Pilgern - Erfahrungsberichte

19. Juli Hülfensberg

Die letzte Nacht unserer Pilgerreise verbringen wir auf dem Hülfensberg. Die Franziskaner-Brüder haben uns die Türen zu ihrem Haus geöffnet. Die Suche nach einem Schlafplatz kommt einer Belagerung gleich, denn die vorhandenen Gästezimmer im Kloster reichen bei weitem nicht aus, um die 65 Pilgerinnen und Pilger zu beherbergen. Ulrike und ich haben den Fernsehraum belegt, andere suchen sich eine Ecke oder Nische in den Fluren und Seitengängen.

Um 6.30 Uhr werden wir, wie gewohnt, geweckt. Da bin ich schon längere Zeit wach. Heute werden wir, nach sieben Tagen, die wir gemeinsam unterwegs waren, Abschied nehmen, noch einmal miteinander Gottesdienst feiern und uns dann auf die Rückreise begeben.

Was nehme ich von diesem Pilgerweg, meinem ersten, mit? Diesem Gedanken bin ich in der Frühe nachgegangen.

Zunächst einmal: Es war eine rundum gute Erfahrung! Mit anderen Christen unterschiedlicher Konfessionen unterwegs zu sein, gemeinsam täglich Gottesdienst zu feiern, zu singen, zu beten, die Bibel miteinander zu teilen, zu reden und zu schweigen, das öffnet einen Raum für vertiefte menschliche Begegnungen und für geistliche Erfahrungen. Vielleicht hat der Heilige Geist es leichter zu Menschen zu sprechen, wenn sie selbst Gewohntes hinter sich lassen, um sich mit ihren Füßen auf den Weg zu begeben.

Wohin hat mich diese Reise geführt? Was nehme ich nun konkret mit?

Ich nehme eine tiefe Dankbarkeit für die Öffnung der Grenze zwischen Ost und West vor 20 Jahren mit.
Auf dem Weg haben wir zahlreiche Grenz-Geschichten und persönliche Erfahrungen als "Ossis" und "Wessis" miteinander geteilt. Vieles hat mich sehr berührt und auch erschüttert. Dabei wurde mir einmal mehr deutlich, dass die Grenze nicht nur am Stacheldrahtzaun zwischen Ost und West verlief, sondern auf den unterschiedlichsten Ebenen auch quer durch die beiden deutschen Staaten hindurch. Dass der Machtapparat der DDR dann so schnell und ohne großes Blutvergießen in sich zusammenfiel, das ist wirklich ein Wunder. Es hätte alles auch ganz anders ausgehen können, das ist mir in den vielen Gesprächen noch einmal sehr bewusst geworden.

Ich nehme die Erfahrung der Einheit in der Vielfalt unserer unterschiedlichen Frömmigkeitstraditionen mit. War mir das Wallfahrtswesen in der katholischen Kirche bislang fremd gewesen, so habe ich durch den Pilgerweg doch eine Erfahrung gemacht, die mir diese Frömmigkeitsform näher bringt. Ich habe es genossen, in der ökumenischen Vielfalt Gottesdienst zu feiern, miteinander zu singen und zu beten und sich darüber auszutauschen, was ein biblischer Text uns sagt. Auch die Gespräche mit Wolfgang, dem Baptisten aus Gotha, haben meinen Horizont erweitert. Bis dahin hatte ich wenig über die Freikirchen in der DDR und ihre Zusammenarbeit gewusst.

Ich nehme vielfältige Eindrücke einer wunderschönen Landschaft mit, in deren Nähe ich zurzeit leben darf. Ich habe die Grenzregion noch einmal mit ganz neuen Augen gesehen: die hügelige Landschaft, die bezaubernden Ausblicke ins Werratal, die biologische Vielfalt des sog. Grünen Bandes. Trotz der wechselvollen und bisweilen schmerzhaft-dramatischen Geschichte dieser Region sind die Menschen im Eichsfeld ihrer Heimat sehr verbunden. Ihre Häuser und Gärten sind kleine Schmuckstücke, ebenso die Kirchen. Das Wandern durch diese Region war eine Entdeckung.

Ich denke auch an die Erfahrung einer unglaublichen Gastfreundschaft: in den Gemeinden, aber auch einzelner Menschen.. z.B. bei Ursula in Wilbich. 65 Pilger hat sie dort mit Hilfe ihrer Söhne und Frauen aus der Nachbarschaft in ihrem Garten bewirtet. Als ich da auf der grünen Wiese lag, über mir der blaue Himmel, vor mir der Duft von Kuchen und Kaffee, berauscht von den Klavierklängen aus dem Haus, da dachte ich einen Augenblick lang: "So ähnlich muss es im Himmel sein. Hier bekommen wir schon mal einen Vorgeschmack!"

Als letztes nehme ich das tiefe Gefühl mit, beschenkt zu sein und gesegnet meinen Weg gehen zu dürfen.

Nun heißt es Abschied zu nehmen und sich auf die Heimreise vorzubereiten. Nach dem Frühstück treffen wir uns draußen auf der Wiese. Es ist kühl und regnerisch. Wir stellen uns in einem großen Kreis auf. Mit dem Wort aus Psalm 141 "Mein Gebet möge vor dir gelten als ein Räucheropfer" werden die Fürbittenzettel, die in dieser Woche in einer kleinen Tasche gesammelt und vom Kreuzträger getragen wurden, in einer Metallschale verbrannt. Pater Rolf streut über das Feuer Weihrauchkörner, so dass sich ein kräftiger Rauch entwickelt. Diese Inszenierung wirkt auf mich befremdlich. Sie hat fast etwas Magisches. Soll diese Zeremonie zeichenhaft vor Augen führen, dass unsere Gebete tatsächlich im Himmel ankommen? Das wäre doch sehr kleingläubig. Als evangelische Christin verbinde ich mit dem Opfergedanken höchstens den Dank und den Lobpreis, aber nicht die Anliegen und Fürbitten, die wir vor Gott bringen.

An Stelle einer Feed-back-Runde (die ich insgesamt vermisst habe) folgen nun meditative Gebete mit Körpergesten, die noch einmal die Kraft der Gemeinschaft mit Gott und untereinander spürbar werden lassen. Eines davon möchte ich mir gerne merken:

Hier bin ich.
Ich warte auf Gott.
Ich öffne mich.
Ich sammle mich:
meine Gedanken, meine Worte, mein Inneres, mein Unterbewusstes.
Ich lege es ab.
Und schöpfe aus der Fülle.
Es ist genug da
für mich.
Es ist genug da
für andere.
Dank sei Gott.

Um 10.00 Uhr beginnt der Gottesdienst. "Pilger sind wir Menschen, suchen Gottes Wort. Unerfüllte Sehnsucht treibt uns fort und fort. Wer hört uns´re Bitte, wer will bei uns sein? Komm in uns´re Mitte, Herr, tritt bei uns ein!" Mit diesem Pilgerlied ziehen wir als Gruppe singend in die Kirche ein. Während des Gottesdienstes betrachte ich noch einmal das Kruzifix des "Gehülfen" mit ausgestreckten Armen und gütigem Blick. Dass dieses romanische Bildnis eine große Anziehungskraft ausübt, so dass jährlich Tausende von Menschen zum Hülfensberg aufsteigen, kann ich jetzt durchaus verstehen. Es ist das Bild des Gekreuzigten, der durch sein Leiden die Arme ausbreitet: "Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken."

Am Ende des Pilgerwegs sind wir nun am Ziel angekommen. Mühselig und beladen durften wir Lasten ablegen, Vergebung empfangen, Gemeinschaft erfahren. Gestärkt freue ich mich nun auf das Wiedersehen mit meinen Lieben zu Hause.
Sieglinde Repp-Jost, Eschwege