Pilgern - Erfahrungsberichte

21.07.2011 Behringen - Kammerforst

von Norbert Kämnitz

Zum Schlafen hatten wir uns in der Nacht zum Donnerstag in der Turnhalle Behringen einquartiert. Leslie, Peter, Iris und ich nahmen das Angebot an, in der Kirche übernachten zu dürfen. Breite, knarrende Holzdielen und eine wunderbare Akustik in unserer Nähe. Die sanften Stimmen von Iris und Doris weckten uns morgens 6.00 Uhr mit einem Lied. Ein herrlicher Morgen!

Treffpunkt 7.00 Uhr zum gemeinsamen Frühstück im Pfarrhaus, im Anschluss Gottesdienst mit Feier des heiligen Abendmahles . In ihrer Predigt sprach unsere Pfarrerin Iris Worte, die uns allen unter die Haut gingen. Eine Jüdin hatte ihr Schicksal der Verfolgung und Deportation ins Lager während der Naziherrschaft mit der Kraft ihres Glaubens annehmen können. ("Das denkende Herz” von Etti Hillesum).
"Schlägt Dir jemand auf die linke Wange, so halte ihm auch die rechte hin”.
Wie sich im Spannungsfeld zwischen Ertragen, Flüchten oder Kämpfen als Christ zurechtfinden? Das Thema beschäftigte uns

.Abschied vom Gemeindepfarrer Kempe, Der freundliche Pfarrer lebt und liebt den Mut zum Ich. Prima !
Endlich Aufbruch. Leslie darf anfangs das frisch geschmückte Kreuz vorantragen. Martina trägt neben ihrer Gitarre und ihren wunderbaren roten Haaren heute die rote Laterne am Ende unsere Gruppe.

Ein traumhaft schöner Wiesenpfad führt uns hinauf gen Hainich. Diesiges Wetter, leichter Wind und Regen scheinen sich anzukündigen.
Erste Rast am aufgelockerten Waldrand. Wolfgang Hofmann, mein alter Klassenkamerad, hält heute die Punkta "Lass Dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde es mit Gutem”. Wolfgang findet die richtigen Worte. Seine Geschichtskenntnisse helfen ihm dabei. Zu viele verbitterte Menschen leben auch in unseren christlichen Gemeinden. Vergebung und Vergeben sind als zentrale Aspekte christlicher Nächstenliebe in den Blick gerückt.
Mit Thesen zur Vergebung gehen wir im Schweigen nachdenklich weiter. Doris übernimmt das Kreuz. Beim Aufbruch bemerke ich, dass mein Rucksackriemen am letzten Faden hängt. Nähen geht nicht. Peter hilft und konstruiert mit Schnur ein Provisorium, das bestens bis nach Hause gehalten hat. Danke Peter!

Auf breitem, kalkhellem Weg neben einer kleinen nach vorne offenen Schutzhütte ertönt unser Lied: ”Großer Gott wir loben Dich”. Wie gehen wir mit seelischen Verletzungen um? Wolfgang vertieft und erweitert sein Thema. Vergebung ist im Leben nicht die Regel, sondern eher das Wunder, so ergänzt Manfred Gerland. Dazu und zu Schuld und Sühne wird Manfred später predigen.
Unter einer Kuppel aus hochgewachsenen Buchen und Wolkenbergen hält Bruder Rolf das Mittagsgebet. Ich wünschte, ich könnte jeden Tag nach diesem Gebet leben, mitten am Tage innehalten, Halt machen bei Gott, auf die innere Stimme hören.

12.40 Uhr Mittagsrast, den Schweiß von der Stirn wischen, gelöstes Lachen dringt vor .Nach intensiven Gesprächen unterwegs nun loslassen.
Guten Appetit!

Nach einer Stunde geht’s weiter, schnell frischt der Wind auf. Ehe die Gruppe so "aus dem Knick” kommt, denke ich. Das Kreuz ist nun bei Karl gut aufgehoben, dem seine 75 Jahre nicht anzumerken sind. Noch vor dem Hochwald pladdert es aus allen Wolken. Nun haben wir auch unseren Starkregen.

Verschnaufen können wir an der 1000-jährigen Betteleiche, nass, aber glücklich. Gruppenfoto!
Dann im Gehen Meditieren, Rosenkranz, Herzensgebet oder Schweigen.
Renate, unsere Gastpilgerin aus Erfurt, geht heute schon den zweiten Tag mit uns wie ganz selbstverständlich. Sie gehört jetzt zu uns.

Der Weg zieht sich. Meldet sich da schon wieder Hunger? Spontan werden in Höhe Antoniusherberge die letzten Vorräte aus den Rucksäcken geplündert. Unser Wegemeister wird langsam unruhig und scharrt schon mit den Hufen. Die Gruppe hat die Ruhe weg. Manfred reicht Gummibärchen herum, nach 3 Minuten hält eine Plombe in meinem Unterkiefer rechts dieser Belastung nicht stand.

Unser Tagesziel Kammerforst wecken wir gegen 17.30 Uhr mit Gesang:
”Ich habe Freude in meinem Herzen”. Mir gefällt die Kirche im Ort mit ihrer Deckenmalerei und einer Kanzel in luftiger Höhe. Rolf dankt Gott im Gebet für den Tag mit Sonne, Regen Wind, Feuchtigkeit und Dunst, dem Rauschen der Blätter.
Überraschung: Heute ist ein Saunagang möglich. Die Wirtsleute vom "Braunen Hirsch” leihen uns sogar Badetücher aus. Die Hitze durchwärmt und durchblutet unsere geplagten Muskeln. Eine Wohltat. Zum Abendessen wird "ökumenischer Gulasch” mit Spirellis serviert (natürlich gemischter Gulasch). Kann man weiterempfehlen.

21.00 Uhr in der Kirche: Hier probt bereits unser Chor.
"Wir gehen weiter auf dem Weg mit Gott”, mehrstimmig! Kurt, der sich als Chorleiter outet, beherrscht die Szenerie bewundernswert. Er macht das unglaublich gut. Ich kann mich nicht erinnern, seit meiner Studentenzeit so oft gesungen zu haben. Den Gottesdienst hält Rolf.

So viele Luftmatratzen und Schlafsäcke hat wohl der Saal im "Braunen Hirsch” noch nicht gesehen. Bin ich wirklich so müde? Lang ausstrecken, tief durchatmen, träumen, schlafen.
Gute Nacht!
Bis zum Wiedersehen im kommenden Jahr!

Norbert Kämnitz auf dem ersten Pilgerweg meines Lebens.