Pilgern - Erfahrungsberichte

23.07.2011 Diedorf - Hülfensberg

von Wolfgang Krahn

Der letzte Tag des Pilgerwegs war für mich ein "Erntetag". Die auf unserem Weg gemachten Erfahrungen zum "Umgang mit dem Bösen" tauchten nochmals auf und fügten sich zu einem "göttlichen Rat" zur Überwindung des Bösen durch gutes Denken, Fühlen und Tun zusammen. Deshalb breite ich die von mir vernommenen Gedanken ausführlich aus und hoffe, dass sie uns in unserem Alltag zum Umsetzen anregen und helfen.

Der Tag begann mit Luthers kraftvollem "Als dann mit Freuden ans Werk gegangen"
und etwas frohlockend ging es mit dem altbekannten Lied "Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobet der Name des Herrn" hinein in Gottes wunderbare Natur.

Unser erstes Ziel war der Katharinenberg. Ein besonders heiliger Ort für die Eichsfelder unter uns. Dort breitete Peter in der Puncta seine Gedanken zur Überwindung des Bösen durch Gutes vor uns aus. Peter kritisierte die heute weit verbreitete Verunglimpfung des Guten Tuns als Gutmenschentum und die Verherrlichung des Wolfsgesetzes ("Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf"."Survival for the fittest") in der allein der egoistische, am Eigennutz orientierte Erfolgsmensch zählt und die Welt deshalb den derart Tüchtigen zu gehören scheint.
Für Peter ist dies eine Fehlentwicklung, für ihn ist der Tüchtigere, derjenige der sich besser mit der Umwelt austauschen kann, derjenige der das gemeinsame Wohl anstrebt ("Gib und du
bekommst etwas zurück"), denn der Mensch ist biologisch -von Gott- angelegt als ein in die
Natur eingebundenes aufeinander angewiesenes Wesen. Mir fällt dazu ein: Die moderne Hirnforschung hat nachgewiesen , dass jeder Mensch durch die biologische Ausstattung mit sogenannten Spiegelneuronen zur Empathie befähigt ist…Und. Der heilige Franz sah uns als Menschen, die durch eine Nabelschnur der Schwesterlichkeit und Brüderlichkeit miteinander verbunden sind, weil wir ununterbrochen mit Gott in Verbindung stehen und in den Händen des gütigen Vaters geborgen sind…Heute sagt man wir sind vielfach vernetzt (durch und auch für Gott) Peter fasste zwischenzeitlich zusammen:

Unmenschlichkeit lässt verlieren.

Wer tötet nimmt selbst Schaden. In jüngster Zeit berichteten die Medien wie heimkehrende
Soldaten unfähig sind am normalen mitmenschlichen Leben teilzunehmen. Sie sind äußerst
beschädigt, ihre Gefühlswelt ist zerstört, sie sind traumatisiert , ihren quälenden Erinnerungen
sind sie total ausgeliefert. Wer unmenschlich denkt und handelt entfernt sich von Gott und zerstört so sich und da er auch immer Teil eines Ganzen ist, außerdem auch noch die ihn umgebenden Verhältnisse, seine Familie, die Gesellschaft…..

Doch wie kann man dem Bösen widerstehen?

Peter erinnerte -positiv- an die uns schon bekannte Etti Hillesum, die in einer aussichtslosen Situation, auf der schwachen Seite stand, als Naziopfer ihr Leid annahm und
all ihre Kraft darauf richtete ihr Inneres zu schützen, den Wohnort Gottes, um damit den mit-
leidenden Gott vor dem enthemmten Bösen der Nazischergen zu schützen. Nur mit Gottes Hilfe konnte sie ihre Seele davor schützen, vom Bösen infiziert zu werden. Dieser Weg bewahrte sie davor bei der Verbreitung des Bösen mitzumachen. Etti schrieb:
"Ich ziehe das Gebet wie eine dunkle schützende Wand um mich hoch,…und wenn Gott mir nicht weiterhilft, dann muss ich Gott helfen… …Ich will dir helfen, Gott, dass du mich nicht verlässt… Es ist das Einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir ist in uns selbst zu retten.
Und vielleicht können wir mithelfen, dich in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen zu lassen…körperlich wird man zwar etwas mitgenommen und bodenlos traurig, aber im Innersten wird man immer stärker."
So ging sie in Auschwitz in den Tod.

Einen zweiten (vielleicht männlichen) Weg, den des offenen Widerstands, stellte Peter dann am Beispiel von Franz Jägerstätt vor. Franz weigerte sich während der Nazizeit am Krieg
Nazideutschlands teilzunehmen. Öffentlich begründete er aus seinem Glauben heraus seine
Kriegsdienstverweigerung und lies sich auch nicht von seinen wütenden Nachbarn und den
ihm das Leben retten wollenden Beschwichtigungsversuchen seines Bischofs umstimmen.
Am 9.8.1943 wurde er enthauptet.
Franz lebte in der Nachfolge Christi, er trat "mit der Rüstung und den Waffen des Evangeliums"(so Manfred!) ein für Gewaltlosigkeit, Feindesliebe und die Seligpreisung der Friedenstifter. Er war in seinem Gewissen allein Gott gegenüber gehorsam und schöpfte daraus seine Kraft.
Franz wollte "hinein ins Reich Gottes…im Innersten (so schrieb er) wird man stärker. Ich werde…viele Gespräche mit dir (Gott) führen und dich auf diese Weise hindern, mich zu ver-
lassen …und dir treu bleiben…vielleicht können wir mithelfen, dich in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen zu lassen…heraus aus dem Reich der Sünde."
Franz blickte dabei als ein "wacher" Mensch hinter die Masken der Propaganda, hinter die Rhetorik der Verführung. Ihm ging es darum Antriebe, Motive, Kräfte, Strömungen, Tendenzen und mögliche Entscheidungen im individuellen und politischen Bereich zu Ende zu denken. Entscheidend für sein Handeln war die Frage, was auf Dauer zu mehr Trost, d.h. Zuwachs an Glaube, Hoffnung und Liebe führt, mit Gott als Mitte und Zentrum des Lebens..
Am 7.5.1997 (!) wurde Franz Jägerstätt vom Landgericht Berlin rehabilitiert.

Ist das auch unserer Weg?
Gott im Inneren schützen und mit der Rüstung und den Waffen des Evangeliums
Gott im Äußeren bezeugen und Widerstand leisten?

Peter spannte zum Abschluss seiner Puncta den Bogen bis in unsere heutige Lebenszeit und sprach das Thema Mobbing an. Mobbing ein perfides, menschenverachtendes und Menschen
bewusst zerstörendes Handeln von boshaften Mitmenschen. Seiner Meinung nach sollte da die Gemeinschaft der Gläubigen, die Nächstenliebe, das gegenseitige einander Dienen Gott im Alltag bezeugen und dem Bösen Widerstand leisten. Und er beschäftigt sich demzufolge mit der Frage, wie man aus dem Teufelskreis des Bösen heraustritt. Er stellte die Frage:

"Was kann ich dem der quält und dem der gequält wird Gutes tun?"

Peter gab uns für unsere Schweigezeit nach der Puncta einen handlichen Denkzettel mit:

. Wer ist / wer war für Dich ein Feind?
. Was könntest Du ihm Gutes tun?
. Bitte Gott für deinen Gegner und bitte Gott für Dich.

Im Schweigen rief ich mir bestimmte boshafte Personen ins Gedächtnis, die durch ihr Tun bei mir Hilflosigkeit und Wut hervorgerufen hatten. Jedoch kam für mich die Vorstellung Böses
mit Guten zu überwinden in diesen Fällen noch zu früh.
Empathie und neue Wege zu beschreiten geht da wohl nur mit Gottes Hilfe, im Dialog
mit Gott. Wichtig ist mir als Ziel nicht zwangsläufig eine Versöhnung anzustreben, es kann
durchaus sinnvoll sein sich ausschließlich mit dem Verstehen des Geschehenen zu begnügen
und so wieder frei zu werden von zerstörerischem "Alten"
Übrigens ich wünsche mir mehr Herz und Mut zur kreativen Neugestaltung entgleister Beziehungen und Lebensumstände. Ihr auch? (Das wäre doch ein Pilgerthema).

Beim Mittagsgebet in der Kirche von Heldebrauchshausen begegneten wir den sieben Kreuz-
wegstationen…Um die Kraft und den Mut zum Standhalten musste sogar Jesus ringen, mit Gott ringen …Dann ging es voran mit unserem Kreuz in den Wald, bergauf. Auf dem DDR-Kolonnenweg, dem ehemaligen Grenzweg, ließen wir uns zum Gottesdienst nieder. Durch Bruder Rolf begegneten wir Geschichten von gefallenen Menschen und gefallenen Grenzen und einem, so Rolf;
Gott, der in Jesu "Karriere von unten" macht.
Zentrale Fragen stellten sich uns: Wie wird man demütig?
Wie lernt man die Bereitschaft zu dienen? Wie verwirklicht man sie?

Lieder, …Vertraut den neuen Wegen….begleiteten uns und unsere Gedanken auf dem letzten Wegstück. Nach sanften, sattgrünen Wiesen und Hügeln näherten wir uns in einem mühsamen Aufstieg unserem Ziel, dem Hülfensberg.
Bruder Rolf führte uns dabei auf einem bewegenden Kreuzweg in das Leid der Welt. Das Leid Jesu, seiner Mutter am Kreuz, das Leid seiner Jünger. Rolf fand dabei immer den Bezug zu unserem heutigen Leid, dem eigenen und dem unserer Nächsten, dem Schmerz, der Ohnmacht, der Hingabe, des Hilfe gebens und nehmens.
So mit Gott auf dem Hülfensberg angekommen wurden wir von Klaus und Hellmut mit einer
Weihrauchdusche vor der Kirche des Gehülfen freudig begrüßt und zum Ankommen beglückwünscht und gesegnet.

Nach kurzem Verschnaufen folgte gleich darauf ein Segnungsgottesdienst. Durch die Hand der Geistlichen und Paten floss jedem Einzelnen Gottes Liebe zu, gab Kraft und Zuversicht
für die Aufgaben vor denen jeder im Alltag gestellt ist.

Von einem ergreifenden Beispiel wie Gutes wächst berichtete uns am Abend Pater Thomas aus Indien und bat um Unterstützung für sein Schulprojekt der Ärmsten. Eine von uns gegebene Spende hilft hoffentlich ein wenig und ganz bestimmt das gemeinsame Gebet.

In der Abschlussrunde wurde in einem Rückblick von jedem Mitpilger für das erfahrene Gute
gedankt und Anregungen für den nächsten Pilgerweg mitgeteilt und kurz diskutiert….so zum
Beispiel …bewusstere, auch vegetarische Ernährung, mehr Einfachheit, mehr Kontakt mit den Gemeinden vor Ort und auch gemeinsames theologisches Gespräch.
Vor allem haben wir den vielen Helfern gedankt, die das Gelingen unseres gemeinsamen Weges erst möglich gemacht haben.

Dann ging es für mich in die Kirche, zum letzten Mal eine harte Matratze, viel Stille, spärliches Kerzenlicht, ich fühlte mich gestärkt und voll inneren Friedens. Angekommen.
Ich habe Gemeinsamkeit und Gottes Nähe erlebt. Vielen Dank.


.Wolfgang Krahn