Pilgern - Erfahrungsberichte

26.07.2012 Von Witzenhausen nach Uder

von Norbert Glatthor


Ach, wie schön es ist, wenn morgens die Sonne scheint! Sie erwärmt die Glieder, die noch von gestern müde sind und die in der Nacht auf hartem Boden ruhen mussten. Sie begrüßt uns und verspricht uns, dass es ein schöner Tag wird. Und als wir uns gleich nach dem Frühstück in der Liebfrauenkirche zum Gottesdienst einfinden, da strahlt sie schon mächtig durch die Chorfenster und zaubert leuchtende Bilder ins Innere.
Im Gottesdienst geht es um Sterben und Tod. In Psalm 90 lesen wir: "Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden". Doch wir denken allzu selten an den Tod, und die Vorstellung vom Sterben ist häufig angstbesetzt.

Michaels Worte zeigen uns einige Bilder in diesem Zusammenhang:
• Er besucht einen Krebspatienten im Krankenhaus, der sich darüber beklagt, dass da ein Bild auf dem Tisch steht mit der Unterschrift "Mein Weg ist in Gottes Hand". Er sagt, das sei ja so, als wenn er schon morgen sterben müsse.
• In der Kommunität in Wethen ist eine Art Ahnengalerie in einem Treppenhaus geplant, in der dann die Verstorbenen abgebildet sind. Der Plan scheitert, da einige meinen, sie könnten nicht daran entlanglaufen ohne mulmiges Gefühl.
• Der Freund eines Drogenabhängigen wird anonym bestattet. Der Freund meint, er würde gerne dort etwas zum Gedenken hinstellen, er wisse ja, wo die Stelle sei.
• Die naturwissenschaftlich-biologische Sichtweise auf den Tod: Sterben ist immer auch notwendig für neues Leben. Uns Menschen gäbe es nicht, wenn es in der Erdgeschichte nicht mehrere Katastrophen gegeben hätte, bei denen fast alles Leben ausgelöscht wurde.
• Mehr hoffnungsvolle Bilder vom Tod sind zum Beispiel Berichte von Menschen mit Nah-Tod-Erlebnissen. Oder auch das Zitat von Mick Jagger nach Brian Jones’ Tod: "He has awakened from the dream of life".
Wir singen das Lied "Ach, wie flüchtig, ach, wie nichtig”. In den 13 Strophen wird dargelegt, dass so vieles auf der Welt vergänglich ist, was wir vielleicht für wichtig halten. Und dann im aller-allerletzen Satz heißt es: "Wer Gott fürcht, wird ewig stehen".
Nach dem Gottesdienst werden wir von der Dekanin, Frau Laakmann, begrüßt. Und wir begrüßen drei neue (alte) Pilgerinnen und Pilger: Petra, Helmut und Klaus, der heute auch unser Streckenmeister ist.

Und so geht es nun fröhlich hinaus aus Witzenhausen, dem Ort, an dem wir so viel Gastfreundschaft erleben durften. Wir gehen durch das Werratal, durch schöne Obstgärten und Wiesen, hin und wieder gibt es prächtige Streifen am Wegrand, in denen Wildblumen üppig blühen und unser Auge erfreuen. Hinter Wendershausen biegen wir ab, ein kleines Stückchen aus dem Tal hinaus. Wir erreichen einen Spielplatz, hier ist Puncta.

Margit stellt uns Theresa von Avila vor, das ist ihre Lieblingsheilige. "Lass Dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig", die Jahreslosung und auch das Thema unseres Pilgerwegs. Jeder von uns hat Zeiten, in denen er stark ist, und andere, in denen er schwach ist. Auch bei Theresa war das so. Sie war zeitweise sehr krank und hatte auf der anderen Seite die Kraft, ungeheuer viel zu bewegen und Klöster zu reformieren. Gott gibt uns Stärke und er gibt uns schwierige Zeiten. Die Frage ist, was wir daraus machen. - Für Theresa ist Gott nicht eine ferne, hohe Macht, sondern sie hat eine innige und freundschaftliche Beziehung zu ihm. Sie steht vor dem Kreuz und denkt daran, dass Jesus alles für sie gegeben hat. Gebet ist für sie freundschaftliches Verweilen vor dem Kreuz. Sie ist davon überzeugt, dass es Kraft gibt, immer wieder seine Nähe zu suchen, weil wir wissen können, dass er uns liebt.
Theresa von Avila sagt:
Nichts soll dich beängstigen
Nichts soll dich bekümmern
Alles verändert sich - Gott allein bleibt
Dem, der Gott hat, mangelt es an nichts
Gott allein genügt.

Margit gibt uns diese Impulse mit:
• Was ängstigt mich?
• Was bekümmert mich?
• Mit wem kann ich darüber reden?
(Suche dir gleich nach der Schweigezeit einen Menschen, mit dem Du darüber sprechen kannst, was Dich bekümmert, was Dir Angst macht)

Weitere mögliche Fragen:
• Was bedeutet das Wort "Gnade" für mich?
• Wo habe ich schon einmal Gottes Gnade gespürt?
• Gott allein genügt - glaube ich das wirklich?

Im Schweigen gehen wir nun einen schmalen rutschigen Weg am Steilhang oberhalb der Straße. Die Burgen Hanstein und Ludwigstein sind zu sehen, eine Postkartenidylle. Bei Werleshausen überqueren wir die Werrabrücke und das Schweigen wird mit einem Gebet und einem Lied wieder aufgehoben.

Nun geht es steil bergauf, und da zeigt sich die Sonne von ihrer unbarmherzigen Seite. Sie brennt und sticht, wir müssen uns schützen. Der Schweiß rinnt über die Stirn, es geht über Wiesenkuppen, kein Schatten. Ach käme doch bald der Wald und nähme uns auf unter sein grünes Dach! Doch das dauert noch. Es gibt mehrere Trink-pausen, bis wir endlich den Waldrand erreichen - aber Mittagspause ist immer noch nicht. Noch ist der höchste Punkt, die Teufelskanzel, nicht erreicht. Dann endlich - es ist schon früher Nachmittag - sind wir oben und werden mit einem wunderbaren Blick ins Werratal belohnt.
Das Versorgungsauto ist auch da und wir können uns mit Getränken, Äpfeln, Melone und Joghurt erfrischen. Eine Weile ruhen wir uns aus, aber wir haben noch einiges an Weg vor uns. Und so geht es bald hinunter nach Germershausen. An der Bushaltestelle gibt es eine Möglichkeit für die, die sich die weitere Strecke nicht mehr zutrauen, mit dem Auto weiterzufahren oder wenigstens den Rucksack abzugeben. Klaus, der Streckenmeister, kennt sich gut aus und weiß, dass es am Friedhof einen Brunnen mit Trinkwasser gibt. Also nichts wie hin!

Aus dem Ort hinaus kommt der letzte Anstieg. Eine kühle Brise belebt uns und alles geht schon wieder viel besser. Vor einigen Tagen hatten wir im Psalm 18 gelesen: "Du gibst meinen Schritten weiten Raum. Meine Knöchel wanken nicht". Dieser Spruch macht Mut. Seit Tagen sind wir nun

schon unterwegs. Manchmal kommt es mir so vor, als ob das immer so weiter geht.

So weit abgetaucht, in eine andere Welt. Kein Handy, kein Notebook, kein Fernseher, Radio oder sonstiger Apparat. Alle Stecker gezogen, "offline". Auf einem Baumstamm sitzend, beobachte ich eine Schnecke, wie sie langsam unter meinen Beinen her kriecht.
Strapaze, Schmerz, Erschöpfung, Freude und Glück, Tag für Tag. Es ist gut, so wie es ist. Der Alltag, die tägliche Plage, Trübsal und schwarze Abgründe, das alles ist weit weg. Ja selbst Frau, Kinder und Familie. Und doch wird dieser Pilgerweg schon übermorgen ein Ende haben. Dann wird es darauf ankommen, die Eindrücke, Gefühle, Einsichten - das Erlebte, das Gute und Schöne mitzunehmen, damit es weiterhin wirken kann. Ich habe gute, berührende Begegnungen in der Pilgergruppe, die möchte ich noch lange in meinem Herzen bewahren.






Mir fällt noch etwas anderes von Bertolt Brecht ein: Geschichten von Herrn Keuner. Herr K. ist wie ein guter Bekannter, der zu allerlei Themen einen Spruch, Weisheiten, etwas Besinnliches oder Philosophisches zu sagen weiß. Die kürzeste Geschichte heißt: Herr Keuner und der Tod. Sie besteht nur aus einem einzigen Satz, und der geht so: "Herr Keuner mied Beerdigungen". Hätte heute Morgen auch gut in den Gottesdienst gepasst.

Unten im Tal sind jetzt Häuser zu sehen, das muss Uder sein.














Singend ziehen wir in den Ort, es ist schon spät. Die Kirche heißt St. Jakobus(!) und es gibt sogar ein Pilgerhaus. Hier sind Pilger willkommen, das spüren wir. Im gemütlichen Garten gibt es gleich etwas Schönes zu Essen. Und dann endlich die ersehnte Dusche…

Norbert Glatthor, Bielefeld