Pilgern - Erfahrungsberichte

Von Zimmersrode nach Fritzlar

von Jaqueline Hartung (08.07.2013)

8. Juli 2013 - von Jaqueline Hartung
Von Zimmersrode nach Fritzlar

Das Morgenlied "Danke" ertönt um 6 Uhr in der Früh` in Zimmersrode (Eles und Kurts Heimat) in der Turnhalle einer Physiotherapie und draußen in der Nähe der noch taufrischen Wiese. Räkeln, Gähnen, Strecken, freudige und dankbare Gesichter; drinnen ist es bereits richtig betriebsam. Vereinzelt hört man seit 5.30 Uhr Reißverschlüsse zirren, zischende Luft aus den komfortablen "Luxusmatratzen" entweichen, ein stetiges Hin- und Herbewegen. Binnen kürzester Zeit sind die letzten "Schlafmützinnen" wach, ob sie wollen oder nicht.  Die Herren- und auch Damentoilette ist stark frequentiert, beim Öffnen der jeweiligen Türen stehen entweder zähneputzende, waschende, deodorierende, schminkende und föhnende Frauen an den Waschbecken. Pünktlich um 6.30 Uhr liegen und stehen Koffer, Rucksäcke und Allerlei abtransportierbereit vor der Tür und warten auf Jens (auch Hubi genannt), der jeden Morgen mit seinem "Hilfspersonal" mit viel Geschick den Kleinbus belädt, so dass jedes große und kleine, leichte und schwere Gepäckstück richtig hineinpasst - wie in einem Baukastensystem, ansonsten wird ein wenig von außen nachgeschoben.

Heute führt unser Pilgerweg nach unserer morgendlichen Stärkung im Gemeinde-haus bei wunderbaren, sonnigen und heißer werdenden Temperaturen entlang der Schwalm durch saftige Grünflächen zunächst in Richtung Bad Zwesten, Nähe Oberurff und Niederurff. Auf dem Weg sind einprägsame Leitsprüche auf Tafeln zu lesen. Einer davon spricht mich besonders an und begleitet mich: "Na und, der Weg des Lebens ist eben wellig", so Erich Kästner. Ja, das Leben ist wahrhaft wellig, stimme ich innerlich dem Autor zu und denke darüber bis zur Puncta nach. Auch wir gehen raue, kantige, steinige, ebene, glatte, begrünte, schattige und gleißende, enge und weite, höher und tiefer gelegene - eben "wellige Wege" - entlang.

Zur Puncta: "Was macht es mir leicht loszulassen? Was macht es mir schwer?", ist die heutige Frage, mit der sich jeder Pilger und jede Pilgerin intensiv auseinander-setzen und bis zum gemeinsamen Austausch vorher mit Gott ins Gespräch gehen kann. Ich schätze die wertvolle Schweigezeit wieder sehr.

Auf dem Dorfplatz in Bad Zwesten angekommen, bilden wir nach dem "Auffüllen und Entleeren" einen Kreis und singen voller Inbrunst: "Ich lobe meinen GOTT von ganzem Herzen." Von Manfred erfahren wir, dass er 1975 seine erste Predigt als Theologiestudent an diesem Ort hielt! Orte lösen Erinnerungen und Emotionen aus.

Heute werden es insgesamt 27,5 Kilometer sein - oder sind es doch nur 25?
Brennende, erhitzte und etwas müde Füße erreichen mit ihren jeweiligen Besitzern das Ziel: HURRA, wir sind in dem wunderschönen Städtchen Fritzlar angekommen. Wir sind dankbar, diese Tour so gut und unfallfrei geschafft zu haben! Hinein geht es zunächst in den angenehmen kühlen Dom. Von einer versierten Dame erfahren wir viel Geschichtliches. Bis zu unserem Schlafquartier in der Ursulinenturnhalle führen gefühlte 70 Stufen steil bergab - später wieder bergauf. Wer schläft wo? Turnmatten werden ergattert, das "Bett" wird so gemütlich wie möglich hergerichtet - drinnen oder draußen im Garten. Insbesondere die vielen warmen komfortablen Duschen finden großen Anklang bei uns Frauen; viele freudige Stimmen sind dort zu vernehmen. Kamen die Männer auch in den Genuss?

Nun fühlen wir uns wieder frisch und voller Tatendrang. Doch damit ist es nicht genug. Essen gibt es in der Nähe des Doms - also wieder hinein in die jeweiligen Schuhe und bergauf zum erneuten Treppensteigen mit den nunmehr gefühlten 100 Stufen. Der eine oder andere bleibt nach Luft schnappend auf dem Weg nach oben immer mal wieder zwischendurch schnaufend (mit Sonne von oben beschienen) stehen. Oben keuchend, schwitzend und dampfend angekommen, serviert uns ein freundlicher Mann, der unserem Jens von der Seite her ähnlich sieht - (lieber Jens, bitte überlies diese Stelle besser, sonst muss ich im kommenden Jahr mein Gepäck selbst einladen), eine heiße Suppe. Kurze Überlegung: Wann gab es das letzte Mal Suppe?  Großzügig schwimmen die dicken Wurstscheiben obenauf und überfluten unsere Teller und zum Teil den Fußboden. Ob man es glaubt oder nicht: Auch das Essen endet in einer schweißtreibenden Angelegenheit - man hätte hier glatt wieder eine Abkühlung vertragen können. Erneut steigen manche wieder die vielen Stufen tapfer bergab und bergauf.

Um 20 Uhr ist das krönende "Highlight" des Tages: Die Taufe der kleinen Emma, Eles Enkelkind, findet im Fritzlarer Dom statt. Es ist ein bewegender Gottesdienst, gestaltet von Pater Rolf und Pfarrerin Claudia, der mich tief berührt und zu vielen Tränen führt. Eines werde ich nie vergessen: Dass das morgendliche Wecklied, mein Lieblingslied "Danke", für die Eltern des Täuflings, die Paten und Angehörigen, aber besonders für die kleine Emma und deren Oma von uns zum Schluss für sie gesungen wird.

Mit herzlichen Grüßen von Eurer Nachtigall -
und einem großen Dankeschön für die wertvolle Zeit mit Euch allen!