Pilgern - Erfahrungsberichte

08.07.2010 Rotenburg/F. - Sontra

Wir übernachteten in dem wunderschönen Fachwerkstädtchen Rotenburg im Gemeindehaus. Rotenburg hat eine Jokobikirche und der Stadtpatron ist der Hlg. Jakobus. Hier mussten wir einfach Halt machen. Leider deutet in der Kirche so gar nichts auf Jakobus den Pilger hin. Nur an einem Leuchter ist eine Muschel zu sehen. Dafür gibt es seit einiger Zeit vor der Kirche eine Sandsteinbank mit den Pilgermotiven. Morgens hatten wir einen Gottesdienst mit Janina und ich durfte die Lesung halten und Worte des Nationalspielers Cacao vortragen. Dann ging es endlich los.
Durch den schönen Schlosspark über die Fulda in Richtung Lispenhausen und dann einen kleinen Anstieg auf die "Franzosenstrasse" auf der Höhe mit einem tollen Ausblick nach links und rechts über Gottes schöne Natur in allen Farben des Sommers. An der Betteleich wurde Wasser wieder aufgefüllt, denn es war sehr heiß und wir mussten viel trinken, bis zu den Drei Kreuzen waren es dann nur noch "drei" Kilometer bis zur Mittagspause. Da haben wir alle Quark und Joghurt geteilt und das erste Mal Kaba unter alles gemischt. Seitdem ist das mein Lieblingsnachtisch. Nach dem Bibelteilen ging es weiter durch den Wald nach Cornberg und dann leider entlang der B27 auf einem Radweg bis Sontra.
Ich habe mich extra kurz gefasst, denn nun folgt der Tagesbericht unserer Tagespilgerin Barbara, die ich trotz großer Bedenken ihrerseits, zur Teilnahme überredet hatte mitzukommen und es einfach zu versuchen. Sie war schon abends da und hat uns bei der Ankunft in der Kirche mit ihrem Orgelspiel ungterstütz.
Hier nun ihr Bericht, der alles viel besser aussagt, als ich es könnte. Euer Hans-Werner
Pilgern - einfach so?
(Barbara Jordan, Rotenburg an der Fulda- Tagespilgerin)
Das geht nun gar nicht. Ich bilde mir ein, untrainiert von null auf zwanzig Kilometer laufen zu können. Von Rotenburg an der Fulda nach Sontra. Neues zu erleben, mich selbst zu finden. Mutig, nein, leichtsinnig, wie ich später feststelle.
Der Tag beginnt mit einem bewegenden Gottesdienst, in dem ich die Orgel spielen darf. Sehr aufregend, denn unten sitzen berühmte Pilger-Päpste, und der Gesang aus 65 Kehlen klingt einfach göttlich.
Dann geht's los. Schon vormittags ist die Hitze groß. Ich habe nur Heißes zu trinken mit und wenig, weil ich so ungern im Gebüsch verschwinden will.
Die Puncta:
Denkt nach über Euer Leben.
Ich denke, gehe, mir wird leicht um's Herz: Eigentlich ist heute alles gut wie es ist. Nur das Laufen wird schwer. Wie schön kann Schatten sein, wie wohltuend ein Windhauch! Blühende Felder duften betörend, Blicke über's Land sind unglaublich. Geh' aus mein Herz und suche Freud, würde ich denken, wenn das Knie nicht so schmerzte.
Gott sei Dank, endlich Mittagspause. Unter meiner linken Fußsohle bilden sich zwei große Blasen. Falsche Schuhe, falsches Getränk, falsche Vorstellung. Aber wie wunderbar ist der Waldboden zum Niederlegen (keine Unterlage mit), wie lecker rohe Gurke zum Butterbrot, wie delikat Naturyoghurt mit Banane.
Wegdösen. In Baumkronen träumen. Bibel teilen. Ich merke mir: Auch wenn ihr jetzt angefeindet seid, ihr werdet euch freuen. Und dann darf ich als Neuling ein Lied aussuchen. Natürlich, ich sah es beim Blick in den Himmel: Strahlen brechen viele aus einem Licht ..•
Weiter. Singend. Redend. Zähne zusammenbeißend.
Es wird eine Qual. Ich will so gerne alleine leiden, aber das läßt niemand zu. Man spricht mich an, lenkt mich auf nette Weise ab, will mir den Rucksack schleppen, gibt mir Stöcke. "Die Gruppe trägt dich!" hatte Hans-Werner versprochen. Und so ist es. Als ich dann die letzten Stufen zur Sontraer Kirche hinaufschleiche, steht er oben und jubelt mit mir:
Geschafft!
Stolz, Schmerz, Erschöpfung, und dennoch: Niemals erschien mir eine Kirche so köstlich kühl wie das Sontraer Gotteshaus. Wie bin ich dankbar, eines einzigen Tages mühevolle Pilgerwanderung bewältigt zu haben und mich nun auf die allerletzte Kirchenbank fallen zu lassen. Ich bin angekommen. Bei mir. Bei Ihm. Bei einem wunderbaren neuen Lebensziel. .. Übrigens: Inzwischen habe ich richtige Schuhe, passende Stöcke, qualifiziertes Lauftraining und den Wunsch, meine körperliche Leistungsfähigkeit den Forderungen meines Geistes anzupassen. Um wieder zu pilgern. Richtig.
Barbara Jordan, Rotenburg an der Fulda