Pilgern - Erfahrungsberichte

Von Treysa nach Zimmersrode

von Bettina Hubald (07.07.2013)

7. Juli 2013 - von Bettina Hubald
Von Treysa nach Zimmersrode
Ein sonniger Morgen grüßt uns, als wir von Jaquelines hellem, klaren Gesang geweckt werden. Die Mitarbeiterinnen der Kantine von Hephata haben es sich nicht nehmen lassen, für uns die Tische einzudecken, Kaffee zu bereiten und zwei einladende Buffets einzurichten - eins zum Frühstück und eins für die Lunchpakete. Iris bricht mit einem Bibelwort, einem Dankkanon und dem Lied "Tageserwachen, ein neuer Morgen…" das Schweigen der Nacht mit uns.
Unser Weg beginnt an zwei dreiseitigen rostfarbenen Eisenstelen. Davor liegt ein Mensch, einem Kreuz gleichend, das Gesicht zur Erde gewendet und an Händen und Füßen in Schellen gefesselt. An der Seite steht: "ICH LIEGE GEFANGEN UND KANN NICHT HERAUS, MEIN AUGE SEHNT SICH AUS DEM ELEND: HERR; ICH RUFE ZU DIR TÄGLICH; ICH BREITE MEINE HÄNDE ZU DIR" (Psalm 88, 9-10). Die Gedenkstätte erinnert an die Abtransporte und Ermordungen von behinderten Menschen aus Hephata während des zweiten Weltkrieges. Peter erinnert uns daran, dass die offiziellen Zahlen das Ausmaß des Schreckens nicht beschreiben können, Hunger und elende Bedingungen gehörten zum Alltag. Ich denke sofort an Walde-mar, der uns gestern so nah am Herzen war und eine so phantastische Stimme und ein unglaubliches Gedächtnis für Melodien und Lieder hat und zusammen mit Cordula unvergesslich schön sang: er ist heute 70 Jahre und lebt - Gott sei Dank!
Kreuz und Bibel voran, machen wir uns auf den Weg. Birgit, heutige Tagesleitung, läutet an einem ruhigen Plätzchen die Puncta ein. Rolf gibt zu Lukas 10, 1-16 "Die Aussendung der 72 Jünger" zu bedenken,
- dass Jesus hier noch andere zu Jüngern macht;
- dass es gerade 72 sind, damit alle Völker erreicht werden können;
- dass es immer mehr werden;
- dass wir friedfertig unter Wölfen sein dürfen;
- dass wir ohne Ballast losgehen sollen;
- dass wir ohne große Umschweife vom Glauben erzählen können;
- dass die Tischgemeinschaft auf Augenhöhe wichtiger ist als Speisevorschriften;
- dass es nicht um Hausieren geht, sondern um sich einlassen...
Ja, es geht darum, eine heilsame Ausstrahlung zu haben und sich so dem Reich Gottes zu nähern. Rolf hat für die Schweigezeit Fragen zu Besinnung vorbereitet:
- Gelegenheiten, wo ich zu meinem Glauben stehen kann- sollte
(in der Vergangenheit/in naher Zukunft): Wo fällt es schwer, wo ist es leicht?
- Was ist Ballast, den ich loslassen könnte/möchte/müsste?
- Wie kann ich Friedfertigkeit einüben, festigen oder verstärken?
An einem romantischen Plätzchen mit frischem Gras, Sträuchern, einem kleinem See mit einer Fläche von rosa Seerosen und einem anmutigem schwarzen Schwan, der sich im klaren Wasser spiegelt, halten wir noch einmal. Rolf verstärkt mit einer gleichnishaften Geschichte von zölibatär lebenden Mönchen die Frage nach dem Ballast noch einmal: Der eine hatte eine ängstliche, schöne Frau über einen Fluss getragen und war dann seines Weges gegangen, der andere hatte sich noch viele Stunden später mit der Frage herumgeschlagen, ob dies denn richtig gewesen sei. Wer von beiden hat die Frau wohl länger getragen? Und welchen Ballast tragen wir?
Es geht um losLASSEN, verLASSEN und verLASSEN werden, sich verLASSEN, geLASSEN bleiben, sich überLASSEN, geschehen LASSEN, Gott wirken LASSEN…
Meine Gedanken gehen zu Clemens. Schweigen ist echt schwer für ihn - und ob er die Geschichte verstanden hat? Klar habe ich meinen 11 jährigen Enkel mal wieder unterschätzt, er hat sich längst eingeLASSEN. Und mein Mann? Manchmal schwer, meine eigenen Vorstellungen los zu LASSEN und Gott wirken zu LASSEN!
Kurt ist ein sehr gut vorbereiteter Streckenführer, sogar Warnwesten hat er dabei, als wir ein kurzes Stück im Gänsemarsch auf der Fernverkehrsstraße gehen müssen. In einem Waldstück beten wir das Mittagsgebet, singen "Der Tag ist seiner Höhe nah…", stärken uns mit unseren Broten und halten ein kleines erholsames Schläfchen, bis uns der Chorgesang wieder weckt - eine schöne Einstimmung zum Bibelteilen. Der Text vom Morgen kann noch einmal vertieft werden und wir fragen uns, was diese Bibelstelle für unsere Arbeit und unser Leben bedeuten könnte. - Kurz vor Zimmersrode gruppieren wir uns zum Beten. Jeder entscheidet für sich, ob er den Rosenkranz, das Herzensgebet oder schweigend beten möchte. Für alle Neupilger gibt es kurze Erklärungen und so erreichen wir betend Zimmersrode.
Die Kirchenglocken läuten für uns, der Pilgerzug bewegt sich auf die Kirche zu, ich bekomme Gänsehaut und bin mal wieder zu Tränen gerührt. Gibt es etwas Schöne-res, als spürbar WILLKOMMEN zu sein: so wie ich bin, verschwitzt, ungekämmt, mit ersten Blasen an den Füßen… Wir werden herzlich durch einen Kirchgemeinderat begrüßt. Der ganze Ort ist eingespannt, das evangelische Gemeindehaus, das Vereinshaus, die Duschen desFußballvereins. Die Konfis haben ein Labyrinth für den Abend auf den Parkplatz gemalt, Frauen haben mehrere große Schüsseln mit leckerem Nachtisch zubereitet, der Chor "Um Himmels Willen" unter der Leitung von Annette Besch ist angereist, Ele hat sich festlich gekleidet und wird für uns mit anderen Bläsern Saxophon spielen im ökumenischen Gottesdienst, der im Park schon mit mobilem Altar, Blumen, Ikone, Kerzen, einem Holz- und unserem Pilger-kreuz und aufgeschlagenen Bibeln vorbereitet wurde. Reichlich Gäste sind gekommen, um zusammen mit uns Gottesdienst zu feiern. Die Predigt von Pfarrer Lambert (römisch-katholisch) macht aufmerksam auf Benedikt Joseph Labre (1748 - 1778), der in der Zeit vor der französischen Revolution lebte, wohl eher wie ein Landstreicher aussah, pilgerte, den Rosenkranz betete und schwieg.
Was lehrt uns dieser Heilige? Hören wir ihn selbst: "Um GOTT zu lieben und Seinen Willen zu erfüllen, brauchen wir drei Herzen: Das erste muss voll Liebe zu GOTT sein; Das zweite für den Nächsten, bereit, ihm in Liebe zu dienen, nicht nur für die zeitlichen Bedürfnisse, sondern auch für die ewigen, indem es auch für ihn betet und ihn zu belehren versteht, wenn er es nötig hat; das dritte Herz muss ohne Nachsicht sein mit sich selbst, um dem schlechten Eigenwillen stets widerstehen zu können, indem es nicht die selbstische Eigenliebe pflegt, sondern Busse tut in Selbstüberwindung und Dienst an GOTT und dem Nächsten." Benedikt Labre war erfüllt von diesen drei Herzen; 1883 wurde er vom Papst heilig gesprochen und zum Patron der Pilger ernannt. Pfarrer Zschoche (ev.) lädt danach alle ein, die Reise des Herzens unter Einbeziehung des Körpers mit ihm gemeinsam zu beten.
Die Abendsonne schickt ihre letzten Strahlen durch die Blätter der großen Eiche, als wir mit den anderen Gästen noch etwas ins Gespräch kommen und die Holzbänke von Helfern wieder abtransportiert werden. - Nachdem alle Verantwortlichen für den nächsten Tag ihre Absprachen getroffen haben, treffen wir uns 22 Uhr noch einmal am Labyrinth, gehen die verschlungenen Pfade, die von den entzündeten Kerzen beleuchtet werden, singen miteinander und bewegen uns schweigend in die Nacht und LASSEN uns behüten von Gott.
Bettina Hubald, Bannewitz