Pilgern - Erfahrungsberichte

09.07.2010 Sontra - Eschwege

Fünf Uhr wecken?! Das ist nicht Euer ernst, oder? Gestern
abend war ich bei diesem Entschluss der Pilgerleitung
entsetzt. Doch dann erhallt Ulrikes engelsgleiche Stimme am
nächsten Morgen durch die Kirche in Sontra und die Welt
sieht schon wieder ganz anders aus. Ich ziehe meine
Ohrstöpsel raus und schaue mich um: die Meisten schlafen
noch, dass Sonnenlicht scheint wunderbar durch die großen
Fenster der Kirche.
Nach einer kurzen Morgenandacht geht’s los, wir wollen keine
Zeit verlieren und möglichst viel von der morgendlichen
Frische nutzen, bevor es wieder so heiß wird.
In der Punkta teilt uns Manfred Blätter in der Form von einer Schuhsole aus. Er gibt uns Anregungen über
die Metapher nachzudenken und unsere Gedanken auf dem Schuhprofil zu notieren. Wie trägt mich mein
Fuß? Was gibt mir Stabilität? Jeder Schritt hinterlässt eine Spur, eine Hoffnungsspur für Nachfolgende, die
sich an ihr orientieren können, wenn sie nicht wissen, wohin sie gehen sollen. Welchen Spuren folge ich? Für
wen bin ich selbst der Hoffnungsträger? Diese Wirklichkeit, dass wir die Hoffnungsträger sind, macht mir
Mut. Wir sind nicht so klein, wie wir uns manchmal fühlen. Die Welt ist groß, aber ich habe einen Platz und
eine Aufgabe in ihr.
Schweigend gehen wir weiter, Zeit für uns, naja, nicht ganz, die Bremsen respektieren es wenig, dass wir
nachdenken wollen, sie greifen erbarmungslos an.
Nach einer kurzen Rast bei der Bernerburg geht es mit dem Herzensgebet weiter. An einem Bach machen wir
noch eine Trinkpause und stärken uns mit Möhren, die extra mit unserem "Autocateringservice" gebracht
wurden. Anschließend hält Rolf die Mittagsandacht und nur mit
Mühe können wir uns danach überwinden von unserem
schattigen Plätzchen wieder aufzubrechen und in der prallen
Sonne weiterzulaufen. Schweißperlen stehen jedem im Gesicht,
als wir uns den Berg vor Langenheim hochkämpfen. Wer noch
Kraft hat hilft den andern wie er nur kann, sei es dass man den
Rucksack des anderen trägt oder ihn sogar aktiv den Berg
hochzieht.
Doch dann kommt endlich die lang ersehnte Mittagspause auf
dem Berg. Wir lassen alles stehen und liegen, unsere Körper
fordern einen Ausgleich für die Anstrengungen, genüsslich
werden noch Reste vom Braten verputzt und es gibt sogar Jogurt mit frischem
Obst aus Brunhildes Garten. Sobald der große Hunger gestillt ist hört man auch
schon das erste Schnarchen, welches nach kürzester Zeit zu einem ganzen
Scharchkonzert aufsteigt.
Viel zu kurz erscheint mir die Entspannungszeit, aber pilgern bedeutet ja nicht
eine Woche laufen und dabei nichts machen, sondern auch die
Auseinandersetzung mit unserem Glauben und der Religion, also ist jetzt
Bibelarbeit angesagt: Marias Lobgesang (Lukas 1,46 ff.). Es heißt "Er stößt die
Gewaltigen vom Thron / und erhebt die Niedrigen.": wir diskutieren, ob sich diese Aussage mit der
knallharten Realität in Einklang bringen lässt.
Am frühen Abend kommen wir in Eschwege an, dort heißt uns eine wunderbar kühle Kirche willkomen. Die
örtliche Schule, die sich gleich nebenan befindet, wird extra für uns geöffnet und wir haben die Möglichkeit
zu duschen, aaah, das tut gut. Ich wasche die ganze Anstrengung von mir ab und genieße das warme Wasser.
Ich fühle mich wie neu.
Das Abendessen ist heute etwas ganz besonderes: Bodo und Janina haben Hochzeitstag und aus diesem
Anlass ist es uns vergönnt die Pilgerregeln zu brechen und nach Herzenslust zu laben. Es gibt herrliche
Aufläufe, Eis, alkoholische Getränke, und, und, und.
Der Abend wird von einer wunderbaren Andacht von Rolf abgerundet und geht dann über in die
Nachtanbetung. Mir kommt ein Taizélied in den Sinn: "Bleibet hier und
wachet mit mir, wachet und betet."
Tabea Gottfried