Pilgern - Erfahrungsberichte

19.07.2011 Engelsbach - Neufrankenroda

von Margit Skopnik-Lambach

Ein Sonnenstrahl kitzelt mich an der Nasenspitze: Wie schön! Ich schlage langsam die Augen auf und schaue auf meinen Wecker: Es ist genau sechs Uhr. Ich räkele mich noch mal genüsslich, ehe ich aus dem Hochbett klettere. Im Dösen habe ich schon das Weck-Lied von Cordula und Eberhard gehört und es klingt beim Aufste-hen weiter in mir nach. Anna, Elfi, Christina, Cilly und ich teilen uns ein Zimmer mit Bad; welch ein Luxus!

Um 6.30 Uhr treffen wir uns mit Martina im Nebenraum, um unseren Körper zu we-cken und klopfen uns gegenseitig in kleiner Runde den Rücken wach. Als wir auf den sonnigen Vorplatz treten, lädt Manfred alle, die Lust haben, zur Energie-Übung ein. Klar, doppelt hält besser; da mache ich gleich noch mal mit. Immer mehr Pilge-rinnen und Pilger klinken sich ein, so dass zum Schluss fast die Hälfte der Gruppe im Kreis steht. Zum Abschluss geben wir gemeinsam das Tauf-Erinnerungs-Versprechen: "Ich entsage dem Bösen. Ich gehöre Dir, Christus - mein Heiland, mein Haupt, mein einziges Leben." Unser Pilger-Thema mit der Jahreslosung ist so schon am frühen Morgen präsent.

Wir bleiben noch im Schweigen und gehen zum Restaurant Engelsbach. Nach dem Morgengebet und Segen von Pater Rolf brechen wir das Schweigen und singen aus vollem Herzen "Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren." Anschließend genießen wir das vom Hotel vorbereitete Frühstücks-Büffet: einfach lecker!

Unser Kreuz ist wieder wunderschön geschmückt: Regina hat ein Händchen dafür, es jeden Morgen neu zu gestalten - und bekommt einen dicken Applaus dafür. Wolfgang führt uns die erste Strecke bis nach Friedrichroda - und bald sind alle in intensive Gespräche vertieft. In der schönen Kirche halten wir inne. Mich berührt besonders die Rosette in der Stirnwand, auf der Christus im Regenbogen-Kreis mit einer zum Himmel gewandten, empfangenden Hand und einer gebenden, segnenden Hand dargestellt ist. Als dann der mächtige Orgelklang einsetzt, zucken einige zusammen: so laut sind wir es nicht mehr gewöhnt! Michael dankt für den freundlichen Empfang und wir singen gemeinsam: "Lobet den Herren". Dann liest Michael aus Markus 1 die Verse von dem Mann, der von einem bösen Geist besessen ist. Anhand dieser Geschichte berichtet er von seiner Arbeit als Klinikseelsorger für Menschen, die in Abhängigkeiten von Suchtmitteln geraten sind - und beschreibt ihren Kampf um Autonomie. Im Glauben wird Abhängigkeit dagegen sehr positiv dargestellt: an Gott hängen, sich an Ihm festhalten. Richtig gut gefällt mir, wie Michael sagt: "Wir sind verbunden und verwoben mit Menschen in Gott. Gott will freie Menschen, die sich mit ihm verbinden und verbünden." Das Lied: "Kommt mit Gaben und Lobgesang" leitet dann unsere Mahlfeier ein. Wir versammeln uns im Kreis um den Altar und feiern unsere Gemeinschaft miteinan-der und mit Gott.

Nach dem Segen und einem Musikstück von Cordula und Martina verlassen wir die Kirche und machen uns auf den Weg zu den Schönstatt-Schwestern. Beim Aufgang zum Park stehen Tafeln mit Worten von Rudolf Otto Wiemer, der aus Friedrichroda stammt. ("Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel…") Wir lassen die Worte am Weg, die Kapelle und den schönen Park auf uns wirken. Die Schwestern begrüßen uns freundlich und Schwester Ernestine erzählt uns von dem Werdegang und den Aufgaben ihrer Gemeinschaft.

Wir wandern weiter nach Reinhardsbrunn. Dort empfängt uns ein Vertreter des Thüringer Pilgerbundes und führt uns in die kleine Johanniskirche. Sie steckt voller Symbole und beherbergt unter anderem eine Grabplatte von Ludwig II. und ein Fensterbild der Heiligen Elisabeth. Wir finden gerade so Platz in dieser kleinen Kapelle. Es gäbe noch viel auf dem großen Gelände zu entdecken, aber wir müssen weiterziehen. Nach dem Mittagsgebet gehen wir noch bis zu einem schön gelegenen See, wo wir unsere Mittagspause halten. Ingrid und ich erfrischen unsere Füße im kalten Wasser und dösen ein wenig in der warmen Sonne.

Hermann hält anschließend die Puncta und liest aus den Abschiedsreden Jesu Johannes 16,33 vor: "In der Welt habt ihr Angst." Er beleuchtet eine Reihe von Miss-ständen in unserer Welt und fragt, was wir der Erde antun und wie wir sie für die nachfolgende Generation hinterlassen. Streben nach Macht, Besitz, Genuss und Konsum in allen Bereichen des Lebens ist eine Auswirkung des Bösen - und übt doch manchmal eine große Faszination aus. Am Schlimmsten ist es, wenn sich das Böse als vermeintlich Gutes tarnt. Ja, wir haben Angst in dieser Welt - aber wir dürfen getrost sein, weil Jesus uns zusagt: "Ich habe die Welt überwunden." Jesus handelt machtvoll: Er tritt dem Bösen entschlossen entgegen - und hilft den Schwachen, kraftvoll zu werden und gegenüber dem Bösen zu bestehen. Zwei Fragen gibt Hermann uns mit auf den Weg:

1. Welche Form/Variante des Bösen macht mir zu schaffen, macht mir Angst?
2. Was gibt mir Lebensmut und Glaubenskraft in meinem ganz normalen Alltag? Ohne sie bin ich eine "lame dug", eine lahme Ente, haltlos gegenüber dem Bösen, unfähig, mich ihm zu stellen oder es gar mit Gutem zu überwinden.

Und dann steht noch ein Zitat von Karl Valentin auf dem Zettel, den Hermann vorbereitet hat: "Man soll die Dinge nicht so ernst nehmen, wie sie sind." Ich halte mich an dieses Zitat, weil die Schwere der Welt und des Bösen mich so oft gefangen nimmt - und erinnere mich an das Leichte und Schöne und Merk-Würdige, das mir bisher auf dem Weg entgegen gekommen ist. Das Weitergehen im Schweigen tut mir wie immer sehr gut; ich bin ganz bei mir und ganz bei Gott: aufgefangen, behütet, geborgen. Nach einer Stunde Schweigen bin ich ganz gesammelt und gefüllt mit Zuversicht und Hoffnung, mich dem Bösen entschlossen entgegen stellen zu können. Der anschließende Austausch ist intensiv und wertvoll; ich fühle mich reich beschenkt.

Am Nachmittag sortieren wir uns wieder in die drei "Gebets-Gruppen" Rosenkranz, Herzensgebet und Schweigen. Ich leite die Gruppe mit dem Herzensgebet an und lasse zunächst das "Wahrnehmen" einüben: fünf Minuten nur schauen, fünf Minuten nur hören, fünf Minuten nur fühlen. Anschließend machen wir uns bewusst, wo wir selbst in unseren Befürchtungen "stecken geblieben" sind und beten mit dem Atem: "Herr Jesus Christus - erbarme Dich meiner". Und bei der nächsten Einheit stellen wir die Namen von Menschen in unsere Mitte, die in Ängsten gefangen sind und beten dann für sie "Herr Jesus Christus - erbarme Dich ihrer."

Schon kurze Zeit später erreichen wir Neufrankenroda und Siloah e.V. - eine enga-gierte Familien-Kommunität. Eine besondere Aktion ist es, als wir uns gegenseitig die Füße waschen. Ich genieße das Waschen und liebevolle Eincremen von Marti-na. Danach beziehen wir unsere Zimmer und bekommen ein leckeres Essen serviert. Pater Rolf leitet das Nachtgebet mit einem Tagesrückblick ein: Ja, das war ein langer Tag mit vielen intensiven Eindrücken: Danke, lieber Vater im Himmel!
Margit Skopnik-Lambach, Marburg