Pilgern - Erfahrungsberichte

17. Juli Bad Sooden-Allendorf - Pfaffschwende

Schon lange vor dem Wecken um 5.30 Uhr herrscht emsiges Gewusel in der Turnhalle von Bad Sooden-Allendorf. Ich blinzle in den neuen Tag und fühle mich wohl wie eine Ameise im Ameisenhügel: Jeder tut, was zu tun ist; alles geht seinen geregelten Gang. Nach der Katzenwäsche und Packen starte ich im Sonnenschein zum Küchendienst im Gemeindehaus. Beim Weg durch den Bibelgarten singt es in mir: "Dich rühmt der Morgen, leise - verborgen singt die Schöpfung, dir, Gott, ihr Lied." Als ich kurz nach sechs in der Küche ankomme, haben viele fleißige Hände schon alles vorbereitet: Brot, Käse, Wurst, Paprika, Gurken und Kohlrabi liegen nett angerichtet auf den Platten, Kaffee und Tee sind gekocht und die Tische gedeckt: Herzlichen Dank! So breche ich zu einem kurzen Spaziergang ins Städtchen auf. Hübsche Fachwerkhäuser säumen den Marktplatz - und Vögel zwitschern in den Bäumen. Menschen sehe ich noch nicht. Ich nehme die Eindrücke in mich auf, fotografiere und schreibe.

Rechtzeitig zum Morgengebet bin ich zurück und spreche die inzwischen vertrauten Worte aus Luthers Morgensegen mit. Danach gibt Streckenmeister Helmut einen Überblick über unsere heutige Tour. "Gott tränke dich mit Lebensfreude!" - dieser Satz aus dem anschließenden Segensgebet von Claudia geht mit mir. Nach dem Küchendienst treffen wir uns mit Christel an der Werra. "Masithi Amen - wir preisen Gott, den Herrn!" singen und tanzen wir unter dem offenen Himmel. Ein Gebet mit dem ganzen Körper weckt alle Sinne für den neuen Tag.

Um 8 Uhr beginnt der Gottesdienst in der St.-Crucius-Kirche Allendorf. Manfred liest zunächst Verse aus Matthäus 6. Einige Sätze, die bei mir haften bleiben:
• "Sammelt euch Schätze im Himmel!"
• "Sorgt euch nicht um euer Leben!"
• "Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, so wird euch alles andere zuteil."
Passend dazu singen wir: "Trachtet zuerst nach Gottes Reich in dieser Welt und seiner Gerechtigkeit, Amen. So wird euch alles von ihm hinzugefügt. Halleluja!" Anschließend sprechen wir das Glaubensbekenntnis aus Kurhessen-Waldeck. Einige Formulierungen daraus berühren mich sehr:
• "Mitten unter uns ist er (Jesus) gegenwärtig und ruft uns auf seinen Weg."
• "In der Gemeinschaft der Glaubenden werden wir zu Schwestern und Brüdern, die nach Gerechtigkeit suchen."
Das Lied "Gott gab uns Atem, damit wir leben. Er gab uns Augen, dass wir uns sehn. Gott hat uns diese Erde gegeben, dass wir auf ihr die Zeit bestehn" vertieft das Gehörte. In der Predigt (2. Korinther 5,14-21) sind es zwei Verse, die mich besonders ansprechen:
• "Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen; Neues ist geworden."
• "Wir sind Botschafter an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!"
Manfred berichtet, dass viele Menschen aus einer Krise heraus zum Pilgern kommen, weil sie die Spur ihres Lebens verloren haben. Das kann ich für mich nur bestätigen. Er sagt: Auf dem Weg stellen sich immer wieder drei wesentliche Fragen: 1. Wer bin ich? 2. Wo bin ich? 3. Wo will ich hin?

Für Paulus zählt, wer in Christus ist; das ist eine völlig neue Identität. Manfred ermutigt uns, als Botschafter der Versöhnung zu leben. Er sagt: Wenn wir uns auf dem Weg die Geschichten unseres Lebens erzählen, lasst uns nicht bei dem Schmerzlichen stehen bleiben: Wir sind schon einen Schritt weiter, wir sind Versöhnte! Das Lied "Sonne der Gerechtigkeit" bündelt auch hier wieder die Botschaft für mich: "Sammle, großer Menschenhirt, alles, was sich hat verirrt. Erbarm dich, Herr!" - "Lass mit unsrer kleinen Kraft suchen, was den Frieden schafft. Erbarm dich, Herr!"

Wir halten inne und sprechen dann das Sündenbekenntnis. Mich berührt die "Lossprechung" diesmal ganz intensiv: Dir sind deine Sünden vergeben! Zu diesem Gefühl, dass Gott mich dabei gnädig und liebevoll anschaut, passt das nächste Lied: "Kommt mit Gaben und Lobgesang, jubelt laut und sagt fröhlich Dank: Er bricht Brot und reicht uns den Wein, fühlbar will er uns nahe sein. Erde, atme auf; Wort, nimm deinen Lauf! Er, der lebt, gebot: Teilt das Brot!" Ich nehme Abendmahl und Segen ganz bewusst in mich auf: Meine Schuld ist vergeben; ich bin frei und darf in seinem Segen weitergehen: Amen!

Zum Abschluss singt Cordula das "Ave Maria", begleitet von Arne. Wir verabschieden uns von den Gastgebern und stellen uns noch zum Pressefoto auf; dann geht es endlich - im Nieselregen - los. An einer großen Wandertafel erklärt uns Helmut noch einmal genau unsere heutigen Tagesetappen; es hört sich gut an und ich freue mich auf den Weg. Es ist wohltuend, gemeinsam unterwegs zu sein. Die Gespräche auf dem Weg stärken mich und führen mich in meinem Prozess des Neuanfangs weiter.

Am Holzborn halten wir inne zur Puncta. Fredy stellt uns einen Grenzgänger vor, der mit seinen kindlich-vertrauensvollen Anbetungsliedern unsterblich wurde: Gerhard Tersteegen. Zu Beginn singen wir eins der bekanntesten: "Gott ist gegenwärtig. Lasset uns anbeten und in Ehrfurcht vor ihn treten." Für mich verbindet sich dieses Lied mit dem "gegenwärtigen Jesus" aus dem Glaubensbekenntnis, das wir im Gottesdienst gesprochen haben - und ich staune, wie eins das andere ergänzt. Fredy berichtet, dass Gerhard Tersteegen in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs und alle Gefühle von depressiver Verstimmung bis zur stürmischen Freude kannte. An einem Gründonnerstag übergibt er Jesus sein Leben - radikal und schlicht. Er bleibt ein bedächtig abwägender, konsequenter Mensch, der sein Herz ständig neu als Wohnung Gottes bereitet. Meinen Lieblingsvers aus Tersteegens Lied bekommen wir mit auf unseren Weg: "Du durchdringest alles. Lass dein schönstes Lichte, Herr, berühren mein Gesichte. Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten - lass mich so, still und froh, deine Strahlen fassen und dich wirken lassen." Mir fallen sofort meine Mittagsblumen auf dem Balkon ein, die morgens ganz unscheinbar aussehen, um sich bei Sonnenschein ganz "aufzurollen" und der Sonne zuzuwenden. Ja, das will ich auch: Mich Gott und seiner Liebe immer wieder entgegen strecken, mich von seiner Gnade einhüllen und umgeben lassen! Im Schweigen singt und klingt der Vers in mir, ich fühle mich angesehen und geliebt von Gott, bade in seiner Güte.

An der Daterlinde bilden wir einen Kreis und singen Tersteegens Lied noch einmal miteinander. Beim Austausch bin ich erstaunt, dass diese mir so wichtigen Verse manchen katholischen Geschwistern ganz fremd sind und zunächst nicht viel zu sagen haben. Wir buchstabieren die Aussagen noch einmal gemeinsam. Das Mittagsgebet vereint uns mit vielen Menschen, die um Frieden für unsere Welt bitten. Wir rasten kurz am Aussichtspunkt Uhlenkuppe, dem höchsten Punkt des Eichsfelds (563 Meter) und sehen das Schloss Rothestein und Bad Sooden-Allendorf, wo wir am Morgen aufgebrochen sind. Kurze Zeit später kommen wir an der "Stasi-Schleuse" vorbei, die unter dem Kolonnenweg von Ost nach West führt. Sie ist 40 Meter lang und wurde 1990 entdeckt. Leslie macht einen Selbst-Versuch und zwängt sich durch den engen Schacht. Kurz vor unserem nächsten Rastplatz stürzt Brunhilde auf dem steilen Kieselweg und muss von Cordula verarztet werden. Wie gut, es ist noch einmal glimpflich abgegangen! Danach ergibt sich noch ein intensives Gespräch mit Cordula. Ich stelle wieder einmal fest, wie gut mir der Wechsel von Schweigen und Reden tut. Die Stille und das "Ganz-bei-sich-Sein" geben dem anschließenden Austausch Tiefe und Gewicht.

Um 12.30 Uhr ist unser Mittags-Rastplatz erreicht: Der Königsborn vor Volkerode; ein idyllischer Ort. Wir singen, essen, reden, schlafen, schreiben: eine Wohltat, einfach so da sein zu können. Beim Bibel-teilen nehmen wir uns noch mal den Predigttext aus 2. Korinther 5,14-21 vor und tauschen uns darüber aus. Die Theorie ist klar, an der praktischen Umsetzung arbeiten wir noch. Es ist gut, auch in dieser Beziehung miteinander unterwegs zu sein! Claudia liest uns den Text von der Fußwaschung aus Johannes 13,1-17 und lädt uns ein, uns gegenseitig an der Königsborn-Quelle die Füße zu waschen und anschließend einzucremen. Ich genieße das kühle Wasser und Petras Massage: Wohlfühl-Oase pur!

Es ist schon halb fünf, als wir uns in drei Gruppen auf den Weg nach Volkerode machen: einige beten den Rosenkranz, andere das Herzensgebet, andere schweigen. Wie gut, dass alles möglich ist! Um 17.30 Uhr kommen wir in Pfaffschwende an und werden in der Kirche vom Pfarrer willkommen geheißen. Wir singen und beten miteinander, ehe es ans Auspacken und Einrichten in den Gemeinderäumen geht. Ich schaffe es noch, vor dem Abendessen zu duschen und fühle mich königlich sauber und erfrischt. Im Goldenen Hirschen gibt es eine sehr leckere Suppe und Brot für uns alle. Mein Appetit auf dieser Tour ist wieder mal unermesslich; ich kann selbst kaum glauben, was ich so alles am Tag verspeise. Singen und Lachen erklingt an den Tischen; es geht uns sooo gut!

Um 19.30 Uhr treffen wir uns in der Kirche. Manfred stellt sein neues Buch "Faszination Pilgern - eine Spurensuche" vor. Er spricht über die Themen "Ortswechsel - Stoffwechsel - Wortwechsel" und stellt fest, dass die Sehnsucht der Motor ist, um aufzubrechen. Viele Pilger haben Sehnsucht nach Heil und Heilung. Christel animiert uns danach zum Singen und Tanzen durch die Kirche mit "We are marching in the light of god": ganz losgelöst schwebe ich durch den Raum. Anschließend berichtet Cordula über unser Spenden-Projekt Muhil und gibt Grüße von Pater Klement und Frau Dr. Rani aus Indien weiter. Danach erzählt Manfred B. von seiner Studentenzeit im Westen und der in manchen Punkten starken Identifikation mit der DDR. Die sich daraus ergebende Diskussion zeigt, dass wir auch innerhalb unserer Gruppe immer noch verletzlich sind mit unseren unterschiedlichen Erlebnissen in der damaligen Zeit. Wir müssen lernen, behutsam damit umzugehen und aufeinander zu achten. Danach stellt Fredy noch kurz die neue Pilgerkarte durch Hessen vor.

Wieder mal geht ein ereignisreicher Tag unserer Pilgertour zu Ende - und das Abendgebet verbindet uns miteinander und mit unserem Gott. Eine gute Nacht!
Margit Lambach, Kassel