Pilgern - Erfahrungsberichte

11.07.2010 Hülfensberg

Das war himmlisch: Schlafen auf einer "richtigen" Matratze statt auf meiner dünnen Isomatte! Langsam merke ich doch meine älter werdenden Knochen und genieße den Luxus im Franziskanerkloster auf dem Hülfensberg. Schon vor dem Wecken um 6 Uhr wache ich entspannt und erfrischt auf, drehe mich aber noch mal genüsslich auf die Seite und lasse die Erlebnisse der vergangenen Pilgertage langsam vor meinem inneren Auge aufleuchten: Wunderbar war’s! Mächtig heiß und mächtig schön, mit innigem Schweigen und Sehnsucht vor Gott - und intensivem Hören und Reden miteinander. Ich habe diesmal den Eindruck, dass ich ein bisschen von dem "zurückgeben" kann, was ich an Begleitung und Hilfestellung bei den letzten Pilgerwegen von meinen Schwestern und Brüdern bekommen habe. Ich fühle mich so frei, so leicht, so reich beschenkt: Gott sei Dank!

Um 6.45 Uhr treffen wir uns zum leckeren Frühstück und schließen um 7.30 Uhr mit einer Feedback-Runde. Wie viel Dank, wie viel erlebte Güte von Gott und Men-schen kommt da rüber; ich bin bewegt und beglückt. Aber auch konkrete Verbesse-rungsvorschläge werden genannt. Ich schließe mich der Initiative von Ursula an, die "Intensiv-Schnarcher" mit roten Punkten zu kennzeichnen und in eine extra Unterkunft zu verbannen. (Während der Nacht-Anbetung in Eschwege gab es ein Schnarch-Konzert der Extraklasse aus drei putzmunteren Kehlen…) Ein dickes Dankeschön ans Leitungsteam und alle, die in vielen kleinen und großen Bereichen auf dem Weg Mit-Verantwortung getragen haben, schließt unsere Runde ab.

Kurz nach 9 Uhr versammeln wir uns vor der Kirche mit Singen und Beten und verbrennen dabei unsere Fürbitten-Zettel, die wir am Kreuz mit auf den Weg genommen haben. Wir wünschen uns, dass Gott unsere Bitten hört und erhört; wir lassen sie los und aufsteigen zu ihm. Es ist für mich ein ganz inniger Moment. An-schließend tanzen wir, angeleitet von Ele, den Lastenträger-Tanz im Pilgerschritt und zelebrieren ihn als Teil unseres Übergangs in den Alltag. Danach gibt Peter den Impuls, dass wir uns unsere Hände über Kreuz reichen und so noch einmal spüren, wie stark wir miteinander und mit unserem Vater im Himmel verbunden sind. Danach der Abschied: innige Umarmungen und liebevolle Segenswünsche; welch ein Glück, dass wir so miteinander unterwegs sein durften!

Der Gottesdienst auf dem Hülfensberg steht unter dem Thema "Suchen und Finden". Auf die Frage: "Wer ist mein Nächster?" erzählt Jesus die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Franziskanerpater Heribert Arens gestaltet die Predigt so lebendig, dass ich ganz in die Geschichte hineingezogen werde. Lieder und Gebete ergänzen das Gehörte in wohltuender Art und Weise - und ich nehme den Segen als ganz persönlichen Zuspruch Gottes in mich auf.

Wir verabschieden uns vom Hülfensberg und fahren als kleine Gruppe weiter zum Kloster Germerode, um am Gottesdienst anlässlich der Gründung des Communitätskonvents teilzunehmen. Wir bereichern als "Pilger-Chor" den Gottes-dienst mit unserem Lied "Pilger sind wir Menschen…". Bischof Martin Hein predigt über 1. Korinther 1,9: "Denn Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemein-schaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn." Die Sendung und Segnung der Mitglieder des Communitäts-Konvents Germerode empfinde ich als Höhepunkt. Dazu passt das Lied, das wir anschließend gemeinsam singen:

Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist;
weil Leben heißt: sich regen, weil Leben wandern heißt.
Seit leuchtend Gottes Bogen am hohen Himmel stand,
sind Menschen ausgezogen in das gelobte Land.

Vertraut den neuen Wegen und wandert in die Zeit!
Gott will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid.
Der uns in frühen Zeiten das Leben eingehaucht,
der wird uns dahin leiten, wo er uns will und braucht.

Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt!
Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land.
Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit.
Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.

Im Abendmahl verbinden wir uns miteinander und mit unserem Herrn Jesus Christus - und werden mit dem Segen in unser Leben entlassen. Anschließend spazieren wir von der Kirche zum Neubau, hören etwas zur Entstehungsgeschichte und erleben die Übergabe des symbolischen Schlüssels mit. Es ist interessant, das neue Haus in Augenschein zu nehmen und neugierig in die Räume hineinzuschnuppern. Mir gefällt der Andachtsraum besonders gut - und der intensive Geruch des Holzes. Danach nehmen wir unter den Bäumen im Klosterhof Platz und lassen uns leckeren Kuchen schmecken: Ein herrlicher Fest-Tag!

Und dann heißt es endgültig Abschied nehmen. Gudrun nimmt Klaus und mich mit nach Melsungen - und im Auto sprudeln wir nur so über von unseren Erlebnissen auf dem Weg. Wir unterbrechen uns immer wieder gegenseitig beim Erzählen, was wir besonders schön und wertvoll fanden. Nächstes Jahr will Gudrun auch wieder mit dabei sein. Klaus kommt noch mit nach Kassel - und so können wir die Pilger-Woche gemütlich ausklingen lassen beim Abendessen auf meinem Balkon: Wieder Zuhause sein ist auch klasse! Ein dickes Dankeschön an meinen Vater im Himmel und meine Geschwister auf dem Weg: Es ist wunderbar, dass es Euch gibt!!!

Margit Lambach, Kassel