Pilgern - Erfahrungsberichte

Wüstentour im Sinai 18.-25.03.2010

Donnerstag, 18. März 2010
7.30 Uhr Abfahrt mit Kleinbus ab Herleshausen über Bad Hersfeld mit 8 Personen nach Frankfurt. Gute erwartungsvolle Stimmung.
10.30 Uhr Einchecken - Flug über Hurghada nach Sharm el Sheik, Zwischenlandung in Hurghada. Wir setzen auf, müssen aber wieder durchstarten, da uns eine Windböe von der Seite erfasst. Beim zweiten Versuch klappt es - Gott sei Dank.
In Sharm el Sheik holen uns zwei Kleinbusse ab und bringen uns nach zweistündiger Fahrt nach Nuweiba, wo uns unser Guide Israel Ariel in Empfang nimmt. Nach einem stärkenden Mahl beziehen wir unsere Zimmer und schlafen ausgezeichnet.

Freitag, 19. März 2010
Die Sonne scheint an einem wolkenlosen Himmel, aber ein kühler Nordwind weht. Einige Mutige springen bereits um 6.00 Uhr in die Fluten. Nach einem ausgiebigen Frühstück verbringen wir noch einige Zeit am Strand, ehe es um 11.30 Uhr losgeht.
Wir fahren in ein kleines Beduinendorf im Sandsteingebiet an der Straße zum Katharinenkloster gelegen. Dort erwartet uns die Wüste. Bis das Mittagessen bereitet ist, gibt es für jeden die Möglichkeit für einen kurzen individuellen Gang. Es geht darum, ein erstes Gefühl für die Landschaft und die besondere Atmosphäre zu bekommen.
Auf drei großen Platten wird uns nun Salat, Käse, Wurst und vor allem selbstgebackenes Brot gereicht. Wir greifen herzhaft zu und beobachten zugleich, wie die Beduinenfrauen einen kleinen Basar von Souvenirs auf der Erde ausbreiten. Die Männer sitzen in einer Gruppe zusammen und rauchen. Nachdem wir die leckere Mahlzeit beendet haben, essen die Beduinenmänner unsere Reste.
Jetzt geht es mit unseren zwei Kleinbussen abseits der Straße zu einem verabredeten Platz in der Wüste, wo unser Gepäck auf einen Jeep umgeladen wird.
Wir starten zu unserem ersten gemeinsamen Gang, den wir nach einem geistlichen Impuls im Schweigen zurücklegen bis wir in ein Seitental, einen Canyon, einbiegen, wo wir direkt auf ein Beduinenzelt zulaufen. Hier werden wir unsere ersten zwei Nächte verbringen.
Auf unserem Weg sind wir auf eine Ansammlung von ca. 20 runden Steinhäusern getroffen, es sind Beinhäuser, in denen die Knochen vieler Gräber aus der Umgebung zusammengetragen wurden. Alle Eingänge zeigen nach Westen. Aus Angst vor eventuellem Unglück wurden diese Gräber in der Vergangenheit nicht zerstört. Ein Impuls für den Schweigeweg:"Gott widersteht den Hochmütigen, aber dem Demütigen gibt er Gnade." Demut, Respekt vor Gott, vor der Wüste - beide sind hier vergleichbar…Ehrfurcht. Demut (lat. humilitas) = nahe am Boden, mit dem Boden in Kontakt, offen gegenüber dem Himmel.

Samstag, 20. März 2010
Um 6.00 Uhr ist die Nacht zu Ende, die Sonne geht auf und erleuchtet auch unser Tal. Es ist noch kalt, aber die Sonnenstrahlen wärmen angenehm. Der ständige Wind hat keine Ruhe gegeben, hat an den Zeltwänden gezerrt. Nach dem leckeren Frühstück und dem Morgengebet führt uns Israel, unser Guide, zu einer Bergbesteigung. Die riesigen Sandsteinfelsen wirken von innen wie große Kathedralen. Die Kletterei ist nicht ungefährlich, aber macht Freude und gibt so manchem(r) von uns verlorenes Vertrauen in die eigene Kraft zurück. Als wir dann noch wie Kinder eine steile Düne herab laufen, rollen, springen, ist der Bann gebrochen. Freude über das eigene Können und Zutrauen in die eigene Kraft geben ein neues Selbstwertgefühl.
Israel hat einen schönen Platz ausgewählt, von dem aus wir den Sonnenuntergang bestaunen können. Danach eine Andacht zu Psalm 51:"Schaffe in mir Gott ein reines Herz und gib mir einen neuen beständigen Geist". Reinheit, Klarheit, Beständigkeit - was ist jetzt dran, was will Gott von mir? Diese Tugenden wachsen in der Wüste…
Im Schweigen gehen wir nun mit dem Impuls zurück in unser Lager, während es langsam dunkel wird.
Wir freuen uns schon auf die abendliche Runde im Beduinenzelt beim Kerzenschein. Vor dem Abendessen sitzen wir auf dem Boden im Halbrund und erzählen reihum etwas von den Erfahrungen und Gedanken des Tages. Alle sind sehr zufrieden und willigen auch sofort ein, als Israel den Vorschlag macht, statt in den Rummel des Mosesberges und des Katharinenklosters einzutauchen, mehr Zeit für die Wüste zu haben und hier authentische Erfahrungen zu machen.

Sonntag, 21. März 2010
Erste Geräusche von der Zubereitung des Frühstücks durch Ahmad, unseren Koch, dringen an unser Ohr. Die Nacht war kalt, aber jetzt wärmen schon die ersten Sonnenstrahlen. Wir haben eine kurze "Katzenwäsche": Zähneputzen und zwei Hände voll Wasser für das Gesicht müssen reichen. Wir merken, wie kostbar Wasser hier ist und benutzen es fast nur zum Trinken. Nach der morgendlichen Körperübung mit Taufgedächtnis werden wir wieder zu Tisch am Boden gebeten. Es gibt leckeren Porridge mit Obst, Nüssen, Honig, Kokosflocken, es mundet wunderbar.
Wir schlagen unsere Zelte ab, denn schon kommt eine Karawane Kamele, um uns samt Gepäck zu unserem nächsten Lagerplatz zu bringen. Aufsteigen, festhalten, sich den Bewegungen des Kamels anpassen, all das will geübt sein. Schließlich ziehen wir los und durchqueren eine Sandwüste und biegen in einen engen Canyon ein. Schon wieder wechselt die Landschaft ihr Aussehen. Vor einem Monat soll es hier geregnet haben, was äußerst selten vorkommt. Deshalb sind allenthalben grüne Pflanzen, zum Teil sogar mit Blüten zu finden. Die Kamele können nicht widerstehen und fressen alles, was in ihre Nähe kommt. Langsam gewöhnen wir uns an das Sitzen und Schaukeln auf dem Kamelrücken, einige erleben die Harmonie der Bewegung, wie sie mit dem Tier verschmelzen, andere haben nach einiger Zeit genug und wollen so schnell wie möglich wieder runter. Zwischendurch erzählt uns Israel, unser Guide, immer wieder die biblischen Geschichten aus der Wüste, von Abraham, Isaak, Jakob und Esau, vom Exodus aus Ägypten oder von Elia, Saul und David. Seine allegorischen Deutungen sind hochinteressant, finden spontane Zustimmung oder lassen uns nachdenklich und fragend zurück.
Unterwegs fallen uns immer wieder die bizarren und schönen Sandsteinformationen auf, wir staunen und freuen uns an ihnen.
Da immer wieder ein leichter Wind weht, halten wir auch die Hitze aus. Es sind bis zu 30 Grad im Schatten, aber es gibt nur eine geringe Luftfeuchtigkeit, sodass wir wenig bzw. gar nicht schwitzen.
Nach der Mittagspause wechseln die Reiter, und eine geübte Gruppe steigt mit dem Guide zu einem Gebirgskamm auf, der eine wunderbare Fernsicht ermöglicht. Am Horizont sehen wir den Katharinenberg mit 2.600 Metern der höchste Berg des Sinai, nicht weit davon entfernt den Mosesberg.
Mit dem Sonnenuntergang erreichen wir unser Camp, das fleißige Hände bereits aufgebaut haben. Wieder eine neue Landschaft mit Blick in die Ferne. Die Nacht wird deutlich wärmer als zuvor, sodass einige auch unter dem offenen Sternenhimmel schlafen, der immer wieder zu Begeisterungsrufen Anlass gibt.



Montag, 22. März 2010
Da wir an diesem Tag noch die Kamele bei uns haben, machen wir am Vormittag einen Ausritt, die anderen laufen. Der Weg führt uns durch eine weite Ebene zu einer hohen Sanddüne. Wieder macht es großen Spaß, sich den Berg einfach herunterrollen zu lassen und wie die Kinder einfach zu toben und zu tollen. In einem weiten Bogen kehren wir zum Mittag zurück ins Lager.
Mittlerweile macht der Durchfall die Runde, nicht nur unser Magen, sondern unsere ganze Konstitution sind weder auf dieses Klima noch auf das Essen vorbereitet. Außerdem scheint es eine Art Reinigungsprozess zu sein, es muss etwas heraus, bevor Neues aufgenommen werden kann. Das Essen ist im Übrigen ausgezeichnet und sehr wohlschmeckend. Von unserem Koch Ahmed wird alles frisch angerichtet und über dem Lagerfeuer gekocht.
Am Nachmittag zeigt uns Israel wundervolle Steinformationen in herrlichen Farben, die anderen können noch einmal auf den Kamelen ausreiten. Als unterhaltsamen Abschluss gibt es ein Kamelrennen der Beduinen.
Geistliche Impulse sind nicht einfach zu setzen, wenn man vorher noch nicht in der Wüste war. Ich konzentriere mich also auf die Darstellung von Tugenden und Haltungen, die in der Wüste notwendig sind bzw. hier geformt werden: Klarheit, Reinheit, Demut und erzähle von dem Leben der Wüstenväter als Einstimmung auf den morgigen Stillen Tag, den alle sich gewünscht haben.
Gestern, am Sonntag, haben wir im Beduinenzelt Abendmahl gefeiert. Ahmed hat extra Brot dafür gebacken. Es war eine sehr feierliche und konzentrierte Feier. Die Predigt hatte das Thema: Lebensübergänge, am Beispiel von Jakobs Kampf am Jabbok ausgelegt.
So hat Jesus sicher oft Gastmahl gehalten bzw. sich einladen lassen.

Dienstag, 23. März 2010
Der stille Tag beginnt mit einem sehr beeindruckenden Ritual. Ein Lamm wird geschlachtet, das wir am Abend verspeisen wollen. Zuerst wird das Messer am Stein gewetzt und dann schneidet ein Beduine dem Lamm die Kehle durch, während der andere es festhält. Das Ganze geschieht in großer Würde und Respekt vor dem Tier und ist nicht zu vergleichen mit Schlachtszenen bei uns zuhause. Sofort kommt die Assoziation aus Jesaja 53,7: "… er tat seinen Mund nicht auf, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird…".
Als Impuls und Text für die Stille dient die Versuchungsgeschichte Jesu nach Matthäus 4. Gegen Abend machen wir mit unserem Guide einen Schweigeweg, der uns an wundervollen Naturdenkmalen vorbeiführt, auf einem kleinen Berg bewundern wir den Sonnenuntergang. Zum Abendessen wird Lammfleisch auf einem Reisrisotto mit Gemüse serviert, es schmeckt köstlich. Mittlerweile haben wir uns an das Essen auf dem Boden gewöhnt und können uns gar nicht vorstellen, dass dies nun die letzte Nacht in der Wüste ist.
Wir haben noch eine sehr gute Austauschrunde, in der jede(r) seine (ihre) Erfahrungen über den Tag der Stille erzählen kann. Auch in der Wüste - so zeigt sich - gibt es Probleme, um still zu werden. Mein Impuls, Fazit dieser Runde: aus der Weisheit der Wüstenväter: "Geh in dein Kellion (Einsamkeit der Hütte) und dein Kellion wird dich alles lehren."

Mittwoch, 24. März 2010
Nach dem Frühstück bauen wir unser Lager ab, das Gepäck wird auf zwei Jeeps geladen und brechen zu einer letzten Wüstentour auf. Ein dreistündiger anstrengender Marsch durch Sonne, Sand und Steine führt uns die Wüste abschließend noch einmal in ihrer Härte und Kargheit aber auch in ihrer Schönheit vor Augen. Als wir am Mittag im Beduinendorf ankommen, von dem aus wir vor 5 Tagen aufbrachen, schließt sich der Kreis. Erschöpft und ausgedörrt, hungrig, aber auch froh und dankbar sinken wir auf die Matten im Schatten. Nach einer kurzen Pause werden wir mit einem originalen Beduinengericht (Reis mit Linsen und Salat) bewirtet und stärken uns. Zwei Kleinbusse bringen uns zurück nach Nuweiba ins Hotel Sultana, wo wir unsere Zimmer beziehen, baden, ausruhen. Am Abend wartet ein leckeres Mahl auf uns und dann eine Frage- und Abschiedsrunde mit unserem Guide Israel Ariel.

Donnerstag, 25. März 2010
Die Nacht wieder in einem Bett zu verbringen, war angenehm, langsam nähern wir uns wieder der Zivilisation an. Der Vormittag vergeht wie im Fluge mit Baden, Sonnenbaden, letzten Einkäufen im Basar am Strand oder im nahegelegenen Dorf. Peter und Christa haben es sich nicht nehmen lassen, doch noch das Katharinenkloster zu besuchen, am Nachmittag erzählen sie begeistert von ihren Erfahrungen.
Gegen Mittag müssen die Berliner bereits zum Flughafen aufbrechen, der Rest der Gruppe folgt ihnen am frühen Nachmittag. Der Kleinbus ist mit 13 Pilgern und Gepäck hoffnungslos überladen, bringt uns aber sicher zum Flughafen nach Sharm El Sheik. Noch einmal sehen wir die mächtigen Berge des Sinai. Es ist Zeit, die Reise noch einmal nachklingen zu lassen. Dankbarkeit und Wehmut über den Abschied vom Sinai überkommen uns.
Wir sind vor allem unseren Guide Israel Ariel sehr dankbar, der uns die Wüste so eindrücklich erschlossen hat. So war diese Wüstentour ein einziges Trainingslager mit vielen spirituellen und auch therapeutischen Impulsen und Herausforderungen, die uns zugemutet wurden, die wir angenommen und gemeistert haben und an denen wir innerlich gewachsen sind. Die wunderbaren Bilder, die große Stille, die Schönheit und Weite der Wüste haben sich tief in unsere Seelen eingegraben, dort werden sie weiter nachwirken.
Soli deo gloria! Gott allein sei Ehre und Ruhm und Dank!

Manfred Gerland