Pilgern - Erfahrungsberichte

Von Fritzlar nach Melsungen

von Norbert Glatthor (09.07.2013)

9. Juli 2013 - von Norbert Glatthor
Von Fritzlar nach Melsungen
Im Schlafsack auf der dünnen Matte liegend, schaue ich auf das Fenster, durch das das letzte abendliche Licht fällt. So viele Männer in einem Raum, Gerüche und Geräusche, die nur schwer erträglich sind. Ich kann nicht einschlafen. Wieder nicht.

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Warum tust Du Dir das eigentlich an?
Ja, warum eigentlich? Es ist die Sehnsucht nach mehr, nach einem besseren Leben, jenseits von Profit und Geld, von Kampf und Macht, jenseits von Oberflächlichkeit, Spaß und Wellness. Es ist das Eintauchen in eine andere Welt, die ich sonst im Alltag nicht finden kann. Die spirituellen Impulse und all die guten Begegnungen geben Kraft für das ganze Jahr. - Was ist dagegen schon das bisschen Husten, Schnarchen und Rascheln und der mangelnde Komfort. Es gehört irgendwie mit dazu, wenn es auch nervt. Und ich weiß jetzt schon, dass am Ende unserer Pilgerwoche, wenn wir uns umarmt und verabschiedet haben und dann plötzlich alle weg sind, ich meine Pilgerschwestern und -brüder ganz schön vermissen werde.
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Was war das wieder für ein reicher Tag heute. Die Sehnsucht war eins der zentralen Themen. In der Morgenmesse sprach Rolf davon, dass wir Pilger jeden Tag zu Gast sind. Das gilt übertragen auch für unser ganzes Leben. Eine tiefe Sehnsucht treibt uns, die größer ist als alles, was uns die Welt bieten kann. Selbst die liebsten Menschen können nicht alles für uns sein, das spüren wir in unserem tiefsten Inneren.
Ein Bild davon sind auch die Patriarchen im Brief an die Hebräer, die eine neue Heimat suchen, aber das Verheißene nicht erlangen, sondern nur von Ferne schauen und grüßen (11,13-16). Wir dürfen auf Gott vertrauen, dass er uns das Ziel zeigt. Und dass er dort die Sehnsucht stillen und alle Tränen abwischen wird.
Im Matthäus-Evangelium sagt Jesus, dass wir unsere Schätze im Himmel sammeln sollen, nicht auf der Erde. Niemand kann zwei Herren dienen, Gott und dem Mammon (6,19-24). So sind wir als Pilger mit leichtem Gepäck unterwegs. Wir wollen mit dem nötigsten auskommen. Wir wollen Platz machen für Gott in unserem Herzen.

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Später in der Puncta sprach Peter über Tod, Seligkeit und Verheißung. Seligkeit bedeutet, dass die Seele in einem guten Zustand ist. Man sagt oft, dass Geben seliger ist als Nehmen. Und so kann der Sterbende den Weiter-Lebenden noch etwas geben, indem er z.B. den zerstrittenen Nachkommen den Auftrag gibt, Frieden zu schließen.

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Am Morgen versammeln wir uns am Bonifatiusbrunnen vor der Kirche in der schon warmen Sonne. Dann geht es los durch die Altstadt und aus Fritzlar hinaus. Ein kleiner Moment des Schreckens: Annegret stürzt so unglücklich, dass sie sich an beiden Händen verletzt. Aber nachdem sie im Krankenhaus versorgt wird, ist sie am Mittag schon wieder bei uns. - Den ganzen Vormittag geht es vorwiegend durch Wiesen und Felder, selten kommt mal ein Wäldchen. Und so heizt uns die Sonne bald tüchtig ein. Nach dem Mittagsgebet erreichen wir Felsberg. Bis zur Mittagspause müssen wir noch




durch diesen Ort und noch durch Gensungen, und dann auf der anderen Seite den Heiligenberg hinauf. Endlich oben, gibt es die Belohnung. Jens macht die Heckklappe vom VW-Bus auf: Wasser, Äpfel, Gurken, Joghurt und sogar Erdbeeren, was für Köstlichkeiten!

Die Reststrecke nach Melsungen ist recht angenehm. Wir unterqueren die A7 an einer staubigen Baustelle. Es geht "fast nur noch bergab", wie die Streckenmeister häufig so schön sagen. So senkt sich der Weg allmählich ins Fuldatal. Im Ort sammeln wir uns an einer Unterführung und ziehen singend in Richtung Kirche. Dort steht eine Frau, die mir schon von weitem irgendwie bekannt vorkommt. Es ist Gudrun, die im letzten Jahr mit gepilgert ist und deren Gemeinde hier ist. Welche freudige Überraschung, sie hier zu treffen.
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Gudrun heißt uns in der Kirche willkommen, auch der Küster sagt ein paar Begrüßungsworte. Eine Gruppe aus der Gemeinde berichtet von einem Pilgerweg in Umbrien. Später kommt noch die Pfarrerin dazu. Zur Unterkunft ins Gemeindehaus geht es jetzt doch noch mal bergauf. Dort richten wir uns ein. Wer duschen will, muss noch einmal den Hügel ganz hinauf bis zum Freibad. Es lohnt sich aber, denn es gibt so viele Duschen, dass man sich richtig viel Zeit lassen kann.
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Abends sitzen wir noch im Garten. Ein Gefühl der wohliger Ruhe und Entspanntheit kehrt ein. Ich sitze auf der Bank und schaue einfach nur, ohne etwas zu tun. Manchmal schreibe ich etwas. Manche pflegen ihre Füße, versorgen die Blasen. Viele singen mit Kurt. "Abend ward, bald kommt die Nacht". Für mich klingt es sehr schön. Aber Kurt ist strenger, lässt die Stimmlagen einzeln singen, setzt Gruppen um. So klingt der Abend aus.
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Nun ist es dunkel. Das Fenster nur noch ein schwacher Umriss. Es ist jetzt stiller - etwas.

Norbert Glatthor, Bielefeld