Pilgern - Erfahrungsberichte

06.07.2010 Schenklengsfeld - Bad Hersfeld

Früh am Tag müssen diejenigen, die draußen ihre Matte und ihren Schlafsack ausgebreitet haben, ins Haus flüchten. Über Nacht hat es zu regnen begonnen. Noch wissen wir nicht, dass es die letzten Regentropfen auf unserem Pilgerweg sein sollten.
"Dich rühmt der Morgen. Leise, verborgen singt die Schöpfung dir, Gott, ihr Lied". Mit dieser leichtfüßig-tänzerisch-schwungvollen Melodie werden die Frauen, die im Keller des evangelischen Gemeindehauses von Schenklengsfeld ihr Nachtlager aufgeschlagen haben, um sechs Uhr morgens geweckt. Johannes weckt die Männer mit "Nun danket alle Gott". Pfarrer Preiß steht schon in der engen Küche des Gemeindehauses und kocht Kaffee. Zwei Frauen aus der Gemeinde helfen ihm, die runden Tische mit frischen Brötchen und selbst gemachten Marmeladen einzudecken. Wir genießen die Gastfreundschaft.
In der gegenüberliegenden evangelischen Kirche feiert Bruder Rolf mit uns die Hl. Messe. Schon früher hat dieses evangelische Gotteshaus katholische Eucharistiefeiern erlebt: Pfarrer Preiß hatte uns am Abend zuvor erzählt, dass katholische Saarländer, die 1939/40 nach Hessen evakuiert worden waren, dort Messen gefeiert hatten und aus Dankbarkeit über die ökumenische Gastfreundschaft der evangelischen Gemeinde dieser ein Kruzifix geschenkt hatten, das heute noch auf dem Altar steht.
Bruder Rolf legt das Gleichnis vom Weltgericht aus Mt 25 aus. Dabei akzentuiert er nicht nur die mahnenden, sondern vor allem auch die tröstlichen Aspekte des biblischen Textes. Zwei Gedanken stellt er heraus. Zum einen: Immer wieder machen wir die Erfahrung, dass das menschliche Recht keine wirkliche Gerechtigkeit schafft, dass die Opfer vergessen werden und die Täter davon kommen. Umso tröstlicher ist die Botschaft des Textes, dass im letzten Gericht Gott selbst Gerechtigkeit herbeiführt und dass der Maßstab dafür die Barmherzigkeit ist. Ü-berlassen wir also die Strafe für erlittenes Unrecht Gott! Zum anderen: In den Leidenden begegnet uns Jesus selbst. In jedem Menschen können wir ihn sehen. Der Hl. Franziskus und die Hl. Elisabeth sind uns Vorbilder auf diesem Weg nach unten. Sie haben in jedem Menschen das Abbild Gottes gesehen und gesucht. Und: Wir schaden Gott selber, wenn wir einander nichts Gutes tun! Jesus fragt uns nicht nach unserer Konfession oder Rechtgläubigkeit, sondern danach, wie gut wir einander sind.
Als wir gegen acht Uhr unter Glockengeläut den Ort verlassen, strahlt schon wieder die Sonne vom Himmel. Wir gehen auf überwiegend schönen Waldwegen bis Wippershain. Unterwegs greift Hermann in seiner "Puncta" noch einmal den Text aus dem Morgengottesdienst auf. Er betont, dass Gottes Gericht nicht mit unserer menschlichen Gerichtsbarkeit vergleichbar ist, weil Gott vollkommene Liebe ist. Gott ist gleichzeitig gerecht und barmherzig. Und deshalb ist Gottes Richten vielleicht eher als ein endgültiges Ausrichten auf ihn hin zu verstehen. Drei Hoffnungsspuren zum Bedenken auf dem weiteren Weg gibt Hermann uns mit: "So viel ihr nur einem dieser geringsten Brüder getan - mir habt ihr es getan." (Mt 25,40) "Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen - ich gehe hin, euch einen Platz zu bereiten." (Joh 14,1) "Es sprach, der auf dem Thron sitzt: Da! Neu mache ich alles." (Offb 21,5)
Kurz vor Wippershain weist uns Ingrid, die heutige Streckenmeisterin, auf ein altes Sühnekreuz am Wegesrand hin. Genau an dieser Stelle ist wohl im Mittelalter ein Mord geschehen. Damals, so erklärt uns Ingrid, verhängten die Gerichte, die noch nach altem germanischem Recht urteilten, oft die Auflage, zur Sühne einer Tat ein Kreuz zu errichten. Auch andere Wiedergutmachungsleistungen waren möglich, z.B. die Spende von mehreren Pfund Kerzen-wachs oder eine Wallfahrt. Diese Leistungen des Ausgleichs waren bis zur Einführung der Ca-rolina, einer Strafgerichtsordnung von 1532, auch bei Mord möglich; danach wurde immer die Todesstrafe verhängt.
Manfred weist uns darauf hin, dass es ein Gesetz des Lebens in allen Kulturen und zu allen Zeiten gegeben hat, nämlich das Gesetz, dass Leben genommen wird, wenn ein anderes Leben zerstört wurde. Es ist das Gesetz des Ausgleichs, das versucht, die gestörte Balance im menschlichen Miteinander wieder herzustellen. Die christliche Barmherzigkeit durchbricht dieses Gesetz des Ausgleichs; sie ist nicht der Normalfall, sondern die Ausnahme. Ein Gebet für Täter und Opfer schließt sich an.
Wegen Holzarbeiten im Wald verpasst Ingrid den richtigen Abzweig, und so laufen wir länger als geplant auf mehreren "Meditationsschleifen" durch den Wald, bis es steil bergab nach Un-terhaun geht. Bei der Kirche finden wir auf einer schönen Wiese eine Oase der Ruhe und Entspannung. Die Mittagspause tut uns gut; frische Tomaten und frisches Obst, Quark und Jo-gurt verwöhnen uns, und Zeit zum Ausstrecken und Dösen auf der Matte bleibt auch noch.
Kurz hinter Unterhaun führt uns Ingrid auf den Kreuzberg, auf dem die Überreste einer alten Kirche zu sehen sind. Das Besondere an diesem alten Kirchenbau ist, dass er in Form eines griechischen Kreuzes angelegt wurde und aus dem Anfang des 9. Jahrhunderts stammt. Die Historiker rätseln noch über die Funktion dieser mittelalterlichen Kirche: War sie vielleicht eine adlige Eigenkirche? Wurden in ihr Reliquien aufbewahrt? Auf dem Kreuzberg finden wir auch schöne barocke Grabsteine und eine neuere Gedenktafel, die an den aus Unterhaun stammenden Dr. Georg Großkurth erinnert, einen in Berlin tätigen Arzt und Kommunisten, der wegen Widerstands gegen den Nationalsozialismus 1944 in Brandenburg hingerichtet wurde.
Auf unserem Weg nach Bad Hersfeld treffen wir kurz vor unserem Ziel, der Ev. Jugendbegegnungsstätte auf dem Frauenberg, einen Einzelpilger. Peter lädt ihn ein, den Abend und die Nacht mit uns zu verbringen. Herbert, vielleicht zwischen 50 und 60 Jahre alt, stammt aus Meersburg am Bodensee. Er erklärt, dass er das "weiche" Bodenseewasser zu den "harten" Extern-Steinen tragen will, um so das Weibliche zum Männlichen zu bringen. Die Extern-Steine sind eine markante Sandstein-Felsformation im Teutoburger Wald, ein alter Kultort, der in der heutigen Esoterik-Szene eine gewisse Rolle spielt, Wir merken: Herberts Religiosität ist deutlich neuheidnisch geprägt. Ihn ziehen alte Kultorte stärker an als Kirchen. Er weiß, dass viele Kirchen auf diesen alten "Orten der Kraft" errichtet wurden. Wir nehmen ihn freundlich auf; am nächsten Tag bricht er nach Fritzlar auf.
Auf dem Frauenberg treffen wir auch eine Gruppe fröhlicher Kinder aus Weißrussland, die dort mit ihren Betreuern die Ferien verbringen. Wolfgang und Klaus, DDR-sozialisiert, versuchen sich mit ihnen auf Russisch zu verständigen.
Der Abend ist verschiedenen Informationen gewidmet: Ingrid, unsere historisch kompetente und von der Geschichte begeisterte Streckenmeisterin, erläutert uns die Geschichte Bad Hers-felds: Keimzelle der späteren Stadt war ein Kloster, das von Lullus, einem Schüler des Hl. Bo-nifatius gegründet worden war. Das Kloster wurde 775 zur Reichsabtei ernannt und spielte als Reichskloster eine wichtige Rolle. Im 12. Jahrhundert ging seine Bedeutung zurück und in der Reformationszeit wurde das Kloster aufgehoben. Während des 7jährigen Krieges brannte das Kloster ab. In der Ruine der Klosterkirche finden heute die Theater- und Opernaufführungen der Hersfelder Festspiele statt. Der Frauenberg, auf dem wir heute die Nacht verbringen werden, besaß ursprünglich eine Maria geweihte Kirche, die direkt an einer alten Handelsstraße, der Rheinischen Straße, lag. Später lebten hier fromme Frauen, die bis zur Reformationszeit ein Hospital betrieben, das Sozialstation, Krankenhaus und Hospiz zugleich war.
Birgit berichtet von ihrer Reise nach Indien. Sieben Monate lang hat sie Projekte aufgesucht, begleitet und beraten, die von der "Ausbildungshilfe für junge Christen" gefördert werden, darunter ein Projekt in Nord-Karnataka für ehemalige Tempelprostituierte. In Malabat hat sie für längere Zeit an einer Schule hospitiert, die für die Kinder dieser Frauen eingerichtet wurde. Eine weitere Projektreise führte sie zu einer Einrichtung für Schulabbrecher in den Bergen, wo Mädchen zur Pflegehelferin ausgebildet werden und wo sie versuchte, das Selbstvertrauen der Mädchen durch Übungen und Anregungen zu stärken.
Cordula erzählt kurz von ihrem Besuch in Muhil/Indien vom Januar und berichtet von guten Fortschritten des Projektes. Das Abendgebet schließt den Tag ab.

Ulrike Arnold, Eschwege