Pilgern - Erfahrungsberichte

07.07.2010 Bad Hersfeld - Rotenburg/F.

Die Nacht in der Jugendbildungsstätte Frauenberg war ganz wunderbar - ich hatte mir den Luxus eines Zimmers mit Dusche gegönnt. Ein richtiges Bett ist eine herrliche Erfindung. Dann gab es ein Superfrühstück - von den Mitarbeiterinnen des Frauenbergs mit viel Liebe und Engagement hergerichtet. Beim Frühstück reden wir über dieses Engagement und daß es in Gefahr ist, zur Selbstausbeutung zu werden.
Abendmahlsgottesdienst in der Kapelle - Claudia erzählt uns etwas zum Psalm 121 "Der Herr behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele...". So, wie wir auf unserem Pilgerweg gut versorgt und behütet werden, so behütet uns Gott unser ganzes Leben lang. Ich erinnere mich daran, daß ich diese Worte oft als Sterbesegen spreche: "Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!" Dazu sangen wir tolle Lieder.
Aufbruch - durch Bad Hersfeld hindurch sind wir bals auf einem wunderschönen Weg durch die Felder und hinein in die Kühle des Waldes.
Margret eräutert uns noch einmal den Psalm (mit einer ungewohnten schönen Übersetzung). Gott ist Trost auf steinigen Wegen. Die Klage über Unrecht und Verletzung ist schon Gebet - und darin kann ich es loslassen. Dann kann, ganz leise, die Erinnerung an Begleitung und Hilfe wieder kommen - und das kann jetzt wieder so sein. Drei Punkte:
- Schau nach Gott aus, wenn du in Not bist.
- Erinnere dich an Situationen, wo er dir half.
- Sei dankbar - er geht auch weiter mit dir.
Dazu noch drei Fragen für die Stille:
1. Weißt du, daß du Gott wichtig bist?
2. Was willst du ihm anvertrauen?
3. Welche Hoffnung und Sehnsucht bringst du zu ihm?
Danach ein wunderbarer und berührender Weg durch schattige Waldpfade hinauf und hinunter nach Tann. Dort kamen wir zur Radfahrerkirche - recht schmucklos und von außen erst im letzten Moment als Kirche zu erkennen.
Es war schön, anzukommen, die Kühle der Kirche zu geniessen, still zu werden, zu singen.
Und ann Hans Werners wunderbare Versorgung, ganz im Sinne des Psalmes: Waffeln, Kuchen, Milchkaffee, Äpfel etc.
Nach der Mittagpause "ambulantes Bibelteilen" - wir suchten und jemanden, dem wir im Sinne des Psalmes von unseren Hoffnungserfahrungen und -erwartungen erzählen könnten.
Beim Marsch geht am Ortsausgang von Tann der Schwanz des Zuges verloren - wir hielten uns zu lange an einem Bach auf und da war der Rest weg. Und so gingen wir in die falsche Richtung, drehten eine "Meditationsschleife", merkten aber bald den Irrtum und kehrten um. Als wir wieder auf dem richtigen Weg waren, erblickten wir weit, weit vor uns im Tal einen bunten Lindwurm sich langsam durch das sonnige Tal wälzen. Aber wir kamen langsam wieder ran.
Dann der lange, lange Anstieg - oben würde es Rast geben - so war das Versprechen. Oben... scheinbar oben, geht es aber weiter, etwas langsamer zwar zum Trinken (ich kann nicht im Gehen trinken!) - aber wo bleibt die Pause. Etwas kaffeebefeuerter Unmut macht sich breit ("Wann kann ich endlich in den Wald - die einen links, die anderen rechts...?") und so wird uns eine kurze Be- und Entwässerungspause gegönnt. Dann geht es gemütlich weiter bis zu einem wunderschönen, alten Eichenbaum (s. Fotos) mit "richtiger" Pause.
Dann geht es weiter im Gdebet. Die Rosenkranzleute beschleunigen enorm, so daß wir vom Herzensgebet immer wieder mal Zweifel am "rechten Weg" hatten. Aber siehe da: immer wieder waren wunderbare Pfeile an Kreuzungen und Abbiegungen zu sehen.
Friedlich vereint nach der Gebetszeit ging es einen letzten Hang hinauf zu einer kurzen Pause - die Türme Rotenburgs grüßten schon herüber. Ein kurzes Blitzlich - den meisten geht es richtig gut.
Und dann hinab und hinein nach Rotenburg und hin zur Jakobskirche - das paßt doch gut.
Eine Kirchenvorsteherin empfängt uns freundlich - der Küster ist nicht so begeistert von der Anfrage, ob man in der Kirche übernachten könne...
Eine Reporterin der HNA (Lokalzeitung) ist gekommen und so machen wir ein prachtvoll authentisches Gruppenbild vor der Kirche - bitte noch rechts etwas heranrücken... und jetzt alle breit lächeln...
Dann ging es in den Kindergarten, unser Nachtquartier. Die Männer mußten alle durch das Büro der Leiterin - aber es war genug Platz da. Die Kuschelecke der Kinder hat mir gut getan - diagonal passte ich gerade hinein. Dann gab es ein köstliches Abendessen mit Kräutersuppe und knackigem Salat und viel guter Laune.
Die Abendvesper von Janina schlug alle Geschwindigkeitsrekorde des bisherigen Pilgerweges - denn das Halbfinale der Fußball-WM Deutschland-Spanien nahte. Da waren wir wohl alle ein bißchen zu "hummelig". Und so zerstreute sich bald die fröhliche Pilgerschar zwischen Biergarten, Kirche, allerlei Kneipen usw. - geschwiegen haben wir an diesem Abend nicht so viel. Gejubelt aber auch nicht - 0:1 in der 75. Minute ist irgendwie fies. So wird sich dieser historische Fußballabend für immer mit Rotenburg/Fulda verbinden. Aber: aus Niederlagen werden wir doch stärker.

Michael Schimanski-Wulff