Pilgern - Erfahrungsberichte

29.07.2012 Abschluss auf dem Hülfensberg

von Margit Skopnik-Lambach

Es ist das erste Mal, dass ich mich traue, zum Abschluss des Pilgerweges in der Kirche zu übernachten; bisher habe ich immer die schönen Betten im Gästehaus vorgezogen. Aber schon um 5.30 Uhr raschelt es leise um mich herum; einige packen schon ihre Sachen zusammen und lassen die Luft aus ihren Thermo-Matten. Ein leichtes Ärger-Gefühl taucht in mir auf: "Das kann man doch auch nachher noch machen!" Okay, beruhige ich mich selbst: Wir Menschen sind halt unterschiedlich und die Bedürfnisse zwischen "Rechtzeitig-Fertig-Sein" und "Noch-Liegenbleiben" klaffen weit auseinander.

Nach einem zweiten Blick auf den Wecker nehme ich dann lieber den "Gehülfen" in den Blick. Er lächelt mich liebevoll an und ich freue mich, dass ich hier, in seiner Nähe, schlafen durfte. Ich schaue ihn an und er schaut mich an - und ich habe das Gefühl, dass alles gut ist, so, wie es ist. Ganz entspannt wickele ich mich noch mal in meinen Schlafsack und denke an die verschiedenen Stationen, die wir bis hierher gegangen sind - und besonders an die Nächte. Viermal habe ich in Kirchen geschlafen: Unter der Kanzel in Hann.-Münden, im Altarraum in Witzenhausen, auf der Empore in Uder - und nun vor dem Kruzifix am Hülfensberg. Ich fühle mich gesegnet, in diesen "heiligen, umbeteten Räumen" die Nacht verbringen zu dürfen, auch wenn es manchmal nur wenig Schlaf gab. Und die Tage: Wie viele intensive Gespräche hatten wir wieder auf dem Weg, wie viel Leid haben wir miteinander geteilt und vor Gott gebracht - und wie viel Freude haben wir miteinander erlebt: es ist ein Geschenk, so unter dem geöffneten Himmel der Gnade Gottes unterwegs zu sein! Und dann muss ich wohl noch mal eingeschlafen sein…

Um 6.30 Uhr kommen Eberhard und Brigitte und singen für uns: Wie schön, so geweckt zu werden! Christina schläft schräg neben mir und wischt sich auch langsam den Schlaf aus den Augen. Ich freue mich, dass wir beide es bis hier her geschafft haben und eine große Dankbarkeit erfüllt mich. Ende Juni hatte ich mir einen Innenband-Anriss in meinem Knie zugezogen und musste deshalb tagsüber eine monströse Schiene tragen. Wie gut, dass es die Möglichkeit gab, mit dem Mittagsbus zum nächsten Zielpunkt gefahren zu werden; das habe ich auch viermal in Anspruch genommen. Und so ganz nebenbei habe ich bemerkt, wie viel organisatorische Vorarbeit schon gelaufen ist, bis die Pilgergruppe abends einziehen kann. Ein dickes Dankeschön an Manfred und alle, die das diesmal mit übernommen haben! - Ja, und dann ziehen wir uns an und packen zusammen. Als ich Christina leise bitte, meine Isomatte zusammenzurollen, zeigt sie wortlos auf unseren Gepäckstapel: Da liegt sie schon!

Und dann geht es hinüber ins Gästehaus zum gemütlichen Frühstück. Ein letztes Mal Schweigen-Brechen mit dem Morgen-Segen, ein letztes Mal Singen und Beten als Pilgergruppe. Alle Reste stehen auf den Tischen, manches ist inzwischen ausgegangen, aber trotzdem werden alle satt; wir können sogar noch Brote für den Nachhauseweg mitnehmen. Nach dem Aufräumen und Saubermachen treffen wir uns an der Mariengrotte zum Verbrennen der Fürbitten, die wir am Kreuz auf dem Weg mit-getragen haben. Es ist gar nicht so einfach, das Feuer zu entfachen, denn es regnet noch immer. Aber dann steigen die Gebete mit Weihrauch auf zu Gott - und wir schauen zu und beten noch einmal still für all die Menschen, die wir mit ihren Anliegen auf unserem Weg mitgenommen haben.

Danach steht die Verabschiedungs-Runde an. Wie viel haben wir miteinander erlebt! Das wird noch mal in den herzlichen Umarmungen und Segenswünschen deutlich: Wir sind zusammen-gewachsen beim Unterwegssein, haben uns gegenseitig unterstützt und getragen - im Reden und Hören, im Schweigen und Füreinander-Da-Sein: Das ist heilende und heilsame Gemeinschaft!

Langsam füllt sich der Vorplatz; viele sind gekommen, um an der Messe teilzunehmen. Bodo trägt das Kreuz und wir ziehen als Pilgergruppe mit dem Lied "Wechselnde Pfade, Schatten und Licht: Alles ist Gnade, fürchte Dich nicht" in die Kirche ein. Ich lasse mich in die Lieder und Texte hineinfallen: Alles ist gut!
Besonders berührt mich der Predigttext von der wunderbaren Brotvermehrung und die Auslegung dazu: "Wenn wir das Wenige, was wir haben, Gott hinhalten, kann er es verwandeln und vermehren, so dass es für Viele reicht…" Genau das ist meine Erfahrung auf dem Pilgerweg; das erlebe ich als großen Segen!

Nach dem Gottesdienst gibt es noch mal einige herzliche Umarmungen - und dann ist endgültig Zeit zum Abschiednehmen. Ele nimmt Manfred, Christina und mich mit. So fahren wir erst zum Kloster Germerode, wo Manfreds Auto steht, und dann nach Zimmersrode, wo Ele wohnt. Wir bekommen eine Haus- und Dorf-Führung von Ele - und sind schon jetzt gespannt, ob der Pilgerweg im nächsten Jahr über Melsungen und Zimmersrode führen wird: Lassen wir uns überraschen!

Wie auch immer: Auf Wiedersehen bis zum nächsten Mal! Gott segne und behüte Euch!

Margit Skopnik-Lambach, Marburg