Pilgern - Erfahrungsberichte

18. Juli Pfaffschwende - Hülfensberg

Fredy ist ja nun angekommen und führt mit uns ein körperbetontes Morgengebet durch:

Hier bin ich Herr.
Ich warte auf Dich;
Ich öffne mich;
Ich sammle mich.

Meine Gedanken,
meine Worte,
meine Gefühle,
mein Unterbewusstes.

Ich überlasse mich ganz Dir.
Ich schöpfe aus Deiner Fülle.
Und siehe: es ist genug da für mich.
Und siehe: es ist genug da für andere.

Danke GOTT.
Amen

Wir verlassen Pfaffschwende und machen uns auf die letzte Etappe mit einer freudigen Unruhe, denn heute werden wir auf dem Hülfensberg ankommen. In Sickerode hält Elke die Punkta. Sie bezieht sich auf den Epheserbrief, Kapitel 2, 3-5. Und sie gibt uns eine grammatikalische Fragestellung mit in die Schweigezeit: In der malaiischen Sprache gibt es zwei Formen des "wir". Das eine "wir" umfasst den Sprecher und die zu ihm Gehörenden (nicht aber die Angesprochenen); das andere "wir" umfasst den Sprecher und die von ihm Angesprochenen. Wen schließen wir ein, wenn wir "wir" sagen? Und wen schließen wir dabei aus? Und welche Konsequenzen hat das sowohl für mich als auch für die anderen? - Na so was, wie sich Elke das ausgedacht hat, so passend zu dem gestrigen Abend und Herrmanns insistierender Frage bei Manfreds Rede, wen dieser denn meinte, wenn er "wir" sagte. Ach nein, Elke war gestern gar nicht anwesend, sie hat geschlafen. Zufall, Fügung?

Schweigend gehen wir durch den Wald, eine sehr lange und sehr steile Schneise hoch. Oben angekommen belohnt uns ein herrlicher Blick ins Weite, auf ein golden wogendes Gerstenfeld, auf die Dächer und die Kirche eines Dorfes (Misserode) im Tal, waldige Hügel in der Ferne.

Sei gepriesen für Deine hohen Berge!
Sei gepriesen für Feld und Wald und Täler!
Sei gepriesen für Deiner Bäume Schatten!
Sei gepriesen, denn du bist wunderbar, Herr!

Elke beendet die Schweigezeit mit einem erneuten Verweis auf Epheser 2, 19-22, auf das Bild von Jesus Christus als dem Schlussstein, der den ganzen Bau zusammenhält. An ihn dürfen wir uns anlehnen, er gibt Halt, Zusammenhang und gewährt auch Distanz. Und er macht uns, Juden und Heiden, Ossis und Wessis, zu neuen Hausgenossen. So versöhnende Verse (11-22)! Elke, auch wenn Du gestern geschlafen hast - aber der Herr gibt es den Seinen bekanntlich im Schlafe.

Und weiter geht es leichten Schritts bis zur nächsten Pause. Dort erklärt uns Sieglinde den Gebrauch eines Armbandes, das sie trägt, den "Perlen des Glaubens". Das ist nun kein evangelischer Rosenkranz, aber doch auch eine Möglichkeit der Meditation. 18 Perlen verschiedener Größe und Farbe sind bestimmte Glaubens- oder Lebensfragen zugeordnet. Es gibt eine Taufperle, eine Ich-Perle, eine Gottes-Perle oder eine Perle der Nacht. Das Band lässt sich in der Hand halten, während man die mit den Perlen assoziierten Fragen bedenkt.

Schon um 11 Uhr - ja, der Weg fliegt heute nur so - machen wir erneut Rast in der schönen katholischen Kirche von Wilbich. Nach einer ausführlichen Erklärung der Ausstattung und des Gebäudes spricht Fredy das Mittagsgebet. Er mahnt uns, sich an die Ost-West - Gespräche der vergangenen Tage zu erinnern. Was war erklärend, hilfreich und versöhnend, welche Verletzungen sind aufgetreten; wo wurde gar Salz in alte Wunden gestreut? Reflexartig fühle ich mich angesprochen. Tatsächlich hat aber das Manfred-Bashing heute gar nicht stattgefunden. Im Gegenteil: an keinem Tag wurde ich häufiger angesprochen. Interesse, Neugier, weitere Fragen, aber auch, dass andere Mitpilger sich mit ihrem damaligen Empfinden durch meinen Redebeitrag integriert fühlten - Ossis und Wessis gleichermaßen. Ich empfinde eine tiefe Erlösung und Dankbarkeit. Wahrscheinlich ist es - ebenso wie bei Elke - Fügung, dass ausgerechnet heute ich den Tagesbericht zu schreiben habe.

Fredy fordert uns zum "Murmelgespräch" in kleinen gemischten Ossi/Wessi-Gruppen auf. Das Gespräch in meiner Gruppe nimmt einen unverhofften Verlauf: Wir "murmeln" nicht über unsere Ost-West-Erfahrungen, sondern steigen tiefer hinab in den Brunnen der Geschichte. Beeindruckt von der Heimkehrerkirche in Friedland erzählen einige von ihren Vätern, denen sie als Fremde gegenüberstanden, als diese spät aus der Kriegsgefangenschaft zurückkamen; oder von denjenigen Vätern, denen das Kind am Ende des Fronturlaubs zum Abschied noch zuwinkte, und die nicht mehr wiederkehrten. Wie viel Leid hat dieser Krieg verursacht, wie wirkt es nach bis heute!

Dann brechen wir auf zu unserer Mitpilgerin Ursula, die in Wilbich wohnt und die Gruppe zur Mittagsrast zu sich nach Hause eingeladen hat. Bei dem schönen Wetter können wir uns im großen Garten ausruhen. Willi ist mit dem Marketenderwagen da, aber Ursula hat mit ihren Nachbarinnen auch unzählige Kuchen und Torten gebacken, die alle ihre dankbaren Abnehmer finden. Eigentlich sollte man so etwas gar nicht in einem Bericht über eine Pilgerreise erwähnen, bei der wir uns in Einfachheit und Verzicht üben wollten. Stattdessen Völlerei, wohin das Auge blicket. Schon zum Frühstück in Pfaffschwende gab es Eier und Brötchen am reichlichen Buffet, hier nun Torten und Kuchen und, so viel sei schon verraten, abends auf dem Hülfensberg spendierten die Geburtstagskinder Helga und Rolf fleißig Bier und Eiscreme. O tempora, o mores!

Aber weiter geht des Pilgers Reise dem Ziel Hülfensberg entgegen. Wir begegnen noch einer Kinderwallfahrt, die ebenfalls eine ganze Woche von Heiligenstadt zum Hülfensberg unterwegs ist, und dann empfängt uns Bruder Rolf am Fuß des Berges, um mit uns den Kreuzweg zu beten. Gut trainiert durch das Auf und Ab auf den steilen Kolonnenwegen bringt uns dieser Anstieg nicht mehr außer Puste. Manfred Gerland erinnert an der 10. Station an Paul Schneider, einen evangelischen Pfarrer, genannt der "Prediger von Buchenwald", der am 18. Juli 1939 als Glaubenszeuge nach monatelangen Schlägen und Folterungen im KZ gestorben war.

Und dann Glockengeläute, das Umschreiten und der Einzug in die Kirche, Tränen, Freude, Umarmungen und ganz stilles und dankbares Niederknien vor dem Gehülfen, dem gütigen, verzeihenden, einladenden, umfangenden Christus. So oft schon erlebt und doch immer wieder neu, aufs Neue ergreifend: dieses Ankommen wie auch der Segnungsgottesdienst.

Und schließlich dürfen wir doch noch in einer Kirche schlafen nach all den Lagern in Gemeindehäusern, Turnhallen und Heuhotels.

Da nun der Leib sein Tagewerk vollendet,
mein Geist sich auch zu seinem Werke wendet,
zu beten an, zu lieben inniglich,
im stillen Grund, mein Gott, zu schauen Dich.

Die Dunkelheit ist da, und alles schweiget,
mein Geist vor Dir, o Majestät, sich beuget.
Ins Heiligtum, ins Dunkle kehr ich ein;
Herr, rede du, lass mich ganz stille sein.

Manfred Backhaus, Niederbrechen