Pilgern - Erfahrungsberichte

18.07.2011 Brotterode - Engelsbach

von Ulrike Arnold

Im Speisesaal der Grundschule Brotterode werden wir mit leisen Gitarrentönen zum Frühstück empfangen. Arne und Wolfgang sind noch am vorhergehenden Abend zu uns gestoßen und werden nun herzlich begrüßt. Im Morgengebet wird uns ein Zitat aus dem Buch der Sprüche mit auf den Weg gegeben: "Wenn eines Menschen Wege dem Herrn wohl gefallen, so lässt er auch seine Feinde mit ihm Frieden schließen".
In der Kirche von Brotterode feiern wir die Heilige Messe. Wir hören auf eine Geschichte, die der Evangelist Lukas (Kap. 6) erzählt. Lukas berichtet, wie Jesus am Sabbat einen Mann mit einer verkrüppelten Hand heilte. Bruder Rolf sagt in seiner Predigt, dass diese Geschichte einer seiner Lieblingstexte sei: Jesus fordert den Missgebildeten auf, sich nicht länger zu verstecken, sondern sich in die Mitte zu stellen! Jesus will, dass der Mensch mit der verkrüppelten Hand seine Schwäche zeigt, dass er dazu steht und sich nicht länger verstellt und versteckt. Und Jesus macht durch seinen Blick deutlich: Du bist mir wichtig! Jesus sieht aber auch die Pharisäer und Schriftgelehrten an, die nur darauf warten, Jesus bei einem Regelverstoß zu ertappen, und fordert sie so zum Guten heraus. Ob sie verstehen werden, dass der Sabbat ein Tag sein soll, an dem Leben ermöglicht anstatt verhindert wird? Denn es ist besser, am Sabbat Gutes zu tun als Böses. Und genau das tut Jesus: er heilt den Missgebildeten.
Wir brechen auf in einen trüben und kühlen Tag. Auf einer Anhöhe oberhalb des Ortes machen wir Halt zur Puncta. Margit lässt uns in die Geschichte aus dem Lukasevangelium noch einmal intensiv eintauchen. Wir werden aufgefordert, uns in die Personen aus der Geschichte hineinzuversetzen und ihnen Gedanken, Stimmungen, Gefühle in den Mund zu legen. Was geht wohl einem der beobachtenden Schriftgelehrten durch den Kopf, was den Umstehenden, die die Szene beobachten? Was fühlt der Behinderte, als Jesus ihn auffordert, sich in die Mitte zu stellen? Wir fühlen uns ein, wir äußern spontan, was uns durch den Kopf geht, wir werden Teil dieser Geschichte. Ob man mit dieser Methode (sie heißt Bibliolog) auch Gottesdienste mit kleinen Gemeindegruppen gestalten könnte?
Ein allmählich, aber stetig bergauf führender Anstieg bringt uns hinauf zum Großen Inselsberg, dem mit 916 Metern Höhe von weither sichtbaren Wahrzeichen des Thüringer Waldes. "Von hier hat man einen fantastischen Blick", schwärmt Manfred. Doch an diesem Morgen "ist unser Glaube gefragt", fügt er hinzu. Der Inselsberg ist eingetaucht in Nebel und Feuchtigkeit, die Sicht beträgt nur wenige Meter, der Sendeturm ist nicht zu sehen, von der Landschaft unterhalb des Berges ganz zu schweigen. Für einen kurzen Moment reißt die Wolkendecke auf und gibt den Blick auf einen Fetzen blauen Himmels frei. Einige stimmen das Rennsteiglied an. Es ist ebenso wie das Eichsfeldlied ein Lied, das aus der Sehnsucht nach der fernen Heimat geboren wurde.
Ein steiler Abstieg führt uns wieder hinab vom Inselsberg. Um 13.15 Uhr haben wir das Ziel für unsere Mittagspause erreicht: das Spießhaus, ein Gelände mit einer großen Wiese und Fe-rienhäusern. Dort werden die mitgebrachten Butterbrote ausgepackt, eine packende Zusam-menfassung des WM-Frauenfußball-Finales gegeben oder Gesundheitstipps ausgetauscht.
Der Königsweg bringt uns nach Engelsbach. Am Ortsrand lassen wir aus auf einer Wiese, die mit Kirschbäumen bestanden ist, zum Schriftkreis nieder. Wider Erwarten wärmt uns die Sonne und wir genießen die Runde im Gras. Und noch einmal geht es um die Geschichte aus dem Lukas-Evangelium. Immer neue Aspekte werden zusammengetragen und ausgetauscht, immer lebendiger wird uns diese Geschichte, immer näher rückt sie uns.
In Engelsbach sind wir in einem Freizeitheim untergebracht, das zu einem Hotel gehört. Dieses ehemalige Betriebs-Ferienheim aus DDR-Zeiten wird heute von holländischen Baptisten betrieben und hauptsächlich von christlichen Gruppen für Freizeiten genutzt. Wir sind in Mehrbettzimmern mit Dusche und WC untergebracht und genießen diesen Komfort, aber auch das gute Essen, das die Holländer uns auftischen - auch wenn wir ihnen "Apfelsaftschorle" oder "Pfefferminztee" auf dem Bestellblock notieren müssen, damit wir auch das richtige Getränk bekommen ….

Ulrike Arnold