Pilgern - Erfahrungsberichte

25.07.2012 Von Hann. Münden nach Witzenhausen

von Hans-Werner Krause

Heute ist mein 43. Hochzeitstag, heute bin ich der "Tagesheilige", heute bin ich mit Manfred der Streckenmeister, heute ist Jakobustag, heute gibt es Brötchen zum Frühstück, heue ist es sehr heiß bis zu 30 Grad, heute bin ich in meiner Einschulungsstadt, heute erinnere ich mich an gefährliche Tiefflieger, Bombenangriffe, schwerverletzte Soldaten, heute bin ich hier auf einem friedlichen, fröhlichen Pilgerweg, heute ist ein schöner Pilgertag.

Christus spricht: Was ihr mich bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun.
Mit den Worten der Losung für den Jakobustag, brechen wir das Schweigen und genießen die Brötchen zum Frühstück. Dann sind wir auf dem Weg mitten aus der Stadt Hann.Münden vom Corveniushaus zu dem nächsten Corveniushaus in Witzenhausen. Zunächst geht es direkt in Richtung Bahnhof. Hier kommen sehr alte Kindheitserinnerungen in mir auf, denn hier wohnte ich in der Kriegszeit. Dann müssen wir den Berg rauf Richtung Autobahn, die wir unter- oder überqueren müssen. Norbert trägt heute das Kreuz. Ich bin neben ihm und erkunde per Karte und I-phon den Weg. Denn leider war es aus organisatorischen Gründen nicht möglich, den Weg vorher abzugehen. So verlassen wir uns also auf unseren Verstand unsere Erfahrung und auf die Technik. Wir überqueren eine Straße und hören schon den mächtigen Fahrzeugstrom auf der Autobahn auf uns zukommen. Norbert und ich gehen mutig voraus mit 50 Pilgern voller Vertrauen hinter uns. Dann wird der Weg immer enger, immer mehr Gebüsch immer weniger Weg. Mich umschleicht der Gedanke: Ob das hier so alles richtig ist? Norbert meint: "Das sieht nicht gut aus." Ich mache ihm und mir damit auch Mut und meine: "Geh nur weiter." Dann sehen wir vor uns einen Zaun, eine Leitplanke-- der Weg scheint zu Ende zu sein. Aber voller Gottvertrauen gehen wir darauf zu und-- oh Wunder: Es ist der richtige und einzige Weg. Gleich rechts ist die einzige Brücke für Fußgänger weit und breit! Über die Autobahn. Wir, ich bin als Streckenmeister gerettet. Zwei Dankgebete von Norbert und mir steigen zum Himmel. Fröhlich winken wir auf der Brücke den darunter hinwegrasenden Autofahrern zu. Wir haben Laubach erreicht. Michael hält heute die Punkta und verbindet sie mit einem Gedicht von Hildegard von Bingen über die Seele.
Die Seele


Die Seele ist wie ein Wind,
der über die Kräuter weht,
wie der Tau,
der über die Wiesen träufelt,
wie die Regenluft,
die wachsen macht.

Desgleichen ströme der Mensch
Wohlwollen aus auf alle,
die da Sehnsucht tragen.

Ein Wind sei er,
der den Elenden hilft,
ein Tau,
der die Verlassenen tröstet.

Er sei wie die Regenluft,
die die Ermatteten aufrichtet
und sie mit Liebe erfüllt
wie Hungernde.


Hildegard von Bingen

Mit diesen Gedanke und Anregungen gehen wir in die Schweigezeit.
Zum anschließenden Mittagsgebet für den Frieden in der Welt, war endlich Lesly an der Reihe. Sie wollte schon lange einen Bericht über eine Demo vorlesen. So geschah es nun an der richtigen Stelle und zum richtigen Zeitpunkt. Wir alle hörten und fühlten zum ersten Mal, wie es einem friedlichen Demonstranten ergehen kann, wenn er in die "Mühlen oder Hände der Polizisten des Gesetzes" fällt. Das war doch recht bewegend für alle, hatte ich so den Eindruck, denn so nah waren nur wenige dran an einem solchen Geschehen, und es ist gut, auch dies von einem Pilgerweg mit nach Hause zu nehmen.

Der tägliche Gottesdienst wurde dann in der Kirche zu Ziegenhagen von Pater Rolf gehalten mit Barbara an der Orgel. Dort saß ich in der ersten Reihe und war von den Antipendien fasziniert. An der Kanzel hing ein Bild der Dreieinigkeit, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Es zeigt einen Fischkopf mit drei Fischen und je nach Eingebung, erscheint vor dem Auge - als optische Täuschung - immer nur ein Fisch vollständig mit Kopf und Leib.
Dann war es nicht mehr weit nach Witzenhausen. Im Ort spürte uns eine Reporterin von einer Zeitung auf und machte die für sie heute wichtige Aufnahmen und Gespräche. Die Kirche war leider verschlossen. Aber das große Eingangstor diente uns dann als Raum für das Dank- und Ankunftsgebet. Auch das war mal eine neue schöne Erfahrung.
Dann kam Manfred und wir wurden im Corveniushaus mit einem opulenten Abendessensangebot empfangen.
Nach dem Abendgebet kehrte dann Ruhe ein in unser Herz, unsere Unterkunft und unseren ereignisreichen Tag.
Hans-Werner Krause