Pilgern - Erfahrungsberichte

Von Melsungen nach Hess. Lichtenau

von Ulrike Arnold (10.07.2013)

10. Juli 2013 - von Ulrike Arnold
Von Melsungen nach Hess.-Lichtenau

Die Nacht habe ich im Kirchenraum des Dietrich-Bonhoeffer-Gemeindezentrums in Melsungen verbracht. Zum Frühstück versammeln wir uns draußen; die Morgenkühle umfängt uns. Manfred begrüßt uns mit der Tageslosung aus dem Buch Jona: "Ich rief zum Herrn in meiner Angst und er antwortete mir." Clemens, mit elf Jahren der jüngste Pilger der Gruppe, ist heute Pilgerleiter. Nach seiner Ansage vertieft er sich wieder in seinen Fantasy-Schmöker.

Um 7.30 Uhr feiern wir Gottesdienst. Aus dem Schlafsaal ist ein gottesdienstlicher Raum geworden, mit schöner Lichtinstallation und einem wunderbaren Auferstehungsfenster, das ganz in Blautönen gehalten ist. Daneben ein kleiner rotes Fenster mit Bibelversen zu Mensch, Gott, Christus und Heiligem Geist. Der Altarraum ist schlicht möbliert mit Altar, Lesepult und Kanzel in einfachen kubischen Formen. Im Mittelpunkt des Gottesdienstes steht die Lebensgeschichte von Franz Rosenzweig (1886-1929) aus Kassel, einem jüdischen Gelehrten, der nach dem 1. Weltkrieg durch seine Übersetzung der hebräischen Bibel viel zur Erneuerung des Judentums beigetragen hat, und dessen Lebensende durch eine Krankheit überschattet war, die zu einer fast vollständigen Bewegungs- und Sprechlähmung führte. Michael würdigt ihn als einen Menschen, der aufgebrochen war, um Gott zu finden, als einen Zeugen des Glaubens.

Als Streckenmeister wird Kurt, der uns drei Tage lang gut geführt hat, abgelöst durch Helmut Wenderoth, der uns heute über den Sälzer Weg, eine alte Salzhandelsstraße, bis nach Hessisch Lichtenau führt. Der Weg führt über die mittelalterliche Bartenwetzer-Brücke, die die Fulda überspannt, hinaus in den Wald.

In ihrer Puncta stellt uns Margit Abraham vor Augen, den "Vater des Glaubens", von dem wir heute schon in der Schriftlesung des Gottesdienstes gehört haben. Aber sie zeichnet ihn nicht als Glaubenshelden, sondern als Versager. Abraham hat Angst, er lügt, er muss Trennungen in der Familie erleben, er ist verzweifelt und widerspricht Gott, er ist ungeduldig und zeigt Schwäche im Umgang mit Sara und Hagar. Margit ermutigt uns, Gott die Bruchstücke unseres Lebens hinzuhalten und Ihn um Heilung zu bitten. Schweigend gehen wir weiter.

Wir laufen durch schönen Wald und gelangen nach Kehrenbach, einem alten Köhlerdorf, das abgeschieden in einem Tal liegt. An der Grillhütte oberhalb des Dorfes halten wir eine frühe Mittagsrast. Der Blick geht ins Tal hinab, das Sonnenlicht spielt in den Blättern der Bäume, und während meiner Mittagsruhe höre ich leises Stimmengewirr und das mächtige Rauschen der Bäume im Wind. Die Luft kühlt, und zum ersten Mal werden Jacken ausgepackt.

Weiter geht es ins Dorf hinunter. Am Bach waschen wir uns gegenseitig die Füße, so wie Jesus seinen Jüngern die Füße gewaschen hat. Das Wasser des kleinen Baches, der das Dorf durchfließt, ist angenehm kühl; Ich fühle mich erfrischt und gestärkt für den weiteren Weg.

Unterwegs halten wir inne: wir haben die Mitte unseres Weges erreicht. In einem großen Kreis beschreibt jeder, wie es ihm im Moment geht. Zwei Mitpilgerinnen werden uns an diesem Abend verlassen.

Um 18 Uhr erreichen wir Hessisch Lichtenau und werden in der Kirche von Pfarrer Peter Möller begrüßt. Bei der Kirche treffen wir zwei Wanderer, die auf dem neuen Grimmsteig unterwegs sind. Sie fragen: "Wisst ihr, wo man hier übernachten kann?" - Jaqueline antwortet: "Ich weiß es auch noch nicht, aber kommt doch einfach mit!" Kurz entschlossen schließen sie sich uns an und teilen mit uns Essen und Unterkunft. Auf der Wiese des evangelischen Gemeindehauses essen wir eine köstliche Kartoffelsuppe. Zum Nachtisch serviert Norbert Melonen. An diesem Abend verabschieden wir uns von Kurt, unserem Streckenmeister der ersten Etappen, von Birgit, einer unserer organisatorischen Leiterinnen, und von Gudrun als Tagespilgerin, die die Station Melsungen organisiert hat.

Am Abend entfaltet sich in den verschiedenen Räumen des großen Hauses das pilgertypische geschäftige Treiben: Blasen werden gepflegt, Zecken entfernt, Tee wird gekocht, Betten werden vorbereitet und Telefongespräche geführt. Nach der Komplet im großen Saal beginnt um 21 Uhr die Nachtruhe.

Ulrike Arnold, Eschwege