Pilgern - Erfahrungsberichte

24.07.2012 Von Veckerhagen nach Hann. Münden

von Ulrike Arnold

Nach erholsamer Nacht in der schönen Turnhalle des kleinen Weser-Ortes Veckerhagen gehen wir schweigend zum Gemeindehaus der katholischen
St.-Wigbert-Gemeinde, wo einige Frauen unter der Leitung von Ingrid Waldeck bereits ein leckeres Frühstück für uns vorbereitet haben. Mit dem Lied "Lobet den Herren" brechen wir das nächtliche Schweigen. Von Veckerhagen aus steigen wir wieder hinauf in den Reinhardwald und laufen auf der "Wildbahn", einem Wanderweg, der Bad Karlshafen/Weser mit Rotenburg/Fulda verbindet. Und tatsächlich entdecken wir auf der Wildbahn auch einige Tierspuren: Wildschweine haben den Wanderweg sichtbar zerwühlt.

Wir halten inne zur Puncta, in der uns Hermann eine Frau mit "Soft Power", mit weicher Macht, vorstellt. Es ist die Philippinin Mary John Mananzan, Benediktinerin, promoviert, Feministin und engagierte Streiterin gegen Korruption und Misswirtschaft in ihrem Heimatland - notfalls auch ohne die Unterstützung der kirchlichen Führung: "Wir agieren nie gegen die Bischöfe, wir gehen einfach weiter!" Wie reagieren wir auf Menschen mit solch einer erstaunlichen "soft power"? Einen zweiten Impuls erhalten wir mit einem Gedicht von Bertolt Brecht: "Geh ich schweigend in die Leere, komm ich aus der Leere voll. Wenn ich mit dem Nichts verkehre, weiß ich wieder, was ich soll."

Wir erreichen den Gahrenberg, mit 470 m höchster Berg des Reinhardswaldes. Dort beten wir um 12.00 Uhr das Angelus-Gebet nach katholischer Tradition und machen Rast. Wir haben viel Zeit, etwa anderthalb Stunden, und nutzen sie zum Essen und Ausruhen. Danach lesen wir gemeinsam einen Text aus dem Galaterbrief (3, 26-29) und teilen unsere Eindrücke und Überlegungen.

Durch den Wald geht es auf verschiedenen Wegen und Pfaden wieder hinunter. Wir erreichen die Tilly-Schanze, die auf einem Bergvorsprung des Reinhardswalds Ende des 19. Jahrhunderts errichtet wurde. Sie erinnert an die Belagerung der Stadt Hannoversch Münden 1626 durch den katholischen Feldherrn Tilly. Heute hat man von dort einen wunderbaren Blick auf die Altstadt von Hannoversch Münden und das Weserbergland. Vor uns, im Sonnenlicht, sind das große Schloss und der Turm der St. Blasius-Kirche zu sehen.

Über einen schmalen Pfad steigen wir hinab von der Tilly-Schanze und überschreiten dabei die Grenze zwischen Hessen und Niedersachsen. Nun trennen sich unsere Wege: die einen gehen zum Quartier, zum evangelischen Corvinus-Haus bei der St. Blasius-Kirche, die anderen gönnen sich im Freibad eine warme Dusche und erfrischende Schwimmzüge im kühlen Wasser des "Hochbades". Badeanzüge werden bereitwillig weitergegeben an diejenigen, die keine Badebekleidung im Gepäck haben.

Zum Abendessen wartet schon ein kräftiger Eintopf auf uns, und - von Ele durch "meditative Imaginationsübungen" angekündigt - sogar ein kleines Dessert.

Zum Abschluss des Tages versammeln wir uns um 20.30 Uhr in der Kirche zu einem Taufgedächtnisgottesdienst. "Kleider machen Leute": Manfred predigt über den Text, den wir schon beim Bibelteilen bedacht haben. Hier, im Galaterbrief, wird die Taufe mit einem Gewand verglichen, das man anlegt. Und so wie man mit einem Kleid, etwa beim Verkleiden, oder mit einer Amtstracht eine neue Identität annimmt, in die man erst noch hineinwachsen muss, so ist es auch mit der Taufe. Manfred ermutigt uns, in dieses Kleid der Taufe hineinzuwachsen, es mit Würde und Freude zu tragen und es mit unserem eigenen Leben zu füllen. Als sichtbares Erinnerungszeichen bekommt jeder ein weißes Stoffband um die Schultern gelegt.

Übrigens: Auch in Witzenhausen, unserer nächsten Station, sind wir in einem Corvinushaus untergebracht. Der Name erinnert an Anton Corvinus, der von 1529 bis 1542 Stadtpfarrer im hessischen Witzenhausen war und danach als Superintendent im Fürstentum Calenberg-Göttingen die Reformation einführte.

Ulrike Arnold, Eschwege