wir befinden uns am Pilgerweg Loccum - Volkenroda. Wir werden gebeten, uns in das Gästebuch einzutragen.

Weiter geht unser Weg mit den Gruppen: Rosenkranz, Herzensgebet, Schweigen.

Wir kommen endlich in Friedland, Kirche St. Norbert, an. Auf dem letztjährigen Pilgerweg waren wir schon einmal hier, wir sind also mit unserer Heimat für den Abend und die Nacht schon vertraut. Wir erfahren, dass im Lager Friedland heute wieder drei Busse mit Irakern eingetroffen sind. Insgesamt sollen 2.500 Iraker dieses Lager durchlaufen.

Verlassen hat uns heute unsere Pfarrerin in guter Hoffnung. Wir wünschen ein liebes Wiedersehen, dann als Mutter!

Es gibt ein deftiges Abendessen. Wir sind hungrig, müde, freuen uns auf eine geruhsame Nacht. Cordula versorgt noch einmal die Kranken: es gibt Medikamente, Zuspruch. Mit welcher Liebe und Fürsorge sie mit den Angeschlagenen umgeht! Wir erleben, wie wichtig es ist, dass wir ärztliche Versorgung immer gleich "dabei haben", wenn wir unterwegs sind. Wir waren unabhängig, ein Arzt brauchte nicht aufgesucht zu werden, wir hatten unsere Ärztin Cordula. Ihr ganz herzlichen Dank! Die Lage war sehr schwierig.

Mit Gottes Segen gehen wir ins Schweigen und legen uns zur Ruh. Gute Nacht! Und: `n gut’s Nächtle!
Christa Smouse, Istha