Pilgern - Erfahrungsberichte

10.10.2010 Eschwege - Hülfensberg

Um 5 Uhr steht Wecken in unserem Quartier der St. Elisabeth Kirche in Eschwege an. Ich habe in der Kirche übernachtet und tief geschlafen. Der gestrige Tag war heiß, lang und anstrengend. Weder störte mich in der Nacht das Licht im Altarbereich für die Nachtanbetung, noch das Menschen in der ganzen Nacht aus und ein gingen. Lichter, die während der Nacht auf der Treppe brannten, wurden nun am Morgen gelöscht. Ich saß, wie einige andere, auf den Stufen und beobachtete dies mit einer gewissen Wehmut: Die Nacht ist vorüber, der Morgen graut…Um 7 Uhr waren die bestellten Frühstücksbrötchen da, eine große Kiste voll wurde uns direkt in den Essenssaal gebracht.
So gestärkt sagten wir "Danke allezeit Gott, dem Vater" und damit auch "Danke" speziell dem Pfarrer der Gemeinde, der in seiner freundlichen, zugewandten und zugleich zurückhaltenden Art ein geborener Gastgeber für uns war. Wir zogen mit Gesang von ihm weg und aus dem Quartier aus in Richtung Innenstadt um 7.30 Uhr.
Ziel war die Marktkirche in der Altstadt von Eschwege. Es ist "Sieglindes Kirche" und hier hielt sie für uns ab 8 Uhr einen Gottesdienst. Er begann mit Daten und Fakten, die staunen ließen: Seit 1000 Jahren wird in dieser Kirche Gottesdienst gefeiert. Eine Kirche, die zur Zeitreise einlädt, die uns verbindet mit Menschen aus längst vergangenen Epochen. Und wirklich: Der Gottesdienstraum wirkt zwar wie frisch renoviert, doch ohne das enorme Alter dieses Gebäudes zu überspielen. Man spürt: Diese Steine atmen 1000 Jahre Gebete und Geschichte! Evangelisch ist de Kirche seit 1526. Doch sie hat einen bedeutenden Gegenstand, der vor diese Zeit zurückreicht: Verwendet wird hier noch ein Abendmahlskelch aus dem Jahr 1433. Auch das ließ mich staunen: Wo gibt es noch so einen alten Kelch, der nach wie vor in Gebrauch ist? Für Sieglinde hat er auch eine ökumenische Bedeutung: Der Kelch hat die Zeit vor der Reformation erlebt. Er schenkt damit die symbolische Hoffnung, dass es auch wieder zu einer neuen Einheit kommen könnte.
Sieglinde stehen im Gottesdienst Ulrike und Peter zur Seite. Felix Arnold, Ulrikes Sohn spielt vortrefflich Klavier und begleitet unsere Lieder. Beeindruckend: Ulrike und Peter lesen den Predigttext aus der Offenbarung des Johannes aus dem 21. Kapitel mit verteilten Rollen. Veränderung steht an - Sieglinde leitet so ihre Predigt ein, denn um eine totale Erneuerung der Verhältnisse geht es in dem Text. Wie kann sie aussehen, diese Veränderung? Was wird alles neu werden? Ihre Antwort beginnt sie mit: "Ich will es so versuchen…" Was dann folgt, ist mir von Sieglindes Auslegung besonders stark in Erinnerung geblieben: Bei aller Vergebung, Zuwendung, Aufarbeitung, Nächstenliebe und Gottesnähe bleibt doch immer noch ein gewisser Rest an Wut, Neid oder anderen negativen Gefühlen, die wir empfinden. Das soll zukünftig nicht mehr sein. Dieser Rest wird ausgetilgt werden. Das ist eine echte Hoffnung - der Zuspruch an diesem Morgen für mich ganz persönlich aus der Predigt.
Nach dem Gottesdienst sammeln wir uns unter der Linde vor der Kirche. Wir gehen durch die Stadt, um dann einen schönen Weg direkt an der Werra entlang zu gehen. Gerhard, der heute unser Streckenmeister ist, erzählt uns von den Ausflugsdampfern dort, die man buchen kann.
Claudia hält ihre Punkta auf dem Weg am Stadtrand. Es ist ein Fahrradweg - und Spazierweg, und so mancher Radfahrer wundert sich über eine Gruppe, die konzentriert da steht und einem geistlichen Wort lauscht. Veränderung steht an, es geht nun bald wieder zurück in den Alltag. Welche Erfahrungen des Pilgerwegs nehme ich mit in den Alltag, was hat mich während des Weges berührt, und wie verändert es mich möglicherweise? Die anschließende Schweigezeit gibt Raum, das zu bedenken, auch, wer will, mit Hilfe von verschiedenen Versen, die Claudia auf kleinen Zetteln verteilte. Eine Körperübung mit einem Segen aus der ökumenischen Frauenarbeit gibt Claudia uns mit:
"Geist des lebendigen Gottes!
Erfrische mich wie Tau am Morgen.
Öffne mich.
Fülle mich.
Trage mich.
Forme mich.
Brauche mich.
Amen."
Diese Erfrischung können wir gebrauchen, denn der Schweigeweg ist hart: Wir gehen einen kerzengeraden Weg entlang in der brütenden Sonne, der mir ewig erschien. Die Hitze schien sich mit jedem Schritt zu steigern. Dabei haben wir jedoch in der Ferne eine hoffnungsvolle Aussicht: Wir laufen auf schattigen Wald zu und auf Hügel, zu denen der Hülfensberg gehört.
Im Ort Frieda Schweigenbrechen und eine kurze Trinkpause. Dann führt der Weg ansteigend in den Wald bis zu einem Punkt für eine Rast und Vesperbrot. Nach einer weiteren, nun recht geraden und entspannenden Waldstrecke folgt eine ausführliche Pause zum Trinken und Erholen.
Wir gehen nun bergan, an den Holzkreuzen entlang, die auf die Kapelle der Einheit zuführen. Hier erinnert ein Kreuz an einem bedenkenswerten historischen Punkt vor der Wende: Von dort konnte man früher vom "Westen her" am nahesten an den Hülfensberg heran. Dann kam die Grenze. Wir überschreiten sie heute Gott sei Dank problemlos und kommen in das Eichsfelder Örtchen Döringsdorf. Hier in und um die Kirche können wir Mittagsrast machen. Und der Pfarrer ist auch sofort vor Ort: Denn Rolf ist für dieses Kirchlein zuständig! Viel und oft wurde es heute schon unterwegs gefordert, und nun gern gesungen: Die Eichsfelder geben ihr Lied zum Besten, und es reizt immer wieder zum Schmunzeln. Dann essen und schlafen wir - für beides habe ich die schöne, kühle Kirche gewählt.
Zum Ende der Mittagspause folgt das Bibelteilen zum Text Off 21, 1-7.
Klaus lädt danach ein, die Rucksäcke in den Bus zu laden: So können wir unbepackt den Aufstieg zum Hülfensberg gehen. Wir betreten jetzt die "Zielgerade": Die Straße, die zum Hülfensberg hinaufführt. Rolf beginnt hier, Kreuzwegstationen zu beten. Diese sind für michun viele andere beim Pilgerweg immer ein sehr wichtiger und entscheidender Teil am Schluss. Oben angekommen, ziehen wir in die Kirche ein, und der Gehülfe empfängt uns freundlich lächelnd. Wir schweigen vor ihm und danken ihm. Einen freundlichen Empfang bereitet uns auch Bruder Heribert mit den Worten: Der Hülfensberg gehört euch!
Aus dem Gemüse von Bodo haben Ele und Ingrid mit viel Arbeit und Mühe eine sehr gute Suppe gekocht. Ingrid hat sich dazu extra hergekommen, denn sie hat zuvor den Weg unterbrochen und ist nach Hause gefahren, da ihr Mann einen Unfall erlitten hatte. Cordula wollte auch beim Suppenkochen helfen - doch ihr Zustand war gar nicht gut an diesem Tag. Also wurde der Ärztin Bettruhe verordnet. Der Nachtisch war eine leckere Quarkspeise.
Ich selbst aß Suppe und Quark etwa eine Stunde später ganz alleine im großen Saal. Vorher bekam ich nichts herunter, ließ meine Suppe stehen und rannte weinend aus dem Saal. Auf keinen Fall fühlte ich mich in der Lage, zum Segnungsgottesdienst zu gehen, und erst recht konnte ich in meinem Zustand nicht vorne stehen, um die Gedanken, Sorgen und Wünsche der Pilger in Gebet und Segen aufzunehmen. Ich war seelisch absolut leer, körperlich müde und ausgelaugt. Ich war am Ende, und mein Pilgerweg auch. War es vielleicht für mich der letzte Weg dieser Art?
Am Abend gab es noch Eis aus der Kühltruhe der Franziskaner, und auch aus deren Weinkeller durften wir ein Tröpfchen kosten. So ließen wir den Abend bei Gesprächen und gemütlichem Zusammensein ausklingen. Von Interesse war für einige auch noch das Spiel um den dritten Platz der WM. Deutschland spielte gegen Uruguay, darum gab es ein kleines, gemeinsames "Viewing" von Pilgern und Franzikanern im Fernsehzimmer.

Janina Richter