Pilgern - Erfahrungsberichte

22.07.2012 Von Wethen nach Hofgeissmar

von Sabine Köttelwesch

Der Laurentiuskonvent e.V. wurde 1959 gegründet. Inzwischen hat er 40 Mitglieder, 13 davon leben in Wethen in zwei sogenannten Laurentiushöfen. Sie verstehen sich als eine Form "konkreter Gemeinde Christi". Um die beiden Höfe herum leben in loser Nachbarschaft mehrere Familien, Paare und Alleinstehende; alle zusammen bilden die Ökumenische Gemeinschaft Wethen. Was sie verbindet, ist die Bereitschaft, "sich gesellschaftlich, politisch und kirchlich im Sinne des biblischen Schalom zu engagieren". Die gemeinsamen Treffen finden im Herzstück der Gemeinschaft, in einem großen, schönen Saal in der Mittelstraße, statt. Hier wird auch gefeiert und getrauert und hier begann unser Pilgerweg mit einem sonntäglichen Frühstück, das Iris mit einem Dankgebet begann.

Um 7.30 Uhr brachen wir auf, nachdem Tische und Stühle wieder so hingestellt wurden, wie sie standen, der Saal gefegt und die Küche aufgeräumt war. Der Himmel war strahlend blau, in den Gärten des Dörfchens blühten bunt die Sommerblumen -und Paulander, ein Laurentianer, grüßte mit nacktem Oberkörper aus dem Badezimmerfenster.

Vorbei an Koppeln mit weidenden Pferden, über Wiesenwege und an der Diemel entlang ging der Weg, vorbei an Warburg, dessen imposante Silhouette wir bewunderten, bis es Zeit für Frühstücksbrot und Puncta war. Cordula erzählte von Wolfgang, einem sechzigjährigen blinden Schweizer, der allein in einem Haus in der Toskana lebt und als Musiktherapeut schwerstbehinderte Kinder behandelt - sein eigenes Schicksal hat ihn für die Not anderer geöffnet. Erholung findet er in der Stille der Natur, wenn er mit seinem Hund unterwegs ist.

Sein Schicksal ist Ausdruck der Jahreslosung 2012, wenn Christus spricht: "Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig" (2. Kor. 12,9).

In die Schweigezeit gab uns Cordula folgende Impulse mit:

1. In welchen Bereichen meines Lebens fühle ich mich momentan schwach?
2. Habe ich es selbst schon einmal erlebt, dass sich meine Schwäche zur Stärke für mich oder für andere verwandelte?
3. Wie begegne ich den Schwächen, die ich an anderen Menschen erkenne?

Ja, in welchen Bereichen meines Lebens fühle ich mich schwach? Ich überlegte. Eigentlich läuft im Moment ja alles gut, aber untergründig sind da Ängste, die besonders morgens nach dem Aufwachen ihr Eigenleben führen. Ich fühle mich ungesichert angesichts der Unberechenbarkeit des Lebens. Was kommt auf mich zu? Wie werde ich mit eventueller Krankheit, bei anderen oder bei mir, umgehen können? Die Endlichkeit ängstigt mich.

Mit dem zweiten Impuls konnte ich trotz angestrengtem Nachdenken nichts anfangen, aber bei dem dritten Impuls "Wie begegne ich den Schwächen anderer Menschen?" musste ich mir leider eingestehen, dass ich oft ungeduldig werde. Wenn ich dann meinen Unmut herausgelassen habe, tut es mir leid, und ich nehme mir vor, ein andermal mehr Verständnis aufzubringen … was dann aber wieder nicht so gelingt …

Unter diesen Gedanken gelangten wir nach Grimelsheim - Zeit für die Mittagspause. Inzwischen brannte die Sonne vom Himmel und ich war froh, mich ein wenig im Schatten ausruhen zu können. Das Bürgerhaus stand für uns offen, so dass wir uns die Hände waschen und die Wasserflaschen füllen konnten. Nachdem sich alle gestärkt hatten, fanden wir uns in kleinen Gruppen zusammen, um uns über Lukas 1, 46 - 55 (Marias Lobgesang) auszutauschen. Iris las vor und wir anderen dachten nach, was uns besonders anspricht. Was Ingrid und Nicola besonders berührt hat, ist mir im Gedächtnis geblieben: "Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes" (Ingrid); "Und Maria blieb bei ihr etwa drei Monate; danach kehrte sie wieder heim" (Nicola). Ich selbst ärgerte mich über den Satz "Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen", denn gerade das Gegenteil ist momentan der Fall, woraufhin eine Pilgerin einwarf, dass sie sich reich fühle, obwohl die Familie lange von Hartz IV gelebt habe.

Und weiter ging es, durch Wald und Wiesen Hofgeismar entgegen. Die Leichtfüßigkeit des Morgens war verflogen, der Weg wurde beschwerlich. Inzwischen sehnte ich auch das "Einzelzimmer des Pilgers", die Schweigezeit, herbei. Endlich kam das Signal für das Rosenkranzbeten, das Herzensgebet und die Schweigenden am Ende des Zuges. Und nun tauchte auch Hofgeismar in der Ferne auf. Bevor wir uns aber auf den Bänken der Altstädter Kirche niederlassen konnten, mussten wir noch die Stadt durchqueren. Den hübschen Park an der Stadtmauer hatte ich noch nie gesehen, obwohl ich doch manchmal in Hofgeismar bin. Aber die Gassen an der Stadtmauer waren mir wohlbekannt, hatte ich sie doch bei den Volksläufen immer wieder durchquert.

Endlich umfing uns die Kühle der Kirche und ein Loblied kam uns wie von selbst über die Lippen. Siebenundzwanzig Kilometer waren wir gelaufen! Im Gemeindehaus erwartete uns eine köstliche Gemüsesuppe und zur Belohnung gab es noch Schokoladenpudding mit Vanillesoße!

Es war ein schöner, wenn auch zum Schluss anstrengender Tag. Aber das Allerschönste war die alte Vertrautheit mit den anderen, die - obwohl ich lange nicht mitgelaufen bin und wenn, dann nur kurz - immer noch da ist.

Sabine Köttelwesch, Kassel